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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 9)

Ruhe und Feierlichkeit, die über das Ganze ausgebreitet ist, finden sich 
Züge freiester Natürlichkeit und das Streben nach der Erfassung momen- 
taner Situationen. Man wird den Sarkophag wohl mit größerem Rechte 
in die Mitte als in die letzten Decennien des 5. Jahrhunderts setzen. 
Ein Zeitraum von vielleicht hundert Jahren trennt den Satrapen- 
Sarkophag von dem nächstfolgenden, dem Sarkophag der klagenden 
Frauen (Fig. z). Bei ihm ist so durchsichtig wie sonst nirgends die 
Tempelform durchgeführt. Er ruht auf einem beträchtlich hohen, oben 
und unten proiilirten Sockel, der mit einem Fries in Flachrelief verziert 
ist, in dem mehr als ioo Figürchen das beliebte Thema der Barbaren- 
jagden mit behaglicher Breite ausspinnen. Darüber errichtete der 
Künstler förmlich einen jonischen Säulentempel, indem er die Wände 
durch vorgelegte canellirte Halbsäulen, in deren architektonischen Details 
sich die Elemente des kleinasiatisch-ionischen und attisch-jonischen Stiles 
vereinigen, je fünf an den Langseiten, zwei an den Schmalseiten, gliedert. 
Durch diese Eintheilung ist der Charakter der Sarkophagwand als einer 
Wand, einer eingerahmten Bildfläche, durchbrochen, sie wirkt jetzt als 
etwas Körperliches mit verschiedenen Tiefen und demgemäß nützt sie 
auch der Künstler aus, wobei er den angestrebten Eindruck noch durch 
die nach Vorbildern in der wirklichen Architektur von Säule zu Säule 
laufenden Schranken erhöht, die zugleich noch anderen künstlerischen 
Rücksichten auf das Glücklichste dienen. Zwischen den Säulen stehen, 
lehnen oder sitzen Frauengestalten, je eine in jedem Compartimente, alle 
von dem Gefühle der Trauer um den Einen erfüllt, dessen dunklen 
Grabesbau sie wie treue Wächterinnen umgeben. Wir kennen diese Ge- 
stalten, sie sind uns vertraut von den attischen Grabreliefs des 4. Jahr- 
hunderts, deren milde, stimmungsvolle Wehmuth uns so tief ergreift. 
Was aber dort wie eine vereinzelte Stimme ertönt, wirkt hier durch die 
mannigfaltig abgestuften Grade der Empfindung wie eine Symphonie 
von Instrumenten verschiedener Klangfarbe zusammen. Nicht ganz auf 
der Höhe der Composition steht die Ausführung. Es darf auch nicht 
verschwiegen werden, dass der Anblick des Originelles durch den kleinen 
Maßstab der Figuren - etwa halbe Lebensgröße - unsere Vorstellungen 
von ihrer monumentalen Wirkung empfindlich enttäuscht. Was der Ar- 
chitekt in unserem Künstler gefehlt hatte, indem er zu sehr mit der 
großen Architektur concurrirte, konnte er als Plastiker auch dadurch 
nicht wettmachen, dass er die Gestalten viel größer hielt, als es im Ver- 
hältnisse zur Sänlenhöhe erlaubt war. 
An dem weiteren Aufbau des Sarkophages fällt als etwas ganz 
Singuläres die das Dach vollständig verdeckende und den Giebel über- 
ragende Balustrade mit ihrer völlig ungegliederten Form in die Augen. 
Auch dieser obere Theil ist mit Darstellungen in Flachrelief geschmückt. 
Während im Giebel und auf seinen Abschrägungen trauernde Frauen
	        

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