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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 1)

DAS PORZELLANKABINETT 
IM ÖSTERREICHISCHEN MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST IN WIEN 
FRANZ WINDlSCH-GRAETZ 
Die folgenden Erläuterungen sollen einige Hinweise zum Ver- 
ständnis des Dekorationssystems und der Möbclformcn des 
„Dubsky-Zimmers" gehen. Das hicbei verwendete Porzellan 
stammt aus den Jahren 1725-35, - der ersten großen Blüte- 
zeit der Wiener Manufaktur, als sie unter der Leitung des Hof- 
kriegsagenten Claudius Innocentius Du Paquier noch ein privates 
Unternehmen war. Auf das Porzellan selbst soll nicht weiter ein- 
gegangen werden. Darüber wurde an anderer Stelle bereits alles 
Wissenswerte grundsätzlich dargelegt; 2 nur insoweit es ein Mittel 
der Dekoration an Wänden und Möbeln ist, sei hier davon die 
Rede. 
Die Idee, derartige Kabinette zunächst mit chinesischem Por- 
zellan zu dekorieren, kam im 17. jh. in Holland auf. Durch die 
Handelsbeziehungen der Ostindischen Compagnie trafen jährlich 
ganze Schiffsladungen dieses kostbaren Materials, das damals in 
Europa noch nicht erzeugt werden konnte, in den holländischen 
Häfen ein. Wer etwas auf sich hielt, sammelte Porzellan, 
schmückte damit seine Zimmer und bewies dadurch seinen guten 
Geschmack und seinen Reichtum. Der aus Frankreich gebürtige 
Architekt und Innendekorateur Daniel Marot (1663-1752), der 
den größten Teil seines Lebens in Holland zubrachte, hat - 
angeregt durch die neue holländische Mode - eine Anzahl sei- 
ner Ausstattungsentwürfe der dekorativen Einrichtung solcher 
Kabinette gewidmet. 
Sein Hauptaugenmerk richtet er dabei auf den Kamin und die 
Rahmung des dazugehörigen Spiegels, wofür er ein reiches Arran- 
gement von Porzellangefäßen aufKonsolen vorschläigt. Diese Art 
von Kaminen bezeichnet er als „Cheminees a la Hollandoise". 
Aber auch andere Stellen des Raumes stattet er in ähnlicher 
Weise mit Gruppen oder Reihen von Porzellanen aus; so z. B. 
das Kranzgesims am oberen Abschluß der Boiserie oder die 
Supraporten. Marots in Kupfer gcstochene Entwürfe fanden wei- 
teste Verbreitung und waren von größtem Einfluß. 
Nicht so sehr Frankreich als vielmehr Deutschland nahm die 
Anregungen mit Begeisterung auf. Diesem Umstand verdanken 
wir die große Zahl deutscher Porzellan und Spiegclkabinettc, 
wobei es sich um zwei Dekorationsprinzi en handelt, die sowohl 
parallel - also in verschiedenen Räumen - wie auch miteinan- 
der verbunden - also im gleichen Raum - Anwendung finden 
konnten. 
So entstanden jene köstlichen Schöpfungen der deutschen Innen- 
architektur des 18. ]h., welche uns heute wie Zimmer aus Wirk- 
lichkeit gewordenen Träumen oder wie Riittme aus miirchen- 
haften Irrgärten anmuten. Immer war es eine Herzensangelcgen- 
hcit der deutschen Kunst gewesen, dem freien Spiel des Orna- 
mcnts und der phantasievollen Erfindung weitesten Raum zu 
geben. So wird also hier alle Vorstellungskraft aufgeboten, jede 
ausdcnkbare Möglichkeit prächtiger Verzierung ausgenützt, um 
aus edlen Hölzern, reichgeschnitztem, vergoldetem oder versil- 
hertem Dekor, kostbarsten Möbeln, Porzellan, Spiegeln, Stuck 
 
' Das Porzellankabinett befand sich vormals im Palais der Grafen. 
Dubsky in Brünn, von wo es im Jahre 1912 für das Österreichische 
Museum in Wien angekauft und hier unter Wahrung der früheren Pro- 
rtioncn und Maße in seiner Gesamtheit eingebaut wurde. Über die Ge- 
schichte des Zimmers siehe Julius Leisehing. Das Porzellanzimmer aus 
Dubskyschem Besitze, „Kunst und Kunsthandwerk", Wien, XVI. Jg. 
1913, S. 281 ff. 
2 Josef Folnesies, Das Porzellan im Zimmer aus dem Dubskyschcn 
Palais, a. a. O., S. 300 ff. 
Wilhelm Mrazek, Wiener Porzellan aus der Manufaktur Du Paquiers 
(1718-1744), Wien 1952, Verlag des Österreichischen Museums für an- 
gewandte Kunst. 
 
Abbildung 2 
Pßrzellan- und Splcgllltablnlll im Sehanbemkehun Glmmpllm 
In Wlun Iliigonßssllchlr Stiel: um 1715 
und Fresken ein Gebilde zu schaffen, das alle bisherigen Raum- 
erfindungen und Ausstattungen bei weitem übertraf und in die- 
sern Reichtum nirgends sonst anzutreffen ist. 
Es ist bezeichnend und ganz folgerichtig, daß ein aus Süddeutsch- 
land stammender Grandseigneur und großer Bauherr, der Reichs- 
vizekanzler Graf Friedrich Karl von Sehönhorn, eines der ersten 
Porzellankabinette in Wien errichten ließ. Ein zeitgenössischer 
Kupferstich (Abb. 2) überliefert uns das Aussehen dieses längst 
nicht mehr bestehenden Gemachs im Wiener Gartenpalast des 
Grafen. Dieser Landsitzß nahe vor den Mauern der Stadt, 
wurde durch Umbau und Ausgestaltung eines älteren Bestandes 
in den Jahren 1706-11 durch Lucas von Hildcbrandt errichtet. 
Die wenig später entstandene Innenausstattung des Kabinetts, zu- 
mal die dekorative Anordnung des Porzellans, ist in manchem 
von dcn erwähnten Stichen D. Marots angeregt; so z. B. die Auf- 
stellung der Schalen und Vasen auf dem Kranzgesims, wo sie als 
plastischer Dekor heiter und farbig belebt vor dem konkaven 
Raum der Hohlkehle stehen. In der Gesamtkomposition freilich, 
in der starken Plas tät und bewegten Architektur des Raumes 
kommt jener höfischc, tmiversal-kaiscrliche Stil zur Geltung, 
welcher Italienisches und Westeuropäischcs verbindend den 
Höhepunkt des Wiener Barock - des großen Stils der Haupt- 
und Residenzstadt bedeutet. 
 
Es ist anzunehmen, daß der XVunsch, derartige Porzcllankahi- 
nette einzurichten, nicht nur auf den engsten Kreis um den Hof 
beschränkt blieb. jedenfalls stellt das Dubsky-Zimmer eine An- 
lage dar, wie sie in einfacherem Rahmen und mehr als drei jahr- 
zchnte später ausgeführt wurde. Die Formen des Dekors und die 
Art seiner Anbringung zeigen einen Stil, der knapp vor Beginn 
des Rokokos anzusetzen ist. Zum Vergleich können die ausge- 
zeichneten Boiserien des Sehönborn-Palais in der Renngasse dic- 
nen, die 1750 ausgeführt wurden (wofür sie allerdings etwas 
3 Heute Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien VIIL, Lau- 
dongasse 15[19.
	        

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