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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 3)

denn schon 1667 ernannte ihn König Karl II. von Spanien zum 
Ritter von Calatrava und berief ihn 1695 als Hofmaler zu sich. 
Auch in Rom selbst wurde Caravaggio als Stillebenmaler ein- 
flußreich, doch noch weit kurzfristiger als in Neapel. Denn in 
Rom setzte sich die von den Carraccis ausgehende, vollkommen 
gegensätzliche Richtung entscheidend und auch bald durch. Die 
ganze römische Stillebenmalerei steht daher im Zeichen eines 
auf reine malerische Wirkung ausgehenden Lyrismus, der große 
Formate nicht liebt, ohne deshalb dem Dekorativen aus dem 
Wege zu gehen. 
Lodovico wie Annibale Carracci haben öfters in ihren 
Bildern köstliche Stilleben angebracht (siehe z. B. den Bohnen- 
esser des Annibale), ihr Naturcmpfinden war wesentlich mehr 
auf das Intime gerichtet, als das des Caravaggio. Aus ihrer 
Schule erblühte ein Stillcbenmaler von sehr hohem Rang: der 
sogenannte Gobbo dei Carracci, oder auch Gobbo da 
Cortona oder Gobbo da' frutti genannt (um 1570 Cor- 
tona, gest. 1640? Rom). Dieser Künstler, ein Schüler des Anni- 
bale Carracci und des G. B. Viola, wurde öfters, doch wohl 
irrig, mit P i e t r o P a o l o B o n z i gleichgesetzt. Gobbo dei 
Carracci übte einen heute noch lange nicht genügend erkannten 
Einfluß aus; wenn nicht alles täuscht, reichte er sogar bis zum 
Bolognesen G. M. Crespi, dessen wenige, prächtige Stilleben 
ohne den Gobbo dei Carracci gar nicht denkbar sind. Gobbo 
kombinierte sehr knapp im Rahmen, daher gewinnen auch seine 
kleineren Bilder einen monumentalen Charakter. Die Themen 
sind schlicht, von jeder Theatralik weit entfernt und recht ein- 
fach behandelt. Das schöne Stilleben mit Korb und Chiantiflasche 
in Florenz (Slg. Cecconi) wirkt wie ein verfrühter Chardin über 
das Zwischenglied der Anne Valayer-Coster. Weitere römische 
Stillebenmaler von hohem Können sind der seltene Michel- 
angelo di Campidoglio recte di Pace (1610-1670 Rom), 
die beiden bis gegen das jahrhundertende lebenden Brüder 
Francesco und liilippo Lauri, Mario Nuzzi, genannt 
Mario de" fiori (1603 Pcnna, 1673 Rom), dann - ganz 
vorzüglich - Pier Antonio Barbieri (1603-1649), der 
Bruder des großen Guercino, dessen wenige gesicherte Stillcbcn 
wahre Feuerwerke sprühender Farben sind. Seine Zeitgenossen 
nannten diesen Maler den „Stillebenspezialisten", also bestand 
damals auch in Rom ein bcachtenswcrtes Spezialistentum, obwohl 
darin Neapel nicht zu übertreffen war. Auch der sonst ganz 
andere Themen bearbeitende M i c h e l a n g e l o C e r q u o z z i 
(1602-1661) Rom) hat mehrmals recht brave Stilleben gemalt, 
mit denen er seine Zugehörigkeit zu den „Bamboccianti" nach- 
haltig betonte. Bemerkenswert sind ferner noch Lapez und 
Ca r l o d e' fio ri, der letztere malte dem Miratta die Stillebcn 
in seinen Bildern. Die Reihe der römischen „Pittori di natura 
morte" schließt dann effektvoll A r c a n ge l o R e s a n i ab 
(1670-1740 Rom). Sein bisher umstrittenesTodesjahr konnte ich 
vor einigen Jahren gelegentlich der Expertisierung eines Stil- 
lebens feststellen, denn auf dessen Rückseite fand sich von der 
Hand eines Abbate Taddeo de Corvo verzeichnet: Ultimo ori- 
ginale del celcbre penello, fatto pochi giorni prima sua mortc il 
3 luglio 1740. C h r i s t i ano Mon a ri (um 1660 Reggio Emilia 
bis 1720 Rom) malte als Nachahmer des berühmten Lombarden 
Baschenis Stilleben mit Musikinstrumenten, aber sie wirken flau 
und oberflächlich. 
Das Bestehen sogar einer räumlich wie qualitativ keineswegs 
ansehnlichen Stillebenmalerei in Florenz ist bei dem künst- 
lerischcn Habitus dieser Stadt nicht zu erwarten. Immerhin stellte 
Florenz einiges darin bei, fortführend die Tradition des jacopo 
da Empoli und des jacopo Ligozzi (s. v.). Monnanno 
M o nn an n i (nachweisbar im ersten Drittel des 17. jahrhun- 
derts), seinerzeit sichtlich angesehen, ist nur durch Baldinticci 
in der Vita des Cristofano Allori bekannt geworden, gesicherte 
Werke fehlen bis dato, dagegen hat B a r t o l o m e o B i m b i 
(1648 bis ungefähr 1725 Settignano bei Florenz) ein ansehnliches 
Oeuvre an Blumenbildern hinterlassen, welche er meistens für 
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den Großherzog malte. Viele davon befinden sich in außeritalieni- 
sehen Galerien und gehen unter dcn verschiedenartigsten Namen, 
in Braunschweig z. B. unter jenem des Jan van Huysum. Die 
meisten seiner Werke befinden sich in der Villa Reale di (Jastello 
und wenn bei einem italienischen Stillebcnmaler des Barocks eine 
größere Abhängigkeit von niederländischen Vorbildern fest- 
gestellt werden kann, so bei Bimbi. Er hebt sich von den Ge- 
mälden des einige Zeit in Florenz arbeitenden Mario Nuzzi, ge- 
nannt de" fiori, nicht zu seinem Vorteil deutlich ab. 
