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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 79)

Festschrift lhnen verführt, könnte in seinem allgemeinen Verlauf die Ent- 
wickelung der preussischen Industrie recht gut ausdrücken. Die Frequenz 
einer Lehranstalt darf übrigens, wie ich glaube, nicht als untrügliches 
Mass ihrer Tüchtigkeit angesehen werden; bei ihr spielen die Aufnahme- 
bedingungen, die Lage und Bedeutung des Schulsitzes und andere äussere 
Umstände oft eine Rolle, welche mit der Güte der Anstalt nicht zu- 
sammenhängt. Aber im Allgemeinen darf von unserer Anstalt behauptet 
werden„dass sie mit ihren Einrichtungen sich stets den wachsenden An- 
forderungen der Industrie und der sich hebenden Wissenschaft angeschlossen 
und ihre Verfassung folgerichtig entwickelt hat. Nur einmal fand eine 
etwas ruckweise Bewegung statt; es war im Jahre 1860, wo die Schul- 
verfassung in Folge einer lebhaften Agitation der studirenden Jugend 
plötzlich einen grossen Schritt in der Richtung der Studienfreiheit machte. 
Die vorhergegangene Verzögerung in der Entwickelung begreift sich heute 
leicht, wenn man die jahrelange Bewährung der früheren Einrichtungen 
in's Auge fasst. Auch darf heute die Anstalt mit um so grösserer Ruhe 
auf jenen Moment zurückblicken, als ihr damaliger Fortschritt ein so ener- 
gischer war, dass sie an die Spitze der Reihe trat, und die Schwester- 
anstalten auf ihrem Wege sich hat grossentheils nachfolgen sehen. Dass 
die inneren Leistungen der Anstalt bei der damals vielleicht gewagten 
Neuerung nicht gelitten, bezeugt ihre steigende geistige Productionskraft, 
ich meine die Kraft, welche neben dem Voranschreiten in den angewandten 
Disciplinen auch die reinen, abstractcn Wissenschaften fördern hilft. So- 
mit hat die Verfassungsänderung der Akademie von 1860 sich als im rich- 
tigen Sinne geschehen ausgewiesen. 
nl-leute steht die Gewerbeakademie abermals an der Schwelle einer 
Verfassungsänderung. Die neuen Bestimmungen sind theilweise inhalts- 
schwer. Vor allem ist der Lehrerschaft eine thätige Mitwirkung an der 
Fortentwickelung der Anstalt nicht nur zugestanden, sondern theilweise 
geradezu zur Aufgabe gestellt. Rechte und Pflichten haben in gleichem 
Masse sich gehoben; es soll auf diese Weise jedem Stehenbleiben vorge- 
beugt, das Zusammenwirken aller Kräfte inniger gemacht werden, Für 
die Studirenden ist die wichtigste Neuerung die der Einführung von 
Diplomen, welche auf freiwillige Bewerbung hin durch eine Prüfung er- 
langt werden können. Ein lange gehegter und oft geäusserter Wunsch 
der Studirenden ist damit erfüllt, zugleich aber auch ihre Aufgabe, ihr 
Ziel hiuaufgerückt, und einem edlen Wettstreite auf schwieriger Bahn 
Vorschub geleistet. Die Abtheilungen der Anstalt sind um eine vermehrt 
worden, indem jene für v-Chemiker und Hlittenleuteu in zwei besondere 
Abtheilungen zerfallen ist, womit einer längst fühlbar gewordenen Ver- 
Schiedenheit der Studienrichtung Rechnung getragen worden ist. Wie 
durch Fügung fällt die Einführung dieser wichtigen, an Anforderungen 
reichen Aenderung in eine Zeit, wo jeder Deutsche sich bewusst geworden 
sein muss, dass erneute hohe Anstrengungen jedes Einzelnen erforderlich
	        

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