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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 3)

1810 Joseph Strasser in Wien erfindet den nach ihm benannten 
„Strafl". 
Napoleons Rückzug aus Moskau. 
Richard Wagner geboren. Völkerschlacht bei Leipzig. 
Stephensons erste Lokomotive (6 kmjhl). 
Schlacht bei Waterloo. Wiener Kongreß. 
1812 
1813 
1814 
1815 
1815- 
1848 Das Zeitalter der Restauration. 
1817 Ludwig von Drais führt sein Fahrrad vor, welches durch 
Ahstoßen mit den Füßen vom Boden bewegt wird. 
1821 Napoleon auf St. Helena gestorben. 
Welche Bedeutung - so wird man sich zunächst fragen - soll 
diese Tabelle geschichtlicher und kulturgeschichtlicher Daten des 
beginnenden 19. Jahrhunderts für unsere Betrachtung der Em- 
pire-Uhren haben? Wir wollen dies an einem Beispiel kurz er- 
läutern. Da ist unter der Jahreszahl 1798 Napoleons Zug nach 
Ägypten erwähnt. Wer den napoleonischen Stil im Detail be- 
trachtet und Vergleiche mit ägyptischen Stilelementen anstellt, 
wird sogleich erkennen, wie sich diese letzteren, vermischt mit 
griechisch-römischen, im Empirestil wiederfinden. In diesem Zu- 
sammenhang ist zu erwähnen die Auffindung der „Inschrift von 
Rosette" im Jahre 1799 durch den französischen Artillerie- 
offizier Bouchard, jener Bekanntmachung der ägyptischen Prie- 
sterschaft aus dem Jahre 196 v. Chr. in drei Sprachen, welche 
die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. So begreifen wir, 
wie Elemente von Kunst und Wissenschaft aus dem Reich der 
Pharaonen Eingang fanden nach Frankreich und von da in das 
Europa des frühen 19. Jahrhunderts. Fragen wir nun nach dem 
Manne, der zwei Jahrzehnte lang Europa und die Welt in Atem 
hielt und dessen Initiative auch die Kunst so entscheidend be- 
einflussen sollte. 
Von dem unhcilschwangeren Morgenhimmel nach der Französi- 
schen Revolution hebt sich eine kleine, dunkle Gestalt ab, hart 
und fest, begabt und skrupellos. unoriginell, aus gemeinem Stoff 
gemacht: Napoleon Bonaparte (H. G. Wells). Weder die wechsel- 
volle Geschichte seiner zahllosen Kriege, noch sein steiler Auf- 
stieg zur Macht als Kaiser der Franzosen soll hier erörtert wer- 
den. Eines aber ist für unsere Betrachtung wichtig festgehalten 
zu werden: sein Versuch, die Idee des Imperium Romanum in 
Europa wieder aufleben zu lassen. Dieser Versuch spiegelt ge- 
treulich wider in der Kunst, sowohl in der Architektur im 
großen, wie im einzelnen Detail des Kunstgewerbes im kleinen. 
Die Kunstformen der Antike zur Zeit ihrer höchsten Blüte sollen 
von neuem erstehen zu Ruhm und Ehre der Nation, ja ihres 
Wiedercrweckers. Aber nicht nur die Ewige Stadt mit ihren 
Museen und Prachtbauten ist Anregung und Vorbild. Auch 
fernerstehende Kulturkreise liefern Vorbilder: Vom Zug Na- 
poleons nach Ägypten stammen vicle Details, welche ienem 
wundersamen römisch-griechischÄgyptischen Stilgemisch sein 
seltsam düsteres Gepräge geben. das eingegangen ist in die Ge- 
schichte der Kunst unter dem Namen Napoleonischer Stil. 
Schon im Rokoko hatten sich, ausgelöst durch Mißwirtsrhaft 
und Willkür des absolutistischen Regimes revolutionäre Strömun- 
gen im Volke gebildet, denen Louis XV. außer gutem Willen 
nichts entgegenzusetzen hatte. Tatsächlich können wir später 
deutlich eine Abkehr von dem aufreizenden Prunk frivol-heiterer 
Formen des Rokoko höfischer Prägung feststellen. Der folgende 
Stil des Louis XVI. zeigt denn auch ziemlich unvermittelt einen 
Übergang zu den strengeren Formen des antiken Vorbildes. in 
denen das Geradlinige an die Stelle allzu barocker Schnörkel 
tritt, ohne daß ihm jedoch die ganze Schwere der Renaissance an- 
haftet. Diese erste. schöne Blüte des Klassizismus hatte die Fran- 
zösische Revolution zerstört und mit dem Haupte des Königs 
sank auch sie dahin. An ihre Stelle trat, nach der Periode des 
Directoire. der Napoleonische Stil. Aber dieser war nicht or- 
ganisch gewachsen, nicht das Ergebnis eines künstlerischen Ent- 
wicklungs- und Reifeprozesses, sondern gleichsam das Ergebnis 
eines kurz und bündig erteilten Befehles: das Werk des Diktators. 
Abb. 2. NQMun-Ubr, vlrgalddl Bronxl. um 1800. 
Wlonor Uhrlnmtuoum. (Mn lrdl. Gonohmlgung durch HOF"! Dir. Knfhn) 
Er hat denn auch das Kaiserreich kaum überdauert. Mit dem 
Sturz der napoleonischen Macht verschwindet auch der Empire- 
Stil in der Versenkung. 
Fragen wir uns nun, um das Wesen des Empire-Gchäuses der 
Uhr ganz zu erfassen, nach den allgemeinen Stilelemcntcn, wie 
sie in der Architektur, im Mobilar, ja selbst in der Kleidung 
zur Anwendung gelangen. Hatte der Louis XVI.-Stil mit der 
Antike sozusagen bloß kokettiert, so bedeutete diese für das 
Empire das Alpha und Omega aller künstlerischen Ausdrucks- 
formen. Ergänzt wurden diese nur durch die der napoleonischen 
Ära so gemäßen kriegerischen Embleme und Siegestrophäen. 
Die Architektur bevorzugt das Steife, Hochstrebende. Majestäti- 
sehe Glorie, herbe Schwere treten an die Stelle der Grazie des 
Rokoko. Mäandergebilde, Waffentrophäen, geraffte Fahnen- 
tücher, Girlanden, Aschenurnen, gekreuzte Fackeln, oval um- 
rahmte Rundbildnisse etc. wiederholen sich als Ziermotive mit 
einer ermüdenden Monotonie gleichermaßen an Kirchen und 
Wohnhäusern, im Tanzsaal wie am Friedhof. Auch das Möbel 
ist durch antike Starrheit charakterisiert. In blindem Antiken- 
wahn trieb man Mißbrauch mit den Formen der Antike. Antiki- 
sierende Bronzegußverzierungen treten an Stelle der Schnit- 
zereien. Möbelfüße werden zu dünnen, steifen Stelzen, ja oft sogar 
als Fackelstiele ausgebildet. Als weitere Ziermotive verwendet 
man: Lyra, Schwan, Sphinx, Delphin, geflügelte Löwen, Amoret- 
ten etc. Besonders beliebt ist rotbraune und schwarze Politur, 
Mahagoni mit Ebenholzeinlagcn (Intarsien); auch weiß-goldene 
Lackierungen. Die Gewandung von Figuren ist dem griechischen 
Kostüm nachgebildet. Das übliche Standuhrgehäuse ähnelt häufig 
dem antiken Tempelchen, und weist Alabaster- und Marmor- 
säulchen mit vergoldeten Kapitälchen auf. 
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