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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1869 / 55)

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Ueber „die heutigen Gegensätze von Lohnarbeit und Capital" 
sprach an fünf Abenden (13. Jänner -- 10. Februar) im Museum Regierungsrath 
Professor Dr. Schäffle. Im ersten einleitenden Vortrage knüpfte er an die 
grosse Demonstration der Wiener Arbeiter am Tage der Reichsrathserößnung 
(13. November 1869) au, um das immer stärkere Anschwellen der europäischen 
Arbeiterbewegung durch thalsächliche Anfiihrungen zu constatiren. 
Der ganze Ernst der Bewegung erhelle daraus, dass im Mittelpunkt der 
Angride auf die heutige Productionsweise der Zweifel an der Berechtigung des 
Privatcapitals, dieser heute verbreitetsten Form von Geschiiftsvermögen, stehe. 
Die Bezeichnung des ,Eigenthums als Dieb stahls",welche Proudhon gegeben, 
als er in seiner Schrift: Qrlzst ce que la propriete? antwortete: La prqrridtd c'est 
le vol - sei unter die Messen als Parole ausgegeben, und auch der wirksamste 
unter den neueren Arbeiteragitstmen, Ferdinand Lassalle, sei immer wieder auf 
den Refrain hinausgekommen: Jligenthum ist" Fremdthuni." 
Bei diesen Angrißen auf das Capitalvermögen haben die geistig bedeutenden 
Führer und Schriftsteller der Arbeiterdemokratie nicht etwa den Gedanken, dass 
die heutigen Privateigenthiimer unter Anwendung von Nuchschliisseln und Blend- 
laternen sich ihr Geschiiftsinventar annectirt hätten. Der Satz: „Eigenthum ist 
Diebstahl" bedeute in den Augen der socialen Opposition etwas ganz Anderes: 
Bei der heutigen Beherrschung des productiven Zusammenwirkens vieler Arbeiter 
durch einzelne Capitalisten (Unternehmer) oder durch eine Capitalistenverbindung 
(Erwerbsgesellschaft) sei die Vertheilung des Erüages, welcher ein Product der 
Arbeit Aller und der beniitzten Productionsmittel des Capitalisten sei, nothwen- 
dig ungerecht; der Arbeiter erhalte im Lohn nicht den ganzen Wertb der 
Frucht seiner Arbeit vcrgolten, sondern nur einen Theil dieses Werthes; den Rest 
oder den von Carl Marx sogenannten Mehrwerth der Tsgesarbeit sauge der Ca- 
pitalschwamm an und aus dieser beharrlichen Einsaugung eines Theiles der täg- 
lichen Arbeitsfrucht aller Lohnarbeiter entstehe der Gewinn, entspringe das 
Wachsthum des Capitalvermögens in der modernen Gesellschaft. In diesem 
Sinne gelte den Socialisten das Eigenthum (Privatcapitalvermögen) als „Diebstahl", 
als ein durch fortgesetzte tägliche Aneignung einesTheiles der Arbeitsfriichte der 
Arbeiterwelt gebildetes Vermögen. Das bürgerliche Capital wird von Marx - 
dessen Buch über „das Capital" ist nur eine Variation des obigen Thema - ge- 
radezu als eine tägliche "Plusmacherei" auf Kosten der Arbeiter charakterisirt. 
Aus den Schriften von Marx hat aber Lassalle einen erheblichen Theil seiner 
kritischen Gedanken geschöpft. Das Hauptbeweismittel des Socialisrnus für 
diese Auffassung des Capitals sei der Satz der eapitalistischen liberalen Natio- 
naiökonomen, welche zugeben, dass der Preis der Tagesarbeit nicht nach dem 
Wertb der Arheitsfrucht, sondern nach den Kosten (Unterhalt) der täglich ver- 
brauchten Arbeitskraft sich richte; wenn daher auch ein Arbeiter schon in sechs 
Stunden Tagesarbeit einen Werth z seinem nothwendigen Unterhalt 2 dem 
Taglobne hervorbringe, so falle die Arbeitsfrucht der weiteren sechs Stunden eines 
zwölfstündigen Arbeitstages doch nicht ihm, sondern dem Arbeitgeber oder Cspita- 
listen zu. Diese Mehrwerthsaneignung durch Ausdehnung der Arbeit über die 
„nothwendige" (d. h. zum Verdienen des Unterhaltes nothwendige) Arbeitszeit 
hinaus - werde als der Process der modernen Capitalbildung ausgegeben. 
Dies der Kern der Kritik des Capitsls, wie sie von den Wortfuhrern der 
socialen Bewegung unter die Masse der Lohnarbeiter verbreitet worden sei. Seien 
solche Lehren schon inhaltlich bedenklich genug, so werden sie es noch mehr 
durch die uulliugbare hohe geistige Begabung der socialistischen Wortführer
	        

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