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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 1)

WE LTBAUKUNST 
DIE EUROPÄISCHE STUNDE DES G. W LEIBNIZ UND j. B. FISCHER VON ERLACI-I 
Vnu FRIEDRICH HEER 
Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723) ist zehn Jahre 
jünger als Leibniz, der zwei Jahre vor dem Abschluß des Dreißig- 
jährigen Krieges geboren wurde; er beginnt im TOÖUSJEÜH" 
Leibnizens, 1716, die Karlskirche, ein Bauwerk, das als eine Ver- 
körperung jener Weltordnung, wie sie Leibniz sah, gelten darf, 
und stirbt sieben Jahre nach diesem. Die beiden großen Reprä- 
sentanten des kaiserlichen Barocks verstehen ihr Leben als Dienst 
in seiner Großen Ordnung. Alle ihre Prachtwerke sind (wie ein 
letztes Mal, im Abgesang dieser Welt, bei Mozart) im Auftrag, 
aus einem äußeren und inneren Dienstverhältnis an dieser Ord- 
nung entstanden: die göttliche Majestät des obersten Monarchen 
des „Universum" und ihr erster Repräsentant auf Erden, der 
Herr des Erzhauses Österreich, der Kaiser, sodann jene „Herren", 
die als erlauchte Monaden den Glanz der hierarchischen Welt- 
ordnung spiegeln, Fürsten wie Prinz Eugen, dem Leibniz seine 
„Prinzipien der Natur und der Gnade" widmet, erhalten in ihnen 
die Ehre, die ihnen gebührt. Eine Ehre, die ihnen von vielen 
Menschen und manchen Mächten streitig gemacht wird. Der 
großartige Versuch dieser einen Ehrerweisung an der göttlichen 
und kaiserlichen Majestät und ihrer Weltordnung, wie ihn die 
Bauwerke Fischers und das konstruktive politische, wissenschaft- 
liche, weltanschauliche Denken und Arbeiten Leibnizens demon- 
strieren, wird vielleicht verständlicher, wenn der gesamteuro- 
päische Hintergrund kurz vorgestellt wird, von dem er sich ab- 
hebt: mächtig, monumental mit seinen starken Lichtern und 
Schatten. 
Als allgemein bekannt darf vorausgesetzt werden: Fischers und 
Leibnizens Werke spiegeln und bestätigen den Aufstieg des Hau- 
ses Osterreich aus den Fährnissen des Dreißigjährigen Krieges, 
im Kampf mit Frankreich und der Pforte, die Siege über die 
Türken nach deren Vordringen bis Wien 1683. Der leidenschaft- 
liche Bauwille des kaiserlichen Barocks, überhöht und verklärt in 
Leibnizens Auffassung Gottes als W e l t b a u m e i s t e r und 
Monarch des Himmelsstaates, dem alle Monaden, alle 
Geister, alle Seelen als „Mitglieder" angehören, setzt sich jedoch 
immanent nicht nur mit dem großen Konkurrenten in Paris und 
Versailles, mit Ludwig XIV., auseinander, dem die meisten poli- 
tischen und sehr viele weltanschauliche Schriften Leibnizens 
ebenso zugewandt sind wie Fischers „Erster Entwurf" für Schön- 
brunn von 1691, sondern mit größeren und mächtigeren Geg- 
nern: mit einer Gcistigkcit, die in verschiedenen Formen in West- 
europa und, im Untergrund auch in Osteuropa (seit dem Raskol, 
der russischen Kirchenspaltung von 1653) zur Machtübernahme 
drängte und die „große Ordnung" und die „Große Form" (Kass- 
ner) des Barocks und der alteuropäischen Weltanschauung in 
Frage stellte. Fischer und Leibniz wurzeln in einem „kindlichen 
Vertrauen" (wie Leibniz selbst es nennt), im archaischen Ur- 
vertrauen in den guten Sinn dcr Weltordnung: Gott und Mensch, 
Natur und Gnade, Geist und Fleisch, Leib und Seele „spielt-n" da 
natürlich und übernatürlich, offenbar und geheimnisreich zu- 
gleich zusammen, bilden, im letzten, eine große Einung. Der 
Mensch ist berufen und befähigt, als Künstler, als Mitarbeiter 
Gottes, d a s H a u s G o t t e s, die Erde, zu gestalten; jedes 
Haus, jedes Bauwerk kündet Seine Ehre, Seine Schönheit, Seine 
Ordnung. Der Mensch kann und soll bauen: sein Reich, sein 
eigenes Leben, in Nachahmung der großen Ordnung des ober- 
sten Architekten und Weltmonarchen, Gottes. - Diese Welt- 
harmonic wird von mächtigen geistigen Bewegungen und füh- 
