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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 6)

nirgends findet sich eine specielle Anordnung Christi, dessen ungenähte 
Tunica ja gerade von den Evangelisten mit besonderem Nachdrucke bei 
der Kreuzigung erwähnt wird. Selbst die wissenschaftlich merkwürdigen 
Visionen der Katharina Emmerich, die durch ihre archäologische Treue 
stellenweise geradezu frappiren, belassen in der priesterlichen Apostel- 
kleidung noch immer so viel Freiheit, dass wir, bei unserer Ansicht bleibend, 
gerne irgendwelche besondere Abzeichen, wie ein stolaartiges Band oder 
einen Stab . . zugestehen; der Grundtypus des Priesterkleides aber ging 
über Tunica und Pallium nicht hinaus. Dabei stehen wir auch in der Zeit 
eines Domitian, unter dessen Regierung (81491) die Toga :der Paenula 
nobilis allmälig weichen musste, freilich so langsam, dass noch Commodus 
(t8o-i93), also ioojahre später, eine Neuerung einführte, wenn er den 
Besuch der Arena nicht in der Toga, sondern in der Paenula, mit deren 
Form wir uns ja noch eingehend zu beschäftigen haben, anbefahl. (Roh. 
de Fleury Vll, p. 114..) Um diese Zeit, sagen wir, uns Wienern näher 
liegend, ungefähr als Marc Aurel 180 hier in unserer Vaterstadt starb, 
um die Mitte des z. Jahrhunderts war jenes älteste liturgische Bild in 
der S. Friscilla-Katakombe schon entstanden, dessen geniale Entdeckung 
durch Wilpert im Vorjahre so viel von sich sprechen machte. Wir be- 
schreiben dasselbe nach einer guten Phototypie kurz dahin, dass es 
sieben Personen darstelle, die, um einen sigmaförmigen Tisch (also 
eine Art Halbmond) versammelt, an dem eucharistischen Mahle theil- 
nehmen. Ohne eine Momentphotographie einer Katakombenmesse darin 
sehen zu wollen, müssen wir doch die Aufmerksamkeit des Malers für 
Costümdetails hervorheben, da er der einzigen Frauendarstellung darauf 
das Ricinium über das Haupt legt, wie jetzt noch die italienischen 
Frauen und Mädchen beim Betreten einer Kirche sich das Haupt ver- 
hüllen, und so freilich manchmal etwas originell mit ihrem improvisirten 
Riciniurn doch noch auf apostolische Zeit und die Mahnung des Apostels 
Paulus erinnern, dass die Frau in der Kirche verhüllt zu erscheinen habe. 
lst nun unser Maler hierin trotz aller Symbolik seines Bildes von 
einem realistischen Zug nicht frei, wie er es auch in der treuen Wieder- 
gabe eines Kelches mit Doppelhenkel zeigt, so dürfen wir seiner Art, die 
Priesterkleidung in der Mitte des 2. Jahrhunderts darzustellen, doch auch 
etwas historische Treue zumessen. Die vom Beschauer aus links gut er- 
kennbare Eckfigur ist die des Liturgen, er nimmt den locus consularis, 
den Ehrenplatz, beim mystischen Mahle ein; sprechend genug sagt seine 
Handbewegung, es handle sich um die fractio panis, um die nGernein- 
samkeit des Brotbrechensu; er ist der wqui fratribus praeestu, wie Justinus 
der Martyrer den Bischof nennt, aber dem schärfsten Auge wird es un- 
möglich sein, an ihm eine andersgeformte Kleidung zu finden, als Tunica 
und Pallium, wie an den übrigen Figuren desselben Bildes. Das Pallium ist 
ihm von der Schulter herabgesunken und legt sich in deutlich sichtbaren 
Falten von der Mitte des Körpers an um die Beine, eine Partie unseres
	        

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