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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1869 / 48)

Grosse welterschütternde Ereignisse darf man von einer solchen 
Ausstellung nicht erwarten; Erfindungen von grosser Bedeutung und 
Tragweite treten nicht so häufig heran, als es von vielen Seiten erwartet 
wird. Im Ganzen und Grossen wird derjenige, welcher die Ausstellung 
im Jahre 1865 und die grosse Weltausstellung im Jahre 1867 gesehen 
hat, keine erheblichen Veränderungen zu notiren haben. Die Zahl der 
Männer. die sich mit der Förderung der Kunstindustrie in Frankreich 
beschäftigt, ist eine sehr grosse; sie vermehrt sich ununterbrochen, sie 
ergänzt sich durch Einwanderung aus dem Auslande, insbesondere aus 
Deutschland; die Zahl der Talente und das Mass des Talentes, das sich 
auf diesem Gebiete zeigt, ist bedeutend. Nichtsdestoweniger sind die 
Klagen, die in Paris über den Verfall der Kunst erhoben werden und 
zugleich das Gebiet der Kunstindustrie berühren, berechtigte. Sie be- 
treden gleichmäesig die Kunst als solche, wie die Regierung, speciell 
jene Abtheilungen der Regierung, denen die Museen unterstehen, und die 
des öffentlichen Unterrichtes. 
Die grosse Kunst macht in Frankreich keine Fortschritte , am we- 
nigsten- die Architektur und Sculptur. Die neuen Stadtanlagen von Paris 
leiden unter dem Drucke der Uniformität, unter der Hast, mit welcher 
gebaut wird. Das Communicationswesen, die Gesundheitspflege gedeihen 
unter dem Systeme, das Paris baulich umgestaltet, die Architektur nicht. 
Die neu erbauten Kirchen zeigen viel Comfort; Beleuchtung und Be- 
heizung sind die des Salons; man ist nicht in Gefahr, wie in den neuen 
Kirchen Deutschlands, sich zu erkalten oder durch schlechte Ventilation 
einen Rheumatismus zu erhalten, der deswegen nicht weniger schmerzt, 
weil man sich denselben in einer Kirche zugezogen hat. Was aber die 
kirchliche Architektur betrifft, so ist dieselbe in Frankreich in einem 
grössereu Verfalle als anderwärts. Man hat weder den Muth und den 
Verstand, einfach an die grossen Traditionen der französischen Architektur 
des XIII. oder des XVI. Jahrhundertes anzuknüpfen, noch die Kraft, 
selbstständig neue Bahnen zu gehen. 
verworren und ungesund, wie die kirchliche Architektur, ist auch 
die monumentale. Die Idagaden der neuen Oper, die sich soeben enthüllen, 
sind im Ganzen und Grossen verunglückt. Es gibt viele, welche die Fa- 
eadeu der neuen Oper in Wien der Pariser vorziehen. Der neuen Oper 
in Paris fehlt Klarheit der Disposition und Reinheit des Styles. Was sich 
an grosser Plastik sowohl am Parterregeschosse der grossen Oper als in 
den Gruppen des neuen Theiles der Tuilerien gegen die Seine zu zeigt, 
ist arm an Erfindung, geschickt in der Mache, aber ohne Geist und ohne 
Herz. Das bedeutendste Talent auf dem Gebiete der Plastik ist Oarpeallx. 
jener Künstler, von dem die Gruppe des Tanzes an der Hauptfagade de?! 
neuen Opernhauses herrührt. Er rangirt unter den Realisten; seine Af- 
beiten gleichen einer Musik, die zwische n Richard Wagner und Offenbach
	        

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