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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 4)

turen das Musee d'Art Moderne seinen herbstlichen Ausstellungs- 
zyklus eingeleitet hat. Diese Künstlerin ist ein nicht zu über- 
sehcnder Beleg dafür, daß der expressionistische Flügel der Pla- 
stik nun auch in Frankreich seine Verfechter findet. Die Eng- 
länder haben vor ein paar Jahren neue Möglichkeiten der Eisen- 
und Drahtplastik entdeckt. Etwa gleichzeitig hat in der Malerei 
der Tachisten ein düsterer, anarchischer Mißklang um sich ge- 
griffen. Das nihilistische Pathos, von seinem privaten Welt- 
schmerz gekrümmt, findet nun auch im Dreidimensionalcn 
packende Ausdrücklirhkeit. Urmenschen, Gestalten eines dro- 
henden Mythos, werden beschworen, Fragmente des Mensch- 
lichen in wüste Verwandlungen des Kreatürlichen verstrickt. 
Hier ist die „Gcworfenheit" des Menschen zentrales Thema - 
die Skulptur hat die existentielle Bedrängnis ihrem Erlebnis- 
repertoire eingefügt. 
Es scheint ratsam, von dieser zerschundenen Menschheitspassion 
des Spätcxpressionismus den Blick auf einen Künstler zurückzu- 
lenken, dessen geschichtliche Leistung ungefähr mit dem Kirch- 
ner der „Brücke" einsetzt, dessen Lebenswerk jedoch zu den 
beglückendstcn unserer Epoche zahlt: zu Henri M a tis s e. dem 
Meister der maßvollen Kontinuität, dem das Pariser Musde d'Art 
Moderne zwei Jahre nach seinem Tode die erste große Retro- 
spektive widmete. Mehr als dreißig der gezeigten Bilder waren 
Leihgaben aus den Vereinigten Staaten, deren größte Matisse- 
Sammlung, die Barnes-Foundation, ebenso wie die reichen russi- 
schen Sammlungen in Leningrad und Moskau nicht vertreten 
waren. Dennoch gelang es der Ausstellung, den „langen Atem" 
dieses Malers in einer prachtvollen Bilderreihe vorzuführen: die 
sorgfältigen handwerklichen Anfänge, die gewissenhafte Aus- 
einandersetzung mit den alten Meistern (Kopie nach Rafaels 
Castiglione), das Ungestüm des „Fauvisten" und - nach diesem 
geschichtsbildenden Besinnungsakt - die Klärung des Formalen 
innerhalb eines beschränkten, sehr französischen Themenkreises, 
der immer wieder ein Leitmotiv anklingen laßt: das problem- 
ferne Daseinsglück der Interieurs mit weitgeöffneten Fenstern, 
der Odalisken, der Frauen und Mädchen . . . Eine hohe Malkultur 
bewahrt vor Wiederholungen, aber auch vor dem Abgleiten ins 
Dekorative oder Plakative. Die schönste Bestätigung der Sub- 
stanz dieses Künstlers boten seine letzten Arbeiten, riesengroße 
Klebebilder aus Buntpapieren, die entstanden sind, als er den 
Pinsel nicht mehr führen konnte. Sie knüpfen direkt wieder an 
die großen Frühwerke, an den „Tanz" und an „Luxe, Calme et 
volupte" an. 
Matisse hat es anderen überlassen, die Konsequenzen aus dem 
Experiment des Fauvismus zu ziehen. Er selbst konnte sich da- 
mit begnügen, die Welt aufgehellt, die Palette intensiviert und 
das Bildgefüge mit elementaren Spannungen versehen zu haben. 
Innerhalb dieses Rahmens vollzieht sich seine Interpretation der 
Umwelt: ihr Ziel ist Ausgewogenheit, im Figurativen also eine 
Parallele zu Mondrian. 
Der derbe Griff der liauvisten nach der Wirklichkeit, ihr Ver- 
langen nach dem Urlaut von Farbe und Form, wurde von den 
Kubisten in andere Bahnen gelenkt. XVenn man sich darüber 
verwundert, daß alle Kuhisten wieder zur Wirklichkeit zurück- 
gekehrt sind, so darf man nicht übersehen, daß sie ihr Vorhaben 
als eine neue Phase des Realismus verstanden wissen wollten und 
Courbet als ihren „Vater" reklamierten. Diese Rückkehr in eine 
gereinigte, geliiuterte Gegenständlichkeit demonstrierte die große 
Lege r-Ausstellung im Pariser Musee des Arts decoratifs. Sie 
hat eindeutig dargetan, dafl Leger zu dem halben Dutzend der 
größten Maler unseres jahrhundcrts gezählt werden muß. Über- 
all dort, wo der Irrglaube von den destruktiven Impulsen der 
Moderne verfochten wird, sei der Name dieses Malers als Beispiel 
für eine neue Monumentalität genannt, als Vorbild für eine 
Kunst, die über Cezanne zu den großen alten Meistern zurück- 
reicht und deren vitalstes Anliegen es ist, wieder zu wirken, sich 
wieder dem Bemühen um die Verschönerung der Welt einzu- 
ordnen. Legers Schaffen setzte sich immer wieder mit der Archi- 
tektur und den Problemen der Wandmalerei auseinander. In 
seinen letzten Jahren war es ihm vergönnt, wieder in einen organi- 
schen Zusammenhang zurüekzufinden: einmal in der Kirche von 
Audincourt, wo er Glasfenster schuf, dann in einem Spital, dessen 
künstlerische Gestaltung er an der Seite des Architekten durch- 
führte. 
Es gibt Bezirke, die diese Kunst nicht erreicht. Sie ist öffentliche 
Manifestation und für eine Gemeinschaft gedacht, sie ist klar 
und eindeutig. Wenn man sich über die phantastischen Wege der 
menschlichen Innenschau Rechenschaft ablegen will, muß man 
den Blick von den Fassaden unserer Architekten abwenden. Marc 
Chagall, der große Legendcnerzähler, mag als Beispiel für 
eine künstlerische Haltung dienen, die dem Irrationalen, der 
schweilenden Erinnerung und dem Märchen ihre Anlässe ent- 
nimmt. Chagalls Anfänge liegen in den Jahren vor dem ersten 
Weltkrieg in Paris und in Berlin. Damals fand er seine Welt - 
eine Welt, in der sich östliche Legenden mit Glauhensmotiven 
mischen. Man könnte von Archetypen reden, wäre diese Kunst 
nicht so unendlich schlicht und unbefangen. Heute stellt die 
Kunsthalle in Basel die letzten 25 jahre von Chagalls Schaffen 
aus und wieder bezwingt dieses Werk durch seine dunkle, stille 
Melancholie, durch seine zeitlose Traumlandschaft, in der 
Kummer und Leid, das Glück der Vereinigung und der Schmerz 
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