Umfangreich, kompliziert und trotz den Arbeiten von Delogu 
noch nicht zur Genüge durchforseht, zeigt sich die Stillcben- 
malerei in O b e r i t a l i e n und in G e n u a. Der erste Eindruck, 
den man hier von ihr gewinnt, ist der einer geradezu hyper- 
trophcn Intensität. Auch hier einiges Spezialistentum, doch ar- 
beiten viele der Stillebenmaler auch in starker Verbindung mit 
Landschaft, Mythologie, Genre und Tieren. Diese wohl unter 
vlämischem Einfluß entstandene Kombination ist besonders ein- 
drucksvoll in G e n u a anzutreffen, wo in erster Linie G. B. Ca - 
stiglione (1616-1670 Genua) zu nennen ist, dessen meist 
theatralische Stilleben mitunter nur geschickte Beigaben zu 
Mythologien und Tierbildern sind. ln ähnlicher Weise arbeitete 
A. M. Vasallo (nachweisbar 1640,50), der als Vlame (F) viel- 
leicht ein Schüler des Rubens war, während Gio v anni Ago - 
s t ino C a s san a (1611-1691) seine Stilleben vorzugsweise mit 
Tieren in der Art dcs Salvatore Rosa verbindet, wogegen An- 
tonio Travi, genannt ll Sestri (1608 Sestri ponente, 1665 
Genua?) die Stillcbenbcstandteile in genreartig staffierte Land- 
schaften mit Ruinen einbaut. Auch der tüchtige Giovanni 
R o s a (Genua, tätig Mitte 17. jahrhundert) geht dem reinen Stil- 
leben aus dem Weg. 
Venedig ist auf dem Gebiet der Stillebenmalerei durch das 
ganze Barock hindurch unproduktiv. Das ist verwunderlich, wo 
doch gerade in der venezianischen Frührenaissance entzückende 
Beispiele von stillebenartigen Akzessorien gemalt wurden, z. B. 
bei Carpaccio. 
Die trefflichen Bemerkungen von Luigi Lanzi in seiner Storia 
pittorica dcll' Italia (1789, tom. III, pag. 211) „Molti erano 
allora pittori di fiori e frutta per tutta Italia. Ma osservo chc i 
lor nomi son pcr la maggior partc in dimentieanza o se si leggon 
ne' libri, se ne ignoran Voperc" gelten bis nahe an unsere Tage 
heran, besonders für Oberitalien und hier namentlich für die 
Lombardei. 
Es gibt hier sehr viel Tüchtig-Mittelmäßiges, denn auf dem 
Gebiet des eigentlichen Stillcbens sind nur drei Namen erst- 
klassiger Maler zu nennen: Evaristo Baschenis und ja- 
copo Ccruti, genannt Pitocchctto. Dann noch als Blumen- 
spezialist G i u s e p p e V i e e n z i n 0 (tätig mit seiner Tochter 
Dome nica in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Mai- 
land). Viccnzino ist eine unmittelbar von Caravaggio herzulei- 
tende Künstlerpersönlichkeit, nur daß auch er, wie seine Tochter 
dunkeltonige Hintergründe und bei allem Detail eine weiche 
malerische Haltung ihrer Bilder bevorzugen. Malvezzi, ein Viten- 
schreibcr des Spätbarocks, hat recht, wenn er die Gemälde von 
Vater und Tochter benennt als „fatto nella maniera di Brügcl . . . 
pittore bravissimo di fiori, benissimo escguiti . . ." Bis gegen 1925 
wurden viele Blumenstücke dieses Künstlerpaares dem Cara- 
vaggiokreis zugeschrieben. Das hier auf Seite 8 abgebildete Stil- 
lcben dürfte eine Arbeit von Viccnzino-Vater sein. 
E v a r i s t o B a s c h e n i s hat seinen Ruhm als einziger dieser 
Gruppe nie verloren. Aber auch nur als Maler köstlich grup- 
pierter Musikinstrumente. (1617 Bergamo, 1677 ebda.) Die Zahl 
solcher Gemälde von seiner Hand ist groß; über den Musik- 
instrumenten liegt ein Hauch von Abstraktion (trotz aller natu- 
ralistischer Genauigkeit). „Mit einer wahrhaften Kubisten-Freude 
an dem Aufbau komplizierter körperlicher Gebilde aus den ein- 
fachen geometrischen Formen hölzerner Instrumente ordnet cr 
seine Stilleben zusammen, die koloristisch und taktisch ihre Wir- 
kungen aus dem Gegeneinander von glatten, undurchdringlichen
	        

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