renden Köpfen des 17. Jahrhunderts radikal in Frage gestellt, ja 
verneint. Calvinismus, Puritanismus, Jansenismus, pietistische 
protestantische und quietistische katholische Bewegungen unter- 
wandern seit dem Beginn des Jahrhunderts Europa. Als Leibniz 
geboren wird, feiert die erste große Revolution aus dem Geiste 
dieses radikalen Dualismus noch ihre Triumphe: 1641-1649 
wütet die puritanische Revolution in England, cin Aufstand gegen 
die „Schönheit der Heiligen", gegen die im Grunde alteuropäiscbe 
Gott-WeIt-Einung der Stuarts und ihrer Bischöfe und adeligen 
Hofgesellschaft. Dieser radikale Dualismus, der den Kosmos zer- 
klüftet in zwei widercinander streitende Klassen, „Kinder des 
Lichtes" und „Kinder der Finsternis", reiche „böse" französische 
royalistische Herren und das „armc" angelsächsische „Volk", 
bekundet sich im religiösen Kommunismus, im Schwärmertum 
und politischen Chiliasmus der Hartlib, Everard, Winstanley um 
1650, droht England in einem Chaos zu ersticken und endet 
zunächst mit der Diktatur Cromwells 1653-1658. England hat 
sich, bis heute, nie ganz von diesem Schock erholt. Die großen 
englischen Gegner Leibnizens, Hobbes (1588-1679), dem Leib- 
niz vergeblich schreibt, Loeke (1632-1704), Newton (1642 bis 
1727) und dessen Trabant Clarke, versuchen, in Reaktion gegen 
diesen religiös-politischen Radikalismus, eine neue Weltordnung 
glaubhaft zu machen - Leibniz glaubt nicht, daß ihnen dies 
gelingt. Der langwierige Streit Leibnizens mit den Engländern 
geht im Letzten um dieses Eine: Leibniz ist der Überzeugung, 
daß sowohl Locke wie Newton die Zerklüftung des „Universum", 
der „großen Ordnung", wie sie die Revolutionäre verkündet 
hatten, im Grunde sanktionieren. Hinter den höflichen, auf Über- 
einkunft und Abstimmung zielenden Sätzen Lockes und Newtons 
ersieht Leibniz einen Abgrund: Glaube und Wissen, Gott und 
Welt stimmen nicht mehr überein, sind durch uneinsehbare 
Gegensätze getrennt. Was ist das für ein Gott, der (wie Leibniz 
Newton auffaßt), zwar einmal die Weltmaschine aufgezogen hat, 
diese gelegentlich bei Unfällen reparieren muß, sonst aber aus 
dem Leben der Natur ausgeschaltet ist, so wie der „Herr König", 
der nichts mehr mitzureden hat, weil das Parlament die Regie- 
rung übernommen hat? Leibniz sieht in großer Sorge die künf- 
tige große Revolution über Europa hcreinbrechen. In düsteren 
Stunden glaubt er, daß nur das Gericht dieser Revolution die 
Reinigung der Atmosphäre bringen wird: die Gcrichteten werden 
dann die begnadeten sein. . . 
Die Zerklüftung des Kosmosbaues auf dem Kontinent sieht Leib- 
niz vorgetrieben durch Anhänger des Descartes (1596-1650), 
Spinozas (1632-1677) und Bayles (1647-1705). Leibniz durch- 
schaut hier die letzten religiösen, geistigen und politischen Zu- 
sammenhänge nicht ganz: er sieht nicht, daß hier mächtige Re- 
aktionserscheinungen gegen den übersteigerten Barockismus des 
Spaniers Ludwig XIV. (der mit gutem Grunde, nicht nur seiner 
Herkunft wegen, als Spanier angesprochen werden darf) vor- 
liegen. Die geistige Luft Europas bedurfte s a ub c rer Tre n - 
nungen - Trennung von Glaube und Vernunft, Theologie 
und Wissenschaft, Politik und Weltanschauung - einem König 
und einem Hof gegenüber, der in einer unheiligen Allianz, alles, 
Gott, Religion (der Katholizismus wurde als „die königliche Re- 
ligion" aufgefaßt), Wissen, Gewissen, Geist und Leben der Nation 
einband im Dienste an der gloire des Sonnenkönigs. Des Sonnen- 
königs, der das uralte sakrale Symbol der Gottheit, die Sonnen- 
macht, das Zeichen des rex invictus, des unbcsicgbaren Sonnen- 
königs Christus und das Zeichen Konstantins, Karls des Großen 
und aller heiligen Kaiser und Könige an sich nahm, in einer
	        

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