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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 12)

stürzung der Symbolik ein. Schon Durandus hatte zu viel allegorisirt, 
und damals waren die Gestalten überschaubar. Was aber die Teufels- 
fratzen vom Schloss Tirol, vom Zenoberg, was viele der Gestalten im 
ersten Stockwerke des Straßburger Domthurms (14. Jahrh.), was die 
Gestalten, die freilich nicht mehr streng der kirchlichen Kunst angehören, 
vorn Schachbrette des Herzogs Otto von Kärnten von 1310 oder dem 
von Aschaffenburg, oder dem Schachbrettreliquiar im "Welfenschatzeu 
bedeuten, ist schwer zu sagen. Das Allegorisiren war so weit herab- 
gekommen, dass 1361 Philipp de Vitry 7o.ooo Verse dazu verwendete, 
die Metamorphosen des Ovid in christlichem Sinne zu allegorisiren. Da war 
freilich der zügellosesten Phantastik, dem Spielen und Prunken mit leicht 
erworbener Gelehrsamkeit Thür und Thor eröffnet. Das Ganze hatte sich 
deshalb überstürzt, weil der Clerus selber sich von der Kunstübung 
zutückzog und dem Laien die Arbeit völlig überließ, höchstens dass manch' 
ein Vorsteher noch durch besondere Bestellungen der Phantasie des Bild- 
schnitzers oder Steinmetzen eine bestimmte Richtung gab. Der gothische 
Stil hatte die Phantastik von den Portalen weggedrängt, dort fanden 
Christus und Maria und die Heiligen nunmehr ihren Platz, wo ehemals- 
Löwen und Vipern und Centauren ihr Wesen getrieben hatten. Aber 
noch gab es dienende Glieder genug, wo die Teufeleien sich festhielten, 
und welche weder der Bauherr noch der Architekt bis in's Kleinste con- 
trolirten. Sicher hat auf die Wasserspeier von Vincennes so wenig der 
Bauherr geachtet, wie es der Geistlichkeit nicht eingefallen ist, die Wasser- 
speiergestalten an der Votivkirche zu Wien oder die der neuen St. Blasien- 
kirche zu Admont zu controliren. Da fängt aber schon der Volkswitz, 
die Satyre, oft auch das Derbe, Komische an. 
Die Satyre hatte schon früh bei mancher Teufelsdarstellung ihr Wesen 
entfaltet, auch dort, wo es sich beispielsweise um die nSeelenwägungu 
beim jüngsten Gericht handelt: St. Michael und der Teufel mühen sich 
die Wagschale auf je ihrer Seite hinabzudrücken (Kathedrale zu Aachen). 
lm Herzogenburger Codex, den ich oben erwähnt, erscheint der Teufel, 
als Bär, eigentlich doch nur als plumper, dummer Teufel. Auch die 
Darstellungen der Höllenqualen selbst im Campusanto von Pisa bis zum 
Milstädter- und Danzigerbilde enthalten nicht blos jene ernsten Gestalten 
wie sie in antiker Zeit Polygnot in der Lesche zu Delphi gemalt und 
Dietrich in seinem Werke Nekyia aus der griechischen Volks- und der 
orphisch-pythagoreischen Geheimlehre analysirt, sondern daneben auch 
satyrische, bitter sarkastische Züge. 
Aber den Malern des Mittelalters wie den Steinmetzen und Bild- 
schnitzern, das muss gleich im vorhinein betont werden, war es mit diesen 
Zügen so bitterer Ernst, wie es dem Dante in seiner Divina Commedia 
Ernst gewesen ist bei seiner Beurtheilung, will oft sagen, Verurtheilung 
von hohen und höchsten Persönlichkeiten (Kreuser, Kirchenbau ll, 248). 
Es ist eben keine Posse, sondern eine bittere Satyre, und mehr als das,
	        

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