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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1869 / 43)

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Grundzüge des Programrnes der nächsten Weltausstellung in London. 
London, 9. April. 
Mit der grossen Pariser Ausstellung von 1867 schien dem Weltnusstellungstieber für 
lauge Zeit ein Ziel gesetzt zu sein. Da London durch Paris an Glanz und Massenbaftigkeit 
übertroffen worden war, und da weder Wien, noch Berlin, noch irgend eine andern 
Hauptstadt des Festlandes ihrerseits hoffen diufte, Paris in den Schatten zu stellen, traten 
die Pläne neuer Ausstellungen, die auf mehreren Seiten aufgetaucht waren, nacheinander 
in den Hintergrund. Um unliebsame Vergleiche zu vermeiden und sich nicht kopfüber in 
Unternehmungen zu stürzen, denen sich von vornehersin kein günstiger Erfolg prophueien 
lassen konnte, entschlossen sich die hetreßeuden Regierungen, einen gelegeneren Zeitpunkt 
abzuwarten. Der Entschluss war ein weiser. Alle Welt stimmte ihm bei, und ganz besonders 
thaten dies die vielgoplagten Industriellen, welche mit Schrecken an die Gel dkost en der 
Londoner und Pariser Ausstellungen zuriickdachten. 
Desto überraschender dürfte die Neuigkeit klingen, dass man sich in London mit 
dem Gedanken einer neuen Weltausstellung trügt. Noch hat keine Londoner Zeitung ein 
Wort darüber laut werden lassen; wir unserseits aber können die Richügkeit dieser An- 
gabe verbürgen und hinznüigen, dass der Plan schon weit genug vcrgm-iickt ist, um ehestsns 
der Oeffentlichkeit übergehen werden zu können. 
Als sein Vater ist Herr Cola. der Director des Kensington-Museume, zu bezeichnen, 
der im Verein mit dem Prinzen Albert, Lord Granville und Anderen die Seele der beiden 
ersteren Ausstellungen gewesen. Dass er nicht nach der bisher beliebt gewesenen Schub lo ne 
entworfen wird, braucht kaum erst bemerkt zu werden, denn eine Riesenausstellung früherer 
Gattung liesse sich in London gegenwärtig ebensnwenig wie in Berlin und Wien mit Aus- 
sicht auf Erfolg durchführen. Der Plan fusst auf einer ganz neuen Unterlage. An 
die Stelle der Massenhaftigkeit soll diesmal strenge Auswahl treten. Statt Alles aufzu- 
nehmen, was die Industriellen aller Linder einzuseuden üir gut befinden, soll nur dem 
Allerneuesten und Vorziiglichsten eine Stelle eingeräumt werden. Sie 
soll - wenn der Ausdruck erlaubt ist - mehr Charakter eines Indnstriemuseums als 
einer Industrieausstellung an sich tragen, soll durch die hohe Bedeutung ihres Gehalts 
doppelt und dreifach dasersetzsn, was ihr an Grösse des Umfangs und künstlichen Ueber- 
reizen fehlen wird. 
Um diesen Zweck zu erreichen, wird der Antrag gestellt werden, dass das bisher 
geübte Prineip der Jury umgekehrt werde - statt dass diese nämlich, wie bisher, arn 
Orte der Ausstellung über das bereits Ausgestellte entscheide, soll eine an strenge 
Gesetze gebundene Jury im eigenen Lande jeweilig bestimmen, welche 
Gegenstände werth seien, verrnöge ihrer überwiegenden Vortrefflichkeit 
und Neuheit im Londoner lndustriemuseurn ausgestellt zu werden. In der 
Zulassung allein würde eine hohe Auszeichnung liegen, die mehr werth wiire, als die 
bis jetzt ertheilten Ehrenmedsillen und Orden. Die Industriellen eines jeden Landes würden 
Richter und Geschworne unter sich sein, und vielen augeuscheinlichen Missbräuchen, die 
bisher - aus politischen und anderen Gründen - bei den Preisvertheilungen vorkamen, 
würde dadurch wirksam vorgebeugt werden. Jeder Ausstellungsgegenstand würde das Beste 
dnrtellen, das in seiner Gattung von dem betretfenden Lande geliefert werden kann. 
Mittelmässige und schlechte Erzeugnisse blieben ausgeschlossen und - was bei allen 
zukünftigen Ausstellungen gewaltig berücksichtigt sein will - es fielen die schweren 
Kosten für die Ehrenpreise von selber fort, da diese einzig und allein in der Zulas- 
sung bestehen sollen. 
Hiezu noch eine andere tinanziell wichtige Grundbedingung: dem Einsender sollen 
ausser den Fracht-gebühren von und nach London keinerlei Kosten weiter arwachs en. 
Die Auspackung, Aufstellung und Bewachung. die Schaukästen und was sonst erforderlich 
ist, sollen aus dem zu bildenden Ausstellungsfond bestritten werden. Den Ausstellern 
selber und den Einzelnstaaten soll nicht - wie dies in Paris der Fall war - die Last 
ungeheurer Kosten aufgezwungen werden. Der neue Plan denkt lediglich an die Förderung 
der Industrie. Was darüber hinausgeht, wie z. B. Anziehung vieler Fremden, Erzielung 
grosser Einnahmen durch glänzende Schaustellung und Befriedigung der Laien-Neugierde 
durch nehenlliufige Reize, liegt ihm vollkommen fern. 
Hiemit hätten wir den Grundgedanken Derer wiedergegeben, die den neuen Aus- 
stellungsplan entwarfen und jetzt emsig bemüht sind, ihn der Verwirklichung entgegen- 
zuführen, Auf weitere Details können wir vorerst nicht eingehen und bemerken nur noch. 
dass die Einladung möglicher Weise schon für das Jahr 1872 erlassen werden wird. 
(Engl. Conesp.)
	        

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