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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 3)

holzbraunen Geräten, dunkelgrünen oder dunkelroten mit Gold 
abgesetzten Vorhängen und der Pointe einer irgendwie einge- 
fügten runden Frucht gewinnen." (N. Pevsncr.) Mit solchen Bil- 
dern errang Baschenis ständigen Ruhm und fand natürlich auch 
viel Nachahmer. Doch schuf er auch „reine" Stilleben mit Früch- 
ten, Blumen, Fischen, Geschirr u. a. In diesen Arbeiten ist er 
mindestens so gut, wie in den Musikinstrumenten-Bildern, nur 
wird er erst heute darin geschätzt, und nunmehr will das Pendel 
gerne (ungerecht) auf die andere Seite ausschlagen. 
jacopo Ceruti, genannt Pitocchetto, nachweisbar in Ber- 
gamo zwischen 1734-1750, wurde als köstlicher Genremaler 
erst nahe vor dem Zweiten Weltkrieg durch Delogu, Fiocco und 
dann von mir „entdeckt", ich bezeichnete Ceruti damals im Jahre 
1942 als den „lombardischen Chardin", obwohl dieser ein Men- 
schenalter später auftrat. Delogu verwies ferner auch auf die 
prächtigen Stillehcn des Ceruti, meist mittelgroße Leinwanden 
von ausgezeichneter Koloristik. 
Um Baschenis, Ceruti und Vicenzino gruppieren sich dann sehr 
viele andere obcritalienische Stillebenmaler. Vielfach liegt ihr 
Biographisches noch im l)unkel oder Halbdunkel, vielfach ist die 
Zuschreibung ihrer nicht signierten Werke zweifelhaft. Dennoch 
sollen auch hier, in dieser summarischen Zusammenstellung, die 
wichtigsten Namen aus jener geradezu unerschöpflich großen 
Gruppe von oheritalienischen Stillebenmalern angeführt werden, 
um den Interessenten wenigstens einige Anhaltspunkte zu geben, 
falls ihnen ein solches XVerk entgegenlritt. 
Die alten koloristischen Fähigkeiten der Lombardei sind auch bei 
den Stilleben nicht erloschen. Bodenständige farbige Lebendigkeit 
verbindet sich mit mannigfachen niederländischen Befruchtungen 
und mit der lange anhaltenden Nachwirkung des Caravaggio- 
Kreises. Auf Blumen- und Obststillebcn konzentrierte sich die 
durch drei Generationen nachweisbare Familie P a n f i l 0 - N u - 
v 0 l o n e, sie schufen bis gegen 1710 in Mailand und Como. N u- 
vo l o n e - P a n f i l 0 ist wichtig durch seinen Schüler F e l i ce 
Bosel li (1650-1731 Piaeenza), dessen dramatisierte Geflügel- 
stilleben einen metaphysischen Anhaueh durch Magnasco erhal- 
ten zu haben scheinen. A n n a C a f fi und M a d e rn o, beide 
aus Cremona (F), sind als Blumenmaler zu nennen. Einige tüch- 
tige Meister der Natura mortc überschreiten dann die jahr- 
hundertgrenze, ihre späten Arbeiten werden immer lichter im 
Kolorit und immer dünner im Pinselstrich. Dazu gehören ein- 
mal A. M. Crivelli, genannt Crive l I one (gest. 1730 Mailand) 
mit theatralisch gut komponierten Stilleben mit lebendem Ge- 
flügel - Weenix hat hier eingewirkt -, dann Pietro Fran- 
cesco Cittadini, genannt Milanese, ein Schüler von Reni, 
malte gerne Früchte, der Blumenmaler B u s e l lo d i P a r m a, 
Graf Giorgio Durante aus Breseia (1683-1755) mit ein- 
fachen, sehr kultivierten Stilleben, F r a n e e s c 0 Lo nd onio 
(1723-1784 Mailand), der, wie die Jahreszahlen zeigen, bereits 
dem Rokoko angehörte, und als letzter noch zu nennender Stil- 
lebenmaler, der Veronese Giovanni Batt. Faceioli (1729 
bis 1809 Verona). Dann hat der Klassizismus jedes weitere Inter- 
esse an Stilleben inhibiert. 
