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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 12)

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zwingen; Alexander muss froh sein, durch das erzählte Kunststück (zwei 
äs oder das den Greifen vorgehaltene Fleisch) wieder zu den Seinen zu 
kommen. Dass es sich um das Paradies, das dem irdischen Menschen ver- 
schlossen ist, handelt, sieht man daraus, dass die drei anderen Seiten 
desselben Capitäls darstellen: Adam und Eva im Paradiese, den Sünden- 
fall, die Vertreibung aus dem Paradiese. 
Hiemit war ein durchaus weltlicher Roman auf das Gebiet christ- 
lichen Denkens herlibergezogen und es dürfte uns nicht wundern, wenn 
auch in anderen Kreuzgängen noch viel solcher romanhafter Zlige aus 
den damals sehr beliebten Erzählungen in Sculptur oder Malerei erscheinen 
sollten. Z. B. das Bildchen in der Brunnencapelle zu Heiligenltreuz, 
Alexander reit auf dem Löwen reitend, ist wahrscheinlich der 
Rest eines ganzen Cyclus von Glasgemälden, der sicherlich nicht zur 
Kurzweil, sondern zur moralisirenden Belehrung der Mönche in den 
Fenstern des Kreuzganges oder in diesem Fenster der Brunnencapelle 
zur Darstellung gekommen war. Wirklich finden sich in der Handschrift 
158 des Stiftes (Codex x58, 12. Jahrhdt.) bedeutende Stücke aus dem 
lateinischen Alexanderroman, als wActus Alexandri Magni Macedonisu, 
ein Zeichen, dass man hier den Roman las und sicher auch Darstellungen 
aus demselben im Kreuzgange gerne sah. 
Springer deutet eine Darstellung, die er aus Cahier, Nouv. Mel. 
abbildet, stammend aus Chartres, 12. Jahrhundert, als eine Entlehnung 
aus der antiken Kunst: ein geflügelter und mit einem Horn auf der 
Stirn versehener bärtiger Satyr hat ein Mädchen bei den offenen Haaren 
gepackt und droht demselben mit einem erhobenen Schwert. Das Mädchen, 
das sich nicht entführen lassen will, hält sich mit der Linken an einem 
Baumstamm und blickt flehentlich zu einem Centaur, der von rechts her 
ansprengt. Fürchterlicher Miene, die Zähne fletschend, spannt dieser den 
Bogen, sicher nicht gegen das Mädchen, obschon die Zeichnung dies an- 
zudeuten scheint, sondern gegen den Satyr, dem er das Mädchen ent- 
reißen will. Auf dem Pferderücken des Centaur sitzt ein ganz nackter 
Knabe, den Kopf nach rückwärts gerichtet; er sieht eine Gans an, die er 
beim Halse gepackt hat und erwürgt. Seine Rechte ruht wie begiitigend 
auf dem bärtigen Hinterkopf des Centaurs. Springer meint") dass für diese 
Darstellung rChiron mit Achilles auf dem Rücken: aus irgend einem alten 
Kunstwerk als Vorbild gedient habe. Cahier denkt an die Versuchung 
des Menschen. Aehnlich spricht sich Piper, Mythol. l, 396, aus. Es ist 
keine Frage, dass Menzel, Symbolik l, 47x, das Fresko Giottos in der 
Unterkirche von Assisi mit Recht heranzieht, wo der Centaur, die rohe 
Sinnlichkeit, wie entwaffnet, zurückgebeugt dargestellt ist, da der frei- 
willige Gehorsam ihn mit leichter Mühe besiegt durch einfache Berührung 
mit der Hand. Es wäre also das Ringen zweier dämonischer Mächte, der 
"j Bilder aus der neuen Kunstgeschichte, 
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