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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 6)

und selbst ein anscheinender Misserfolg gerade in den ersten zwei christ- 
lichen Jahrhunderten soll uns nicht entmuthigen. Ja vielleicht verbinden 
sich früheste Vergangenheit und jüngste Gegenwart, und es lässt sich 
vielleicht doch ein wesentlicher und praktischer Fingerzeig für unser neu 
erwachtes Verständniss finden, wenn wir anscheinend mit leeren Händen 
aus den Katakomben zurückkehren und doch aus der hl. Schrift erfahren, 
dass der Apostel Paulus schon das Vorbild unseres heutigen Messltleides 
selbst getragen und benützt hat. 
Gut zu fragen ist bekanntlich eine größere Kunst als weise zu ant- 
worten. Fragen wir daher nicht nach dem Messkleide der Katakombenzeit, 
sondern darnach, 0b die damalige Profankleidung ebenso geeignet war, 
beim Gottesdienste den Eindruck des Erhabenen und Würdigen hervor- 
zurufen als unsere moderne Kleidung, besonders das Festkleid des Mannes 
gänzlich ungeeignet, ja geradezu undenkbar ist für gottesdienstliche Ver- 
wendung. Einen Priester im Frack am Altare vermögen wir uns nicht 
vorzustellen und wir könnten ihn nichts Anderes opfernd denken, als 
den Ernst des Eindruckes. 
Es mag uns dieser Contrast über den ästhetischen Werth moderner 
Kleidung etwas nachdenklich machen, so viel ist aber für unsere Frage 
gewiss, dass es anders war in der antiken Zeit. Oder ist es uns je ein- 
gefallen, vor dem höchsten Werke da Vinci's oder einem Flihrich'schen 
Abendmahlsbilde die Forderung zu stellen, der das Brot verwandelnde 
Christus solle eine andere Kleidung tragen als sie daneben die Apostel 
haben, alle in ihre Tunica und die faltigen Mäntel gehüllt. Genau diese 
Empfindung leitete die Christen der Katakombenzeit. Das lange, falten- 
reiche Kleid der Antike, ein Talar dürfen wir kurz sagen, und ein meist 
schräg über die Brust und Schultern geschlagener Mantel, also Tunica 
und Pallium, gaben ihren Trägern noch immer etwas Ernstes, Würde- 
volles, Gemessenes, wenn auch die alte Toga schon von Domitian, also 
vom r. Jahrhundert an nicht mehr in der Mode des alltäglichen Ge- 
brauches war. So hindert uns nichts, kein Monument und kein schrift- 
licher Bericht in der Annahme, dass man sich des antiken Kleidungs- 
schnittes auch für jene Kleider bediente, die in der Liturgie der Haus- 
basiliken Roms und ausser der Stadt in den gegen die Straße zu offenen 
Cellae coemeteriales wie in den unterirdischen Griiften beim heiligen Opfer 
gebraucht wurden. Wir dürfen wissenschaftlich annehmen, dass Tunica 
und Pallium, kaum aber statt letzterem auch die Toga in liturgischer 
Verwendung standen, und allgemein ist die Ansicht der Archäologen, dass 
nur diese Kleider die priesterlichen Paramente damals bildeten; allerdings 
durften sie außerhalb des Gottesdienstes nicht gebraucht werden und 
waren selbst durch Kostbarkeit, Reinheit und vielleicht auch eine besondere 
Weihe vor den irn Schnitt gleichen Profankleidern ausgezeichnet. 
Weder in der heiligen Schrift noch in der mündlichen, später auf- 
geschriebenen Ueberlieferung haben wir einen Hinweis auf das Gegentheil;
	        

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