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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 3)

liche Tapferkeit in helles Licht zu setzen. Eine bestimmte Gruppe von 
Schmuckgegenständen gäbe sich dagegen deutlich als Stammes-, Classen- 
oder als Standesabzeichen zu erkennen. 
Das sind aber augenscheinlich nur Differenzirungen, bei denen die 
ursprüngliche Bedeutung entweder ganz verloren gegangen oder in den 
Hintergrund gedrängt worden ist. 
Gäbe es überhaupt keinen Schmuck, der um des Schmückens willen 
entstanden ist, so wären auch diese verschiedenen Gattungen undenkbar. 
Es ist jene Gabelung und Verästelung eingetreten, die wir auf allen Ge- 
bieten menschlichen Schaffens bemerken, und die auf dem naheliegenden 
Gebiete der Kleidung in noch viel auffälligerem Maße zu erkennen ist, 
ohne dass dadurch die Giltigkeit eines bestimmten Urmotives, in diesem 
Falle des Schamgefühls, in Frage gestellt würde. 
Wenn daher namentlich von Seite der Ethnologen an der Hand be- 
stimmter Erscheinungen der ästhetische Ursprung des Schmuckes geleugnet 
wird, so muss dies mit dem Hinweise beantwortet werden, dass solche 
Erscheinungen entweder nicht mehr rein primitiven Verhältnissen ent- 
sprechen, oder aus localen Ursachen hervorgegangen sind, so dass man 
ihnen den Charakter allgemeiner Giltigkeit nicht zuschreiben darf. 
Nachdem wir gesehen, aus welchen Ursachen der Schmuck ent- 
steht, wollen wir uns orientiren, au f welche Weise er sich ursprünglich 
entwickelt. 
Sicherer als in der ersten Frage werden uns hier die ethnologischen 
Forschungen unter den Naturvölkern den Weg weisen, wiewohl sich _ 
Niemand verhehlen wird, dass von einer Vorbildlichkeit von absolutem 
geschichtlichen: Werthe keine Rede sein kann. Nicht allein, dass die Ver- 
schiedenheit der klimatischen und geographischen Verhältnisse, sowie eine 
Reihe anderer wichtiger Factoren, wie z. B. das Vorkommen bestimmter 
Naturproducte, auf die Entwicklung des Schmuckes ungleichmäßigen Ein- 
fluss nehmen, auch Anlage und Befähigung jetzt lebender Naturvölker 
im Vergleiche zu dem Urzustande späterer Culturnationen entziehen sich 
jeder Beurtheilung. 
Es wird also nur das Wichtigste, namentlich das, was wiederholt 
und an verschiedenen Punkten angetroffen wird, für uns maßgebend sein. 
Weniger das Detail als die Summe der Beobachtungen kann uns eine 
annähernd richtige Vorstellung dessen gewähren, was spätere Cultur- 
nationen zur Zeit der Uranfänge ihrer Entwicklung auf diesem Gebiete 
geleistet. 
Bei Eriindung des Schmuckes bewegt sich die Phantasie auf zwei- 
facher Grundlage. Einerseits beschäftigt sie sich mit dem Körper, der 
geschmückt werden soll, anderseits mit dem Schmuckmotive, das sie sucht. 
Beide, Körper und Schmuck, sollen sich zu einem künstlerischen Ganzen 
vereinigen. Die Wechselbeziehungen zwischen Schmuck und Körper sind 
das künstlerische Lebenselement des Schmuckes. Losgelöst vom Körper
	        

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