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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1869 / 55)

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(Marx, Lassalle, Proudhon und Andere); die Begabung dieser Männer 
und ihr siegesgewisser Glaube an sich selbst und an die Zukunft ihrer oppositio- 
nellen Meinung dürfe ja nicht zu gering angeschlagen werden; denn sie haben 
das Zeug, Secten zu stiften und blinden fanatischen Glauben zu erwecken. Die 
Arbeiterwelt selbst sei fir solche Ideen nicht blos empfanglicher, als je in einem 
früheren Zeitpunkt der Geschichte, sondern habe auch schon eine die Grenzen 
der Staaten iiberspringende grossartige Organisation in den Arbeiterverbindnngen 
und Gewerkvereinen (trade unions) erlangt, welche in England seit langer Zeit 
Hunderttausende umfassen. Der Vortragende warnt, indem er sich auf die Ge- 
schichte des englischen Arbeiterverbindungswesens bezieht, nachdriickfch vor der 
trügerischen Hoffnung, als könne man -- wenn man je vom Stau dpunkte der 
Freiheit es dürfte - die Arbeiterbewegung mit etwas Polizei, Staatsanwaltschaft 
und Criminalprocess wieder calmiren; eine Bewegung, die in Westeuropa alle von 
den herrschenden Classen Anfangs versuchten Fesseln gesprengt, könne auch in 
Oesterreich nicht niedergebalten werden mit üusserem Zwang, nachdem in der 
hochgradigen industriellen Entwicklung einiger Reichstheile die Voraussetzungen 
des Giibrungsprocesses sich gebildet haben; sie könne nur besiegt und versöhnt 
werden durch ernste und aufrichtige Bestrebungen socialer Reform. In England 
seien auch schon die ländlichen Arbeiten-messen von dem Strom der Bewegung 
erfasst werden, überall, wo die Landwirthschaft industriell geworden. Die Indu- 
strinlisirung der festliiudischen Landwirthscbaft werde früher oder später dieselben 
Wirkungen äußern; jene übelrathenden Berather des Grossgrundbesitzes, welche 
der Bourgeoisie die Verlegenheiten der industriellen Arbeiterbewegung gönnen, 
oder diese gnr schüren möchten, könnten sehr bald in der Lage des Zauberlehr- . 
linges dastehen und zu ihren eigenen Herren sagen müssen: Herr, die Noth 
ist gress! 
Im zweiten Vortrag entwarf der Redner - nach einer kurzen Entwicklung 
der BegriEeZ Gut, Werth, Vermögen (insbesondere Capitalvormögen), Wirthschaft- 
lichkeit, Wirthschaft und Volkswirthschaft -- einen Ueberblick über die bisher 
aufgetauchten „socialen" Systeme, und erörterte einerseits die phantastischen ro- 
msnbaften Gebilde, welche, wie z. B. des Thomas Morus "Utopie" und auch der 
Fourierismus, sämmtlich an Ideen der platonischen Republik und der platonischen 
Gesetze anknüpfen, andrerseits die kritischen Lehrsysteme des Socialismus. Ins- 
besondere hihrte der Redner Proben von Lassalleä ätzend kritischer Polemik vor. 
Sodann wurden in einem dritten Vortrage die einzelnen Richtungen bezeich- 
net, in welche die verschiedenen Zweige der bunten socialen Opposition auseinan- 
der laufen. Einzelne Richtungen kritisiren blos und klagen, ohne irgend fassbare 
positive Reformvorschläge zu machen. Die positiven Schriftsteller des Socialismus, 
die allein Beachtung verdienen, geben zwar von demselben Boden der Kritik aus. 
Sie sagen ziemlich übereinstimmend: jeder Zeit ist das Leben der Gesellschaft 
ein Kampf um die Vertbeilung von Genuss und Arbeit gewesen; eine herrschende 
Classe hat immer blos zu geniessen gewusst, indem sie einen Theil der Arbeits- 
friichte Anderer arbeitslos sich aneignete; das Mittel der Aneignung sei bald de- 
spotische Herrschaft der Freien über die Sclaven gewesen, wie im Alterthum, 
bald feudale Herrschaft über Leibeigene, Zehent- und Bobotpflichtige. Dann seien 
mit 1789 izwar die Männer der "Freiheit" gekommen und hätten behauptet, 
durch Auflösung aller alten gebundenen Lebensordnungen werde die allgemeiuste 
Begliickung Aller im Reiche der Freiheit herbeigeführt werden. Die Folge sei 
aber eine ganz andere gewesen. Bei gesetzlicher Freiheit habe sich eine that- 
sücblicbe Knechtschaft des Proletariates unter dem Privatcapital gebildet und die 
moderne Geldaristokratie, obwohl hochliheral gefärbt, sei eine Aristokratie schlim- 
mer als Geburts- und Priesteraristokratie von ehedem, heuchlerisch, hart, herzlos,
	        

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