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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 1)

des Denkmals gehend gemacht hat, wollen die Herausgeber darin gefunden haben, dass 
diese Reliefs infolge Mangels an vollwerthigen geschulten Bildhauern durch Soldaten aus- 
geführt worden seien, deren nicht blos gelegentliche, sondern sehr ausgedehnte Verwen- 
dung zu Bauaufführungen in den Grenzländern, durch vielfache Zeugnisse erhärtet, fest- 
steht. Ferner hat Niemann die Beobachtung gemacht, dass am unteren Cylinder, wo sich 
eben die minderwerthigen Reliefs befinden, auch die decorative Behandlung der Archi- 
tektur höchst auffallende Abweichungen von den Regeln der classisch-römischen Bau- 
kunst aufzuweisen hat, abermals im Gegensatze zur viel reineren Behandlung des Archi- 
tektonischen an der sechsseitigen Basis oben. Niemann hat zwar keine Erklärung für 
diese Erscheinung zu liefern versucht; der Leser wird aber zunächst, nach Analogie des 
von den Sculpturen Vorgebrachten, anzunehmen geneigt sein, dass auch die unclassischen 
Details der architektonischen Decoration auf Rechnung der am unteren Cylinder thätig 
gewesenen ungeübten Soldatenhande zu setzen seien. 
Welcher Art sind nun die erwähnten Abweichungen von der classischen Regel? 
Für's Erste sind die Pilaster zwischen den "Metopen: nicht Träger der Gesimse, sondern 
eben gleichsam Triglyphen, in eingestandener rein decorativer Function und auch von 
allzu gedrungenen Verhältnissen. Das ließe sieh nun allerdings zur Noth noch durch den 
künstlerischen Un-geschmack der Soldaten-Decorateure erklären, und vielleicht selbst 
auch die ganz untektonische Verzierung der Pilasterschäftc mit Rankenornamenten, ferner 
gewisse Barbarismen im Akanthusfries darunter und in der intermittirenden Wellenranke 
und dem Gesimse darüber, - Details, zu deren Discussion, so interessant und lehrreich 
sie wäre, es uns hier am Raume gebricht. Im höchsten Maße auffallend ist dagegen die 
Bildung der Basis und des Capiräls der einzelnen Pilaster ohne Ausladung nach vorne, 
sondern nur nach den Seiten. Da das Capitäl mit seinem vom korinthischen Capitäl ab- 
geleiteten pflanzlichen Schmucke mit dem Schaft des Pilasters in einer Fläche liegt, so 
ist es klar, dass dasselbe nicht mehr als ein Kelch aufgefasst wird, gebildet aus gleichmäßig 
nach allen Seiten ausbiegenden Akanthusblattern und Spiralranken, wie es am Denkmal: 
selbst an den echt römischen Pilastern der sechsseitigen Basis der Fall ist, sondern als eine 
Platte, auf deren Fläche das pflanzliche Ornament als äußerlicher, gleichsam malerischer 
Schmuck aufgelegt erscheint. Das ist aber nichts Anderes, als die typische Behandlung 
des späteren byzantinischen Capitäls! Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die 
Beobachtung der Detailbehandlung des Pflanzenornaments. Schon die unzweifelhafte 
Analogie mit dem korinthischen Capital lehrt uns, dass wir in den Gebilden, welche die 
bezüglichen Pilastercapitale schmücken, Akanthusblätter im Prohl gesehen zu erkennen 
haben. Dieser Akanthus zeigt aber nicht mehr die üppigen, überfallenden, feingegliederten 
Zacken, wie sie die echt römischen Pilastercapitäle an der sechsseitigen Basis aufweisen, 
sondern er ist in lauter schmale, magere, lanzettförmige Blättchen aufgelöst; damit werden 
wir aber wiederum zu der byzantinischen Art der Behandlung des Akanthus übergeleitet 
(HaJgia Sophia, San Vitale). Diese Abweichungen können -also nicht mehr als Aeußerungen 
der Rohheit und des Ungßchmackes aufgefasst werden, sondern sie geben sich als 
Aeußerungen eines sehr bestimmten Stilgefühls, das späterhin einer ganzen weithin 
hertschenden Kunstweise zu Grunde gelegen hat. 
Angesichts dessen wird man vielleicht zunächst geneigt sein, das Denkmal seiner 
Entstehung nach der traianischen Zeit abzusprechen. Es ist nicht zu leugnen, dass einige 
weitere Umstände einer solchen Spä-terdatir-tlng zu Hilfe zu kommen scheinen: so das 
Vorhandensein einiger Blocke, die Niemann in seiner Reconstruction nicht unterzubringen 
vermacht hat, ferner die epigraphisch ganz anormale Zerreißung der lnschrifttafel ir. 
zwei Stücke. Man mochte hienach zunächst der Vermuthung Raum geben, dass das 
ursprüngliche Denkmal während der Wirren des 3. Jahrhunderts namentlichen seinem 
unteren T-heile Beschädigungen erlitten haben mochte, und dass Constantin der Große, 
der nachweislich die in der Nähe des Denkmals gestandene Stadt Tropaeum Traiani aus 
den Trümmern wieder aufgerichtet, das Denkmal selbst in seinen unteren Theilen im 
barbarisirten Stile seiner Zeit erneuert hat. Einer solchen Annahme steht aber die ganz 
bestimmte Aeußerung Niemann's entgegen, dass nach seiner Untersuchung des Denkmals 
absolut kein Anzeichen dafür spricht, dass seit seiner ersten Aufrichtung in der durch 
die Inschrift bezeugten trajanischen Zeit jemals eine Erneuerung oder Ergänzung einzelner 
Theile stattgefunden hätte. 
Es bleibt also nichts übrig, als uns mit der Thatsache der Entstehung der eigen- 
thümlichen Decoration der unteren Denkmaltheile in traianischer Zeit auseinander-zusetzen. 
Der mangelhaften künstlerischen Schulung römischer Soldaten wird- man sie hinfort 
nicht mehr zuschreiben dürfen; diese hätten wohl Römisches in unvollkommener und 
roher Weise wiedergegeben, aber nicht neue, unrömische Stilgesetze angewendet. Wir 
fragen nun: wer waren dann die Hersteller der unteren Theile des Monuments von 
Adamklissi?
	        

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