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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 1)

sehen kann, kann dieses übertreffen . . . wegen seiner Magnifi- 
cenz und vornembsten Ansehen. . . . Die Ordnung nun der 5 Säu- 
len seint so vornehm, daß ohne selbige nichts kann gezieret wer- 
den, kein Altar, kein Kirchen, kein Cadetra, Triumph und andere 
Porten, kein Haus", mit einem Wort, ohne diese „kein Gczierd 
kann gegeben sein". 
Es liegt nahe, daß eine derart hohe Bewertung der Baukunst, 
ihrer Ordnungen und Formen, sich auch auf die Gestaltung 
des Mobiliars auswirken mußte, um die Innenarchitektur und 
die bewegliche Ausstattung der Wohnräume harmonisch auf- 
einander abzustimmen und damit die dem Barock so sehr 
am Herzen gelegene Einheitlichkeit der Gesamtwirkung zu 
erreichen. 
Besonders der Schrank, das gewichtigstc und monumentalste 
Möbelstück, war für eine solche Beeinflussung prädestiniert. Es 
galt, die oft sehr beträchtliche Masse des Möbelkörpers und die 
für den Gebrauchszweck nötige Struktur ästhetisch zu gliedern. 
Für diese ästhetische Gliederung konnten nach allem bis- 
her Gesagten nur Gesetze und Richtlinien maßgebend sein, 
die von der Ivionumentalarehilektur abgeleitet waren. Die 
Kunsttischler waren in der Arehitekturtheorie wohl bewan- 
dert und wußten somit auch um die 5 Ordnungen der Säulen 
bestens Bescheid. 
In diesem Zusammenhang sei auf ein in Wien verfaßtes (1686 
erstmals erschienenes) Werk verwiesen, dessen weitschweifiger 
Titel lautet: „Wienerisches Architecturkunst- und Säulen-Buch, 
worinnen die gründliche Unterrichtung deren fünff Säulen  
biß dato proportionirlicher nicht gefunden worden. - Zu sun- 
derbahrem Nutzen  eines jedwedern Bau-Herrn, Ingenieurs, 
Abb. 3. 
Abb. 3. Bibliotlmk- oder Archiv- 
schrank aus dem niederüsterreichi- 
schenKlosterbereich. Ein schönes Bei- 
spiel barocker Ensembleeinrichtung 
mit intarsiener Schciriarol-iitektur. Die 
Dekorationsveletnente beider Möbel 
entsprechen jenen der zeitgenössi- 
schen Architektur. 
Hauplsächllch Nußholz. - Höhe: 229 cm, Breite: 
1331156 cm, Tiefe: 41148 cm. 1. Drmel 1B. Jh. 
lm Wiener Kunslhundel. 
Abb. 4. Rechts ein barocker Eck- 
schramk, ein originelles Möbel des 
klassischen Wiener Barocks. 
Haupisüchllch Nußholx. dazu Klrsch u. Ahorn 
Hebe: 275 cm, Blelle 78 Cm. Ylele 41 cm. 
i. Dfliitl 18. Jh. lrn Wiener Prlvaibesllz, 
 
Baumeisters . .. Tisch le r s . . . und in Summa eines jeden, der 
sich der Architecturkunst gebrauchen will." Der Verfasser, 
Johann Indau, ist jedoch bei weitem kein Architekt oder Theo- 
retiker, sondern, wie er sich selbst bezeichnet „Ihro Majestät 
der Verwittibten Römischen Kayserin Cammer Tischlern". - 
Sowohl die in Kupfer gestochenen „Risse" als auch der Text 
stammen von Indau, der sich damit und mit einer Stichfolge 
von Möbelentwürfen in gleicher Weise als Theoretiker wie als 
geschickter Praktiker ausweist. 
Außer der architektonischen Gliederung des Schranks galt es 
dann noch, die großen Flächen mit ornamentalem Dekor aus- 
zustatten und zu beleben. Hier standen die schier unerschöpf- 
lichen Möglichkeiten aller Arten von Vorbildern zur Verfügung, 
wie sie sich in den von den großen Dckorateuren und Ent- 
werlern herausgegebenen Ornamentstichwerken, Vorlagen- und 
Musterbüchern fanden, welche zusammen mit den Architektur- 
theorien sowohl in den Bibliotheken der Mäzene, wie in den 
Werkstätten zur Hand waren. 
Die Ausführung eines Schranks stellte demnach an das Können 
des Kunsttischlers große Anforderungen. Zu der technischen 
Beherrschung des rein Handwerklichen kam die erforderliche 
dekorative Gestaltung, hei deren Meisterung der Tischler seine 
künstlerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen hatte. S0 
wurde es denn zur Gewohnheit, daß die Tischlerinnungen in der 
Regel die Herstellung eines Schranks als Probestück für die 
Gesellen- und Meisterprüiungen vorschrieben. 
Die damit aufgezeigte große Bedeutung des Schrankmöbels ist 
der Grund, weshalb hier einige besonders schöne und markante 
Beispiele aus dem ersten Drittel des 18. jahrhunderts gezeigt 
werden, jener großen Epoche österreichischer Barockarchi- 
tektur, deren starker Einlluß eindeutig an ihnen zur Gel- 
tung kommt. 
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