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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 12)

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tenden Summe von Wissen über lkonographie und Symbolik, über He- 
raldik u. s. w. vertraut sein müssen und die entsprechende Terminologie, 
die fachliche Ausdrucksweise zu beherrschen haben. 
Um aber im Verkehr mit den Gewerbetreibenden seine Erklärungen 
und Anordnungen - und es kann nicht ausbleiben, dass er diese zu 
geben gezwungen ist - in kurzer und verständlicher Weise vorbringen 
zu können, muss er auch die rein technischen, handwerklichen Bezeichv 
nungen wissen, welche zur unerlässlichen Erleichterung des mündlichen 
und schriftlichen Verkehrs im Gewerbeleben sich ausgebildet und gefestigt 
haben, d. h. er muss auch die kunstgewerbliche Terminologie sich zu 
eigen gemacht haben. Im entgegengesetzten Falle ergibt sich der unsäglich 
trostlose Zustand, dass sich beide Parteien, der Zeichner und der aus- 
führende Arbeiter, trotz aller Mühe nicht verständigen können, und dass 
in Folge dessen MissgriiTe und Irrthümer aller Art das angestrebte Re- 
sultat geradezu unerreichbar erscheinen lassen. 
Eine Forderung an den Zeichner, welche sowohl von Fachleuten, 
als auch von Laien täglich gestellt wird, wobei Erstere an das positive 
Wissen, Letztere an das vGefühln und den uGeschmack-i des Künstlers 
appelliren, bezieht sich auf das Stilgcmäße der Arbeit. Ich brauche bei 
Berührung dieses Punktes nicht länger zu verweilen, da die Stilfrage, als 
eine brennende, tagtäglich auf's Neue aufgerollt und nach allen Richtungen 
herathen, ohnehin schon zu einer allgemein bekannten Angelegenheit 
geworden ist. Es wäre ein fruchtloses Unterfangen, hier den vielfältig 
verschiedenen Anschauungen gegenüber ihr Wahres und Falsches an- 
deuten zu wollen, um sodann mit Hinweis auf das beweisbar und un- 
zweifelhaft Giltige, alles das zusammenzufassen, was den Zeichner in 
Stand setzt, nicht etwa die Aeußerlichkeiten gewisser Kunstproductc der 
einzelnen Stilperioden nachzuäffen, sondern seine Hervorbringungen 
so zu schaffen, dass sie an sich, ohne Rücksicht auf ein bestimmtes 
Original, als stilvoll bezeichnet werden können. Weitaus gerechtfertigter 
wird es sein, hier kurz anzudeuten, was von dem Zeichner heutzutage 
in Bezug auf den Stil verlangt wird. Ob mit Berechtigung oder nicht, 
mag dabei gänzlich dahingestellt bleiben. 
Man verlangt von ihm, sich mit der gleichen Geläufigkeit der 
Formensprache aller Ausdrucksweisen der verschiedenen Zeiten und 
Länder zu bedienen. Man verlangt von ihm nicht etwa blos, dass er 
im Besitze der geistigen und praktischen Errungenschaften aller Kunst- 
epochen sei, sondern auch, dass er sich ihrer bei Gelegenheit wieder 
mehr oder weniger entäuBere. Er soll zu jeder Zeit in jedem beliebigen 
Grade unerfahren und unpraktisch sein können, um nicht nur allein mit 
Bewusstsein Vollkommenes hervorzubringen, sondern auch von Fall 
zu Fall, mit der nöthigen Naivetät ausgestattet, Unvollkommenes zu 
schaffen, wie es eben in den Verhältnissen irgend einer gerade beliebten 
Stilperiode gelegen sein mag. Die Kunst soll, wenn Liebhaberei es er-
	        

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