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Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 4)

des Erlösers von der Einfalt eines gläubigen Herzens aufge- 
zeichnet sind. 
Chagalls Phantastik besitzt den Schlüssel zu den Räumen, in 
denen die Gesetze der Vernunft keine Gültigkeit mehr haben. 
Eine Zeitlang hat man auch Paul Kle e ausschließlich für diese 
surreale Welt in Anspruch genommen und erst seit einigen jah- 
ren vervollständigt sich unsere Kenntnis vom Wesen dieses Ma- 
lers und zwingt zur Revision manchen Urteils. Den ganzen Um- 
fang dieser reichgestuiten Persönlichkeit vermittelt gegenwärtig 
die bisher größte aller Klee-Ausstellungen, die vom Berner 
Kunstmuseum vorbereitet wurde und mehr als 700 Arbeiten 
umiußt. (Es ist geplant, diese Ausstellung auch in zwei deutschen 
Städten zu zeigen.) Die „Wiedererweckung der Natur im Bilde" 
umfaßt hier alle Bereiche vom Gegenständlichen bis zum Un- 
gegenständlichen - sie darf als ein Weltentwurf gelten, der 
wohl in seinen großen Zügcn schon geahnt, in seinen feinen 
Verästelungen aber erst langsam ausgeschritten werden kann. 
Abschließend sei eine kostbare Vcrkauisnusstcllung der Galerie 
Beyeler in Basel erwähnt, in der die hier genannten Maler, ihre 
Vorläufer und Mitstreitcr mit hervorragenden Proben ihres 
Schaffens hervortreten. Locker zusammengefügt und ohne den 
Anspruch auf Systematik, zeigt diese Schau, wie rasch qualität- 
volle Werke sich untereinander zu verständigen und eine Ge- 
meinschaft zu bilden vermögen, auch wenn sie so weit aus- 
einander liegen wie ein Delacroix vun einem Mirö, ein Kan- 
dinsky von einem Kokoschka und ein Vuillard von einem Klee. 
Manchem dieser Bilder hätte man in einem Wiener Museum eine 
Heimstatt gewünscht. 
WIE WOHNT DIE WELT- 
-WIE WOHNT MAN IN ÖSTERREICH? 
Von WILHELM MRAZEK 
Die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs stellt die 
Probleme des modernen Bauens und Wohnens in der Ausstellung 
„Wie wohnt die Welt" im Österreichischen Museum für ange- 
wandte Kunst zur Diskussion. Ein erster und mutiger Versuch, 
der wünschen läßt, daß ihm gelinge, was er beabsichtigt: Die 
Heranbildung der Menschen zum Schauen und Erleben der ge- 
genwärtigen Wohnformcn und damit zum Verständnis dessen, 
was Wohnen eigentlich ist. „Wie man wohnt, bedeutet mehr als 
Schutz vor Regen, Wind und Sonne; es bestimmt nicht nur das 
leibliche Wohl des Einzelnen, sondern auch sein seelisches und 
geistiges Geschick; damit aber auch das der menschlichen Ge- 
meinschaft und Gesellschaft, sei es die Ehe und das Gedeihen 
der Familie oder die wirtschaftliche Lage, die soziale und kul- 
turclle Haltung breiter Bevölkerungskreise" (Prof. Franz Schu- 
ster in seiner Eröffnungsrede). 
Auf rund 100 Bildtafeln mit etwa 130 Fotos, die durch einige 
moderne Einrichtungsgegenstände ergänzt sind, wird versucht, 
einen ungefähren Querschnitt durch die Wohnformen in den ver- 
schiedencn Ländern der Welt zu geben. Nur die Gestaltungen 
der letzten Jahre werden gezeigt und hier nur wieder das, was 
für den Laien, dem die speziellen Probleme fremd sind, anschau- 
lich und anregend sein kann. 
Die Initiative und der Mut zu einem solchen Unterfangen ist 
nur zu begrüßen. Denn gerade die Gegenwart, die in der stän- 
digen Gefahr lebt, von einer steuerlosen Industrialisierung über- 
rannt zu werden, hat es unbedingt notwendig, immer darauf 
hingewiesen zu werden, was neuzeitliches Bauen und Wohnen 
seinem eigentlichen Wesen nach ist und bedeuten kann. Will 
der Architekt seine Rolle als der Former der menschlichen Um- 
gebung nicht verlieren, dann muß er versuchen, mit allen ihm zu 
Gebote stehenden Mitteln, die Kluft zu überwinden, die zwi- 
schen seiner fortschrittlichen Baugesinnung und der Gefühls- 
struktur und Erlebnisdisposition seiner Mitmenschen und wohl 
auch seiner Auftraggeber besteht. Denn noch immer ist diese 
groß und so manches nach dem Kriege entstandene neue Bau- 
projekt hat sich als architektonische Banalität erwiesen, das 
seinen Zusammenhang mit der Pseudomonumentalität einer ver- 
gangenen Epoche nur zu eindeutig demonstriert, oder als modi- 
sehe und willkürliche Einzellösung, die weitab von der schwieri- 
gen Aufgabe liegt, das Wohnproblem in allgcmeingültiger Art 
und Weise zu meistern. 
Nun ist gerade bei diesem ersten Versuche eines wohltuend fest- 
zustellen. Alle Beispiele, die ausgewählt wurden, sind nicht we- 
gen einer fraglichen und immer bestreitbaren „Schönheit" aus- 
gesucht, sondern wegen ihres ganz besonderen Bezuges auf den 
Menschen hin. Denn „Hiiuser und Wohnungen, Siedlungen und 
Städte werden gebaut der Menschen wegen, die darin wohnen 
und leben" (Prof. Franz Schuster). Obwohl der Weg, den die 
Architektur zu gehen hat, immer schwerer ist als der der andern 
Künste, ist der Ausblick, der sich aus dem Gezeigten für die 
Zukunft erahnen läßt, besser und hoffnungsvoller als im letzten 
Jahrhundert. Mitten im Umbruch der Lebensführung und damit 
der Wohnansprüche und Wohnformen, herrscht in der gesam- 
ten zivilisierten Welt die gleiche Sehnsucht, ist die gleiche Er- 
lebnisgrundlage bestimmend für das neue Bauen, sei es das 
Wohnen im hohen Turmhaus und in der Wohnhausanlage der 
Großstadt, sei es im kleinen Haus am Garten, im Einfamilien- 
oder Mehrfamilienhaus, im Siedlungs- oder Ferienhaus. Über- 
all zeigt sieh das Bestreben neben der Berücksichtigung biologi- 
scher, sozialer und ökonomischer Überlegungen, alle diese im 
Speziellen auch wichtigen Probleme, der umfassenden Aufgabe 
unterzuordnen, die menschlich beste Wohnung und Stadt zu 
finden. Und neben dem unverfälschten Ausdruck der Gegen- 
wart in den klaren und sauberen Bauformen, finden wir gleicher- 
weise den starken Form- und Gestaltungswillcn, in das oft nur 
zu sehr widerstreitende Formenchaos unserer Städte, Inseln der 
architektonischen Ruhe und Ordnung zu setzen, und so Wohn- 
formen zu schaffen, die von selbst ein kulturvolles Verhalten 
bewirken. 
Dieses anschaubar zu machen, bedeutet mehr als architektoni- 
sche Probleme der zeitgenössischen Architektur aufzuzeigen. An 
Laien sich wendend, werden diese aufgefordert, das Problem des 
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