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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 4)

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Ebenso wie dieses besonders bezeichnende Motiv verraten auch 
die übrigen verwendeten Schmuckformen ihre Herkunft von 
plastischen Vorbildern, deren Wirkung in den Teppichen durch 
ein kräftiges farbiges Abschattieren nachgeahmt erscheint. Reich- 
tum der Ornamcntik und plastische Modellierung der Einzel- 
formen lassen diese Stücke wie direkt auf den Boden projizierte 
Deckendckorationen erscheinen. Sie fügen sich damit als auf 
die Architektur und ihre Ausstattung bezogene Stücke der ein- 
heitlichen Gesamtdisposition des spätbarockcn Innenraumes ein. 
Wie eng dieses Verhältnis von Plalond- und Bodendckoration ist, 
zeigen Stücke, die diese Verbindung auch noch über das linde 
der Baroekkunst hinaus erhalten. Hier besitzen zwar die ver- 
wendeten Einzelformen nicht mehr reiche Bewegung und Plastik, 
sondern flächenhafte, mehr zeichnerische Durchbildung, aber dir 
Gcsamtkomposilion mit ihrer komplizierten Sternform erscheint 
wieder wie ein in anderes Material umgesetzter Entwurf einer 
Decke. (Abb. 1.) 
Das vorwiegende Kompositionsprinzip dieser Teppiche ist eine 
zentrale Anordnung. Alle Formen erscheinen einem Mittelstück 
zu- und untergeordnet; eine breite Bordüre, meist mit betonten 
Eckstücken, umgibt das in sich geschlossene, auf die Mitte hin 
ausgerichtete Innenfeld. 
Gerade hierin bringt nun der Klassizismus gemäß der wcscn- 
haften Veränderung der gesamten Raumgestaltung einen ent- 
scheidenden Wandel. Die Unterordnung aller Formen unter eine 
beherrschende Mitte weicht nun einer Isolierung der einzelnen 
Teile, die klar und scharf von einander abgesetzt aneinander ge- 
fügt werden. In dieser starken Abgrenzung erhält jeder Teil 
eine größere Selbständigkeit und damit auch Gleichwertigkeit 
in der Gesamtdisposilion. Die Bezogenhcit der Formen wird 
durch eine Gegenüberstellung von gleichen Stücken, die Unter- 
ordnung unter ein Hauptmotiv durch einen regelmäßigen 
Wechsel ersetzt. Gemäß ihrem Zusammenhang mit der Raum- 
dekoration vollzieht sich die Veränderung der Teppichmuster im 
gleichen Sinn. 
Deutlich läßt sich diese letzte Stufe der europäischen 'l'eppich- 
dekoration im Klassizismus in Österreich an den Maschin- 
teppichen aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts verfolgen. Hatte 
die Erzeugung der handgeknüpften Teppiche nach Art der fran- 
zösischen Savonnerien in Österreich so gut wie keine Aufnahme 
gefunden, so begann vor allem nach englischen und niederländi- 
schen Vorhildern im Jahre 1796 die Erzeugung von Maschin- 
teppichen. Auf Anregung Konrad Sörgels von Sorgenthal wurde 
ein Teil der großen staatlichen Wollzeugmanufaktur in Linz 
der Teppichherslellung gewidmet, deren Erzeugnisse vor allem 
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts als „Linzer 
Teppiche" auch über die Grenzen der österreichischen Erblande 
hinaus eine gewisse Bedeutung gewannen. 
Die klassizistische Art der Dekoration mit einem regelmäßig 
wiederkehrenden Muster ist der Technik des Maschinteppichs 
adäquat. Der wesentliche Unterschied zu den Savonnerien ist 
aber nicht allein durch die andere Technik bedingt, sondern 
durch den Wandel der Grundprinzipien der Innenraumgestal- 
tung. Die große einheitliche Komposition wird durch eine Auf- 
teilung des Mittclstückes in einzelne Felder ersetzt. (Abb. 3.) 
Die raslerartige Betonung der lieldertcilung mit ihrem regel- 
mäßigen Wechsel von glatten und gemusterten Flächen erzeugt 
hier den Eindruck eines fortlaufenden Musters. Die akzentlose 
Aneinanderreihung der verschiedenen Musterkompartimente 
trägt in sich die Möglichkeit der Fortsetzung nach jeder Seite 
hin; das Innenfeld bildet damit kein in sich geschlossenes Ganzes, 
sondern einen durch die Bordüre gebildeten Ausschnitt aus einem 
beliebig größeren Zusammenhang. Auch die auf den ersten Blick 
scheinbar zentrale Gliederung besteht hier nicht in einer wirk- 
lichen Hervorhebung der Mitte, sondern nur in einer Anordnung 
der Felder im Mittelstück. Diese Isolierung und Verselbständi-
	        

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