Nur im benachbarten Piemont blühte dieser Zweig noch etwas 
länger. Ihm gehören an die beiden Brüder V i t t 0 r i o A m e d e 0 
Raposo (1728-1798 Turin) und Michclc Antonio Ra- 
poso (1733-1819 Turin). Sie malten Stilleben, Blumen und 
Tiere, um 1770 noch durchaus im dunkeltonigen Stil von 1670, 
und es ist nicht zu vcrwundern, wenn manche ihrer Werke Fehl- 
datierungen und Fehlzusehreibungen erfuhren. So war vor drei 
Jahren im Auktionshaus „Alt-Wien" ein monogrammiertes, 
dunkles, großes Blumenstück des V. A. R(ap0so) zu sehen, wel- 
ches vom Vorbcsitzer als ein Werk des Werner Tamm (!) he- 
zeichnet wurde. Einzig in paneelartigen dekorativen Blumen- 
stücken mit architektonischen Hintergründen für die ehemaligen 
königlichen Schlösser in Turin und Umgebung (z. B. Stupinigi) 
hat M. A. Raposo eine zeitgemäße Aufhellung seines Kolorites 
durchgeführt. 
Da im Sinne der italienischen Kunstanschauung das reine Stil- 
leben in der Art der Holländer nicht überall dominiert (eher noch 
in Neapel und in Rom, als in der Po-Ebenc), sondern, sichtlich 
angeregt durch die umfangreichen Stillebenkombinationen der 
Vlamen, z. B. des Weenix, vielfach mit figuralen Szenen, mit 
Landschaften, mit Tieren u. a. zusammengetan wurde, dürfte es 
notwendig sein, einmal auch über diese umfangreiche Gruppe 
näher zu sprechen. Diesmal konnte auf sie gelegentlich der Auf- 
zählung der in Frage stehenden Maler von Genua doch nur 
kurz hingedeulel werden. 
UHREN 
IM 
EMPIRE 
Von H. EG K L. Kurlslein 
Schnn im 15. Jahrhundert ist die Uhr nicht mehr ausschließ- 
lich Gcbrauchsgegenstand, sondern zugleich auch Kunst- 
werk. So bleibt es bis in unsere Zeit. Die Geschichte der 
Uhr ist seitdem mit der Geschichte der bildenden Kunst 
aufs engste verbunden. (Bmssermann-Jordan.) 
Seit jeher nimmt die Uhr im Bereich der XVerte menschlicher 
Kultur eine besondere Stellung ein. An Hand der Geschichte der 
Uhren und der Zeitmessung läßt sich die Entwicklung der Kultur 
aller Völker und Zeiten verfolgen. ja, die Zeitmessung selbst 
stellt einen Teil der Kultur dar. Dies offenbart sich sogleich 
jeder Betrachtung, die die Geschichte der Zeitmessung zum Ge- 
genstand hat, sowie sie das Ringen einerseits um die technisch- 
mechanische Ausführung der Uhr, andererseits um die künst- 
lerische Gestaltung ihrer äußeren Form darstellt. 
Betrachtet man die Entwicklung der Uhren v 0 n d e r te c h ni- 
s c h e n S e i le her seit ihren Anfängen als mechanische Uhren 
mit Waaghemmung bis zu den letzten Errungenschaften der 
kompensierten Armbanduhr mit Selbstaulzug oder zur elektri- 
schcn Uhr, so erkennt man darin sehr wohl eine s t e t i g a u i - 
steigende Linie, wic sie charakteristisch ist für jede tech- 
nische Entwicklung. Wenn heute in billigeren und darum ein- 
facher ausgestatteten Uhren die letzten Errungenschaften der 
Uhrenteehnik nicht zur Anwendung gelangen, so bedeutet dies 
keinen Rückschritt in der Entwicklung, sondern eine wirtschaft- 
liche Maßnahme. Die theoretisch fundierten und praktisch er- 
probten Fortschritte der Uhrentechnik bilden die unverlierbare 
Basis einer Entwicklung, welche sich allerdings asymptotisch 
ihrer Grenze zu nähern scheint und welche - und dies soll als 
wesentlich hier festgehalten werden - stetig erfolgt. 
Eine Betrachtung der Entwicklung der Uhren von der künst- 
lerischen Seite her - auf die es uns hier ankommt - 
zeigt allerdings ein anderes Bild. Die Uranfänge der technischen 
Entwicklung der Räderuhr fallen in jene Zcitepoehe, die man 
stilgeschiehtlich die Gotik nennt. Nun ist aber die Uhr, die sich 
dem rein technisch orientierten Betrachter als ein, wenn auch mit 
hochinteressanten technischen Details ausgestattetes, doch nüch- 
ternes Mcßgerät darstellt, daneben, oder vielleicht sogar darüber 
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