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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 3)

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zu Tage fördert, die mit der gleichzeitigen Cultur in gar keinen vernünf- 
tigen Zusammenhang zu bringen sind, ragt mit manchem seiner Gebilde 
ohne Zweifel aus jenen Anfangsstadien der Cultur in geschichtliche Perioden 
herein. Aus dem Bedürfniss, Uebel aller Art abzuwehren, erwächst also schon 
auf den frühesten Culturstufen für den Schmuck sowohl formell als 
inhaltlich eine ganz besondere Bereicherung. Aber nicht allein Kampf 
und Erhaltungstrieb werden zu wesentlichen Factoren in der Entwicklung 
des Schmuckes, auch die friedlichen Beziehungen der Völker zu einander 
sind der Schmuckentwicklung außerordentlich günstig, indem durch Aus- 
tausch von Rohmaterialien, Kunstformen und Techniken unausgesetzt 
neue Bereicherungen stattfinden. 
Wie weit manche Techniken schon auf frühesten Culturstufen ge- 
trieben werden, zeigt z. B. das Flechtwerlr, das auf Neu-Guinea herge- 
stellt wird und dessen zierliche Combinationen im dortigen Schmuck viel- 
fach Verwendung finden, und ebenso wird das Schnitzen, Graviren, 
Färben, Poliren, Einbrennen schon auf den primitiven Culturstufen ge- 
übt, von den zahlreichen Erfindungen nicht zu sprechen, die bereits in 
vorhistorische Zeit fallen. - Unter ihrem Einflusse greift namentlich 
eine interessante und oft hochbcdeutsanie Uebertragung der Form des 
ursprünglichen Naturproductes auf fremdartiges Material Platz. S0 wird 
z. B. aus der Beere, dem Sarnenkerne, den abgeschnittenen Gras- und 
Rohrstengeln eine nach solchem Vorbilde geformte künstliche Perle, aus 
der wirklichen Muschel eine aus Gold, aus dem ursprünglichen wirklichen 
Thierkopf, dessen Nachbildung in Holz, Thon, Knochen u. s. w. Ein 
sehr bedeutendes Moment für die Schmuckentwicklung auf primitiven Cul- 
turstufen ist ferner das der socialen Differenzirung. Es tritt in Kraft, 
sobald einschneidende Classenunterschiede in einem Volke entstanden 
sind. Solche Unterschiede werden ganz besonders durch den Krieg her- 
beigeführt, wenn der Sieg der einen Partei nicht mit der Vernichtung 
oder Vertreibung, sondern mit der Unterjochung der anderen endigt. In 
diesem Falle stehen zwei Schmucksysteme nebeneinander; der Schmuck 
der Sieger, der nunmehrigen Herren, und der der Besiegten, der Sclaven. 
Sclavenschrnuck und Herrenschmuck werden zunächst keine Verbindung 
miteinander eingehen, vielmehr wird der eine eine ehrende, der andere 
eine demüthigende Bedeutung gewinnen, wodurch ein gegenseitiges Ver- 
schmelzen ausgeschlossen ist. Im weiteren Verlaufe werden sich aber 
zwischen Herrenschmuck und Sclavenschmuck Mittelstufen ausbilden, 
jene sich allmälig mehrenden Fälle bezeichnend, in denen durch Gunst 
oder Verdienst Sclaven in höhere gesellschaftliche Ränge erhoben 
werden. Der neue Schmuck wird Elemente beider Gattungen aufweisen, 
und die geringere oder weiter gehendere Reception des Herrenschmuckes 
wird die verschiedenen Rangstufen deutlich zum Ausdruck bringen. 
Nicht geringen Einfluss auf die Weiterbildung primitiven 
Schmuckes wird endlich das Eindringen religiöser Elemente in den-
	        

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