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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 2)

Stellen diese Arbeiten, verglichen mit älteren antiken Schmucksachen, 
in technischer Beziehung keinen Fortschritt dar, so erheben sie sich auch 
in künstlerischer Hinsicht nicht über ihre Vorgänger. Die höchst 
einfachen Motive lassen sich in folgender Weise kurz zusammenfassen: 
Durchwegs bildet der Stein, oder an seiner Stelle die künstlerisch gleich- 
werthige Perle den Mittelpunkt. Um diesen formt der Goldschmied in 
der Regel eine Rosette aus Gold und bereichert die Wirkung durch 
zierliche Anhängsel in verschiedener Zahl, deren Hauptbestandtheil Perlen 
bilden. Die Anhängsel sind aber nur ausnahmsweise unmittelbar an die 
Rosette gefügt, meist verbindet beide Theile ein überleitendes Mittelglied, 
das wir in der Beschreibung als Querstab bezeichnet haben. Es bildet 
das dritte wesentliche Element dieser Schmuckstücke. Wenn dagegen blos 
ein Anhängsel sich an die Rosette schließt, fehlt dieses Mittelglied, wie 
bei x und 2 (Nr. 264 und die vorhergehende). Nach diesem Schema 
sind nicht nur Ohrgehänge sondern auch Halsgeschmeide und sonstige 
Schmuckstücke componirt. 
So unbedeutend und einfach, bei aller zugestandenen Entwicklungs- 
und Variationsfähigkeit die künstlerische Erfindung an diesen Arbeiten 
nun auch ist, ist sie in ihrer ursprünglichen Form doch nicht römisches 
Verdienst. Die mit Perlen oder Tropfen behüngte Rosette ist ein altes 
griechisches Motiv. Nichtsdestoweniger hat dieser Schmuck durch die Art 
der Ausführung doch vollkommen römischen Charakter gewonnen. Die 
breite Anlage des Ganzen, im Gegensatze zur Subtilitlit ähnlicher grie- 
chischer Arbeiten"), der hochentwickelte Sinn für das decorativ Wirk- 
same, die auf alter Erfahrung beruhende Sicherheit in Bezug auf Farbe, 
Form und Dimensionen, und als Letztes, aber nicht Geringates, das wie 
von der Hand eines Ingenieurs eingeschobene Querstäbchen, das sind 
Züge, worin wir echt römische Sinnesart erkennen. Mit richtiger Em- 
pfindung hat der römische Juwelier die Mittel gefunden, dem Geschmacke 
und den Bedürfnissen einer Gesellschaft richtigen Ausdruck zu geben, 
welche die tonangebende in der civilisirten Welt dreier Continente war. 
Er ist dahin gelangt, indem er ein Verhältniss, woran man durch Jahr- 
hunderte festgehalten, nicht nur aufgegeben, sondern geradezu umgekehrt 
hat. Den Stein, der beim griechischen Schmuck selten auftritt und der, 
wenn es der Fall ist, nebensächlich behandelt 'wird, hat er zur Haupt- 
sache gemacht. Der farbenfrische Krystall bildet den am schärfsten betonten 
Theil und zugleich den Ausgangspunkt der Composition, die Goldarbeit 
dagegen ist in den Hintergrund getreten. Der Gemrnenschmuck der 
alexandrinischen und augusteischen Zeit hat bei dieser Umwandlung den 
Uebergang gebildet. Hier schon spielte der Stein, seine Seltenheit und 
schöne Farbe eine hervorragende Rolle, aber in erster Linie stand noch 
das Kunstwerk des Steinschneiders mit seinem bedeutsamen Inhalt gleich- 
") Vgl. z. B. die mit Edelneinen vzrsehenen Stock: unter den Funden von Kamch
	        

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