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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 88)

Kunstgebilde erzielten, welche wir täglich bewundern, ohne jederzeit deren 
wahren Grund uns einzuräumenu: ganz ebenso haben sie auch auf dem 
von uns betrachteten Gebiete des Handwerks die natürlichen, zweckent- 
sprechenden Typen der Formen geschaffen und die Gesetze des ihnen dar- 
gebotenen Materials in ihrem ursprünglichen und eigenen Sinne mit un- 
beirrtel" Consequenz in Anwendung gebracht. 
Zur Erzeugung und Festigung dieser Stetigkeit und Gediegenheit 
des Sinnes bei aller sonstigen Freiheit und Genialität war unter den 
griechischen Städten keine glücklicher disponirt als Athen. Die Athener 
nennen sich schon bei Herodot das älteste Volk, das allein von den 
Griechen seinen Wohnplatz nie verändert habe, und Thukydides preist 
seine Heimat desshalb glücklich, weil sie nicht so steten Veränderungen 
und Umwälzungen unterworfen gewesen sei, wie andere hellenische Städte, 
und erklärt daraus die hohe Blüte ihrer Cultur. Das athenische Volk 
theilt ohne Zweifel mit dem ionischen Stamm, dem seine Urbestandtheile 
angehören, die Beweglichkeit und Empfänglichkeit des Sinnes; aber es 
trägt unter dieser beweglichen Hülle einen festen Kern echtester Tüch- 
tigkeit und Ausdauer: Eigenschaften, die den Betrachter jener Marmor- 
tempel der Akropolis in Staunen setzen, an denen man nicht weiss, was 
man mehr bevrundern soll, die Grossartigkeit und den Geist der Con- 
ception oder die unsägliche, für unsere Techniker geradezu unfassbare 
Feinheit der Ausführung auch des kleinsten Details. 
Ohne Zweifel waren die allgemeinen gewerblichen Verhältnisse in 
Athen der Erringung dieses hohen Grades technischer Vollendung aus- 
nehmend günstig. Es ist bekannt, dass die griechischen Philosophen das 
Handwerk als etwas den freien Mann Entwürdigendes den Sklaven oder 
den Schutzbefohlenen Fremden zuweisen wollten, und aus zahlreichen 
Aeusserungen der Alten geht hervor, dass auf dem Betriebe des Hand- 
werks im Allgemeinen ein gewisser Makel lag. Aber wenn auch die 
eigentlichen Arbeiter, namentlich in den grossen Städten, zur Zeit der 
höchsten industriellen Blüthe sicher in der Mehrzahl Sklaven waren und 
in Athen der grösste Theil des selbständigen Gewerbebetriebes in den 
Händen von eingewanderten Fremden (den sog. Metöken) lag, so steht doch 
gerade bei der attischen Thonfabrication auch die Betheiligung des eigent- 
lichen Bürgerstartdes ausser Zweifel. Die Thonarbeit, die schon wegen 
ihrer Verkettung mit der Plastik in höheren Ehren stehen musste, galt 
für eine der ältesten, von der Göttin Athena, dem Hephästos und Pro- 
metheus beschützten Kunstfertigkeiten. Um ihre Entwicklung sollten sich 
die Athener, der Sage nach, durch die Erfindung der Töpferscheibe und 
des Brennofens schon in grauer Vorzeit verdient gemacht haben. Eine 
eigene Gaugenossenschaft (Demos) der Kerameis (Töpfer) mit ihrem Heros 
Keramos (Thon) an der Spitze tritt uns in Athen entgegen und dem ent-' 
spricht ein besonderes Quartier im Nordwesten der Stadt, der Kerameikos, 
das Töpferviertel, in dem die Fabriken und Auslagen der Thonarbeiter
	        

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