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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 4)

Locken eines nächtlichen Vogels vom nahen Waldrand klang, 
es konnte auch die Flöte Pans sein. - Aber das alles, verstehen 
Sie, war keine poetische Träumerei, es war Realität, Wirklich- 
keit, die erlebt wurde. Der Glaube der Alten war begrenzt; 
sie glaubten, was sie sahen, was sie fühlten; aber das glaubten 
sie unerschütterlich und innig." 
Der General hatte sich warm gesprochen. Ich merkte, wie nah 
das Thema ihm ging. „Und die Mythen?" warf ich ein. „Wenn 
ich mir aus Ihren Worten den logischen Schluß zu ziehen er- 
laube, so sind auch sie keine Phantasien, sondern Realitäten." 
- „Genau wie Ihre mitteleuropäische Psychoanalyse. Der Grie- 
che kannte keine Komplexe", er verdrängte nicht, er unter- 
drückte nicht. (Im Hinblick auf das private Leben war und ist 
Hellas auch heute noch das freieste Land Europas.) Wenn Ihre 
Wissenschaft von einem Oedipuskomplex spricht, so ist das et- 
was anderes wie der gleichnamige Mythos. Oedipus begehrte 
seine Mutter, weil er nicht die Mutter in ihr erkannte. Der 
moderne Mensch, der an einem Oedipuskomplex leidet, begehrt 
seine Mutter, weil oder obwohl sie seine Mutter ist. Sie be- 
greifen, eine Welt trennt die beiden. Die Mythen und die Dichter 
in ihren Dramen wollten die Menschen belehren und warnen, 
nicht mehr. Ihr Arzt will heilen. 
Der Grieche glaubte nicht an eine solche Heilung, weil er nicht 
an Gnade glaubte. Die Veranlagung des Menschen war sein 
Schicksal; es war unenlrinnbatr, unabwendbar. Auf den einen 
stürzte es herab wie ein Stein und zermalmte ihn; den anderen 
hob es auf Adlerschwingen empor und machte ihn den Göttern 
ähnlich. Es hinzunehmen, es in Ergebung zu ertragen, war letzte 
Weisheit. Und es war eine hart zu erlernende, weil weder ein 
versprochenes Jenseits mit Lohn und Vergeltung, noch der 
Glaube an Wiedergeburt vertröstete und versöhnte. Aber, sehen 
Sie, der antike Mensch hatte den Mut und die Kraft, auch ohne 
diese ßtimulantia" froh und glücklich zu sein." 
Die Worte des Generals gaben mir zu denken. Sie waren ein- 
leuchtend, sie sprachen aus, was ich schon immer unklar emp- 
funden hatte: daß unsere romantische Auffassung falsch sei, ein- 
fach weil es damals keine Romantik gab; denn was ist Romantik 
anderes wie das Ausleben unterdrückter Gefühle auf der gei- 
stigen Ebene? 
Und dann fielen mir die Photographien ein. Jetzt, heute schie- 
nen die Ansichten des Generals echtes antikes Geistesgut. Aber 
wie würde es sich damit in fünfzig, in hundert Jahren verhalten? 
Würde man da nicht an den „Meandern" auf den ersten Blick 
erkennen, welchem Jahrhundert, welchem Jahrzehnt seine Be- 
trachtungsweise angehörte? - Die großen Werke der Mensch- 
heit (die der Schönheit sowohl wie die der Weisheit) gleichen 
Spiegeln, die das Universum in all seiner Schöpfungsmannigfaltig- 
keit wiedergeben; aber sobald wir uns ihnen betraehtend nahen, 
entdecken wir irgendwo am Rand, im Hintergrund unser eigenes 
Bild und von diesem Augenblick an können wir nicht umhin, 
alles zu uns in Beziehung zu setzen, auf uns zu beziehen. 
Als ich dem General eine derartige Andeutung machte, nickte 
er lebhaft: „Aber gerade das ist es ja, was die Alten unter Un- 
sterblichkeit verstanden: daß jedes Werk so lange lebendig ist, 
als der Mensch in ihm sich selber findet." 
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