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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 2)

binette verbannen konnte, die eher einer Bedürfnisanstalt ent- 
sprächen. 
Deutschland zeigt Emil Nolde, den kürzlich verstorbenen Alt- 
meister des Expressionismus, in einer unterschiedlichen Selektion. 
Graphiken und Aquarelle sind den Olbildern überlegen, von 
denen manche wohl im Augenblick nicht greifbar sind. Die 
Werke der letzten Jahrzehnte enthüllen ein Phänomen, das dem 
Ensors oder Munehs verwandt ist: das allmähliche, bereits lrüh- 
zeitig sich ankündigende Erlöschen der Aussagekraft. Winters 
Abstraktionen kamen sehr gut zur Geltung, hingegen stand man 
im Saal E. W. Nays vor einer Versammlung großflächiger Pla- 
lituden „in abstracto". 
Aus der Unsumme der italienischen Künstler seien zwei Namen 
herausgegriffen: Alro, der den großen italienischen Preis für 
Malerei gewann und Vedova, der dem Wiener Publikum durch 
die Kollektivausstellung bei Würthle noch in Erinnerung ist. 
Beide stehen stellvertretend für eine immer deutlichere Wen- 
dung der italienischen Malerei zum Expressionismus und dessen 
Anwendungsmöglichkeiten in der Abstraktion. 
Der österreichische Pavillon erinnert zunächst an das Lebens- 
werk zweier toter Maler: Richard Gerstl, der frühverstorbene 
Expressionist, stieß auf großes Interesse und es wäre zu hoffen, 
daß von nun an sein Name den Händlern, Sammlern und Kri- 
tikern im Gedächtnis haften bleiben möge. Wilhelm Thöny wird 
mit 24 Arbeiten gezeigt; seine geistvollc Erfindungsgabe und 
hohe malerische Kultur wird besonders durch Leihgaben aus 
amerikanischen Museen deutlich unterstrichen. Josef Dobrowsky 
vertritt im österreichischen Pavillon die traditionelle Richtung 
der Wiener Secession, während Paul Meissner und Hans Stau- 
dacher mit ihren Werken das Bekenntnis zu neuen Bestrebungen 
ablegen. Unter den österreichischen Bildhauern stechen beson- 
ders Wander Bertoni und Rudolf Hollehner hervor. Bcrtonis 
neun Skulpturen aus einem imaginären Alphabet bilden einen 
Markstein in der Entwicklung dieses jungen Bildhauers. 
ATELIERBESUCH BEI PROF. JOSEF DOBROWSKY 
Der im Jahre 1889 in Karlsbad geborene Künstler hat seine Aus- 
bildung an der XViener Akademie der bildenden Künste, vor 
allem bei Prof. Chr. Griepenkerl genossen und ist von da an in 
dieser Stadt seßhaft geworden. Seit 1919 ist er Mitglied der Se- 
cession. Verschiedene Preise, - darunter der Große Österrei- 
chische Staatspreis im Jahre 1937, - und zahlreiche Ausstellun- 
gen im In- und Ausland, - davon zwei in Amerika, - haben 
dem Künstler Anerkennung und Ansehen gebracht. Gegenwärtig 
wird im Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 
zum vierten Mal eine ausgewählte Kollektion seiner Werke 
gezeigt. 
Aus diesem kurzen Curriculum vitae geht bereits ein sehr be- 
zeichnender Charakterzug Dobrowskys hervor. Das kulturelle 
Klima Wiens, der Stadt, die dem Künstler die entscheidenden 
und richtunggebenden Impulse gegeben hat, war seinem Ta- 
lent und Temperament so gemäß, daß er dieses Kraftfcld nie 
mehr verließ. 
Der stark konservative Zug, der alle künstlerische Betätigung 
in Wien kennzeichnet, hat auch Dobrowskys Kunst seinen Stem- 
pel aufgedrückt. Das äußert sich vor allem in der Tatsache, 
dafi der Künstler in einer weithin bildnisfeindlichen Zeit un- 
beirrt am Porträt, als dem vornehmlichen Thema der Malerei 
festhält, und sich ihm mit ganzer Kraft und künstlerischer Be- 
geisterung widmet. 
Die Leidenschaftlichkeit, womit der Künstler seiner Berufung 
nachkommt. findet in jedem seiner Bilder willkommenen Anlall, 
sich expressiv zu dokumentieren. Das Mittel dafür ist diesem 
Vollblutmaler die Farbe, deren Imagination er vollendet be- 
herrscht. Die dunklen Hintergründe seiner Porträts sind für ihn 
nicht neutrale Folie, vor der das Bildnis ins rechte Licht ge- 
rückt wird. Es scheint viel eher, als würden diese beunruhigen- 
den farbigen Tiefen erfüllt sein von unendlich vielen Möglich- 
keiten, Gestalt anzunehmen. Diese Energien frei zu machen und 
im Spannungsverhältnis von Form, Farbe und Ausdruck zu ver- 
dichten, ist die hexenmeisterische Leistung des Künstlers. 
Damit soll angedeutet werden, daß die oben gebrauchte, heute 
so verpönte und gefährliche Bezeichnung „k0nservativ" sich nur 
auf das Thema, niemals aber auf seine formale Bewältigung be- 
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