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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1869 / 40)

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Wir kommen nun zum „Heute" der Holzschnitzerei. Auch heute ist noch die 
Kunst-Holzschnitzerei Volkseigenthnm, oder - wenn man sich zeitgemliss ausdrücken 
will - „Hausindustrie". Ihren Hauptsitz hat die Holzlchnitzerei in Deutschland, nlm- 
lich in Berchtesgaden, im Grödner Thale in Tirol und im Schwarzwalde. 
Im Berchtesgadener Thale verarbeiten ungetiihr 2000 Personen jährlich 700 Baum- 
stiirnme und verdienen damit circa 80.000 d. Das Holz wird gegen eine unbedeutende 
Recognitiun aus den königlichen Saliuenwaldungen an die Arbeiter abgegeben. Jetzt noch 
haben gewisse Familien das ererbte Recht, jährlich zwei Meisterstlimme und einen Gesellen- 
stamm je für I0 kr. zu beziehen. Die Zirbelkiefer, Fichte, Tanne, Lärche, Ahorn, Wach- 
hoider, Eibe, Linde, Nuss-, Apfel- Birnbauru- und Haselnussstrauch liefern das Holz. 
Die Schnitzer gehören verschiedenen Kategorien au, die unter den Bezeichnungen 
Rösseb, Trüchel-, Lötiel- und Feinschnitzer bekennt sind. Der Verdienst der ersteren ist 
ein sehr geringer; für ein Dutzend Grillenhiiuser von 2" Höhe und I1," Weite bezahlt 
der Händler 2 kr. bnirisch. Wenn der Arbeiter wirklich 180 per Tag zu Stande bringt, 
was doch keine Kleinigkeit ist, so verdient er 30 kr. 
Der 'I'riichelschnitzer verfertigt per Tag 25 Dutzend Kinderwiegen, das Dutzend 
zu 1 kr., das macht 25 kr. Der Feinschnitzer ist nstü 'ch der Aristokrat unter seinen 
Gewerbsgenossen, er verdient verhiiitnissmlissig viel. Die königl. bairische Regierung hat 
vor zehn Jahren zu Nutz und Frommen dieser Industrie geine Zeichen-, Modellir- und 
Holzschnitzschule in Berchtesgaden errichtet, welche die besten Früchte trägt. 
Auch im Schworzwalde zu Bernan, Blasien und Furtwangen bildet die Holzwaaren- 
inucherei eine wohlthlitige Ergänzung des landwirthschaftlichen Betriebes und zwar seit 
über 300 Jahren. Die feinere Holzschnitzerei beschränkt sich auf die Verfertignng von 
Uhrkiistcn; die Uhnnachcrschule in Fnrtwangen hat eine eigene Section für Schnitzerei, 
Znichenuntcrricht ist von der grossherzogl. Regierung in Bernnn, Blasien und anderen 
Orten eingeführt. 
Bedeutender als die Schwarzwalder und Berchtesgadener Industrie an Umfang ist 
die des Griidener Thsles. 
Aus dem Berichte des Herrn Directors v. Eitelberger entnehme ich, dass im 
Grödener Tlmle über 2000 Menschen von Holzschnitzerei leben, dass im Jahre 1867 
75811 Zollctr. Holzwaaren im Werthe von mehr als 200.000 d. exportirt wurden, endlich 
dass die Regelung des Bezuges des nöthigen Zirbelholzes und die Errichtung einer or- 
dentlichen Industrieschule zwei Lebensfragen dieser Industrie sind. 
Die Holzhildheuerei wird besonders mit Erfolg von der Mayerhzchen Kunstanstalt 
in München betrieben, in welcher viele Tiroler unter Leitung nes ehefalls aus Tirol ge- 
bürtigen Prof. Knabl arbeiten,. 
Die deutsche Holzschnitzerei wird ansser dem genannten Etablissement, welches 
besonders Heiligenbilder liefert, noch in manchen: anderen mit Erfolg cultivirt. 
Die Berliner Möbelbaugesellschaft "Renaissance" hat in kurzer Zeit unter der Lei- 
tnng der Gebrüder Lövinson durch die Pdege der gestochenen Möbelverziernngen von 
anständiger Form und billigem Preise einen riesigen Export erzielt. 
In neuerer Zeit hat es namentlich die Schweiz verstanden, die natürliche Anlage 
der Dx-utsrhen zur Holzschnitzerei auszubilden. Die Schweizer Uhrklisten, Nippsachen, 
Snlonverzierungen gehen in die ganze Welt. Die Etablissements der Gebrüder Wirth 
und des Flück in Brienz halten Lager in New-York. Erstere Firma hat für ihre 500 
Arbeiter eine Bildhauerschule errichtet. Ansser Brienz sind noch Bern und Thnn als 
Sitze der Schweizer Holzschnitz-Industrie von Bedeutung. 
Nimmt nurh Deutschland unbestrittenüien ersten Rang ein, so ist doch Paris schon 
deshalb ein gefährlicher Rivale, weil es für Holzschnitzereien enorme Preise zahlt und 
darauf bedacht ist, das Geld nicht in's Ausland gehen zu lassen. Bei Gelegenheit der 
Pariser Ausstellung sind für Holzscnlpturen fabelhafte Preise - bis zu 60.000 Frcs. - 
bezahlt worden. 
Die Franzosen verarbeiten viel nnssereuropäisches Holz zu Schnitzereien, wie Eben- 
holz, Sandelholz u. dgl. Besonders gewisse Artikel sind es, in denen die Pariser Arbeiter 
excellircn, z. B. geschnitzte Regenschirm- und Spazierstöcke, Fächer und Dosen, letztere 
aus Palmen-, Thuje-, Oliven-, Ahorn-, Eichenholz etc. 
Der Arbeitslohn für Dosen-Arbeiter ist 5-7 Frnncs. Berühmt ist die Dosenfnhrik 
in St. Claude, wo allerdings nicht blos geschnitzte und auch nicht blos hölzerne Dosen 
gemacht werden. 1000-1200 Arbeiter sollen per Jahr 125.000 Dutzend Dosen erzeugen. 
Es ist wohl hier am Platze, der französischen Fächer-Industrie zu gedenken, bei 
der dir- Fclmitzsrei in Ehen-, Acajom, Rosem, Palisnndeh, Saudelholz ein Hanptüctor ist. 
Aber nicht blos so kostspieliges Holz, wie das Sandelhnlz aus Japan, von dem der Centner 
auf 45 d. zu stehen kommt, sondern auch einheimische Hölzer, bei denen der Preis 5 d. 
per Centner nicht übersteigt, kommen zur Verarbeitung.
	        

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