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Full text: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 1)

ungeheuren Anmaßung. Protest gegen diese Totalübernahme 
aller himmlischen und irdischen Rechte und Ansprüche durch 
den Absolutismus des französischen Königs war das Denken der 
Cartesiancr, mit ihrer Trennung zwischen res cogitans und res 
extensa, ebenso wie das Denken der Skeptiker um den Huge- 
notten Bayle, wie die Frömmigkeit der Hugenotten, die Gott als 
Etre Supreme, als „Höchstes Wesen" anzusprechen begannen 
(die bekannte Formulierung der französischen Revolution), um 
dem „verfluchten König", der sie austrieb oder bis in den Tod 
verfolgte, nicht die Identifizierung mit dem Gott-König zu er- 
leichtern. Protest gegen diese Überforderung des Barocks war 
genau so das Denken der jansenisten, der Messieurs von Port 
Royal, mit deren ehrwürdigem Haupt, Antoine Arnauld, Leibniz 
denkwürdige Briefe wechselt, wie die gesamte Geistigkeit Fenc- 
lons, des großen bischöflichen Gegners Ludwigs XIV. und des 
Bossuet, jenes großartigen Bauern, mit dem Leibniz ein harter 
und höflicher Austausch im letzten unversöhnlicher Meinungen 
verbindet. Leibniz verteidigt die von Ludwig XIV. verfolgten 
Hugenotten (sein Briefwechsel mit dem katholischen Konver- 
titen, Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels liefert dafür schöne 
Zeugnisse), deren Spiritualitiit ihm zutiefst fremd ist, er schiitzt 
Fenelon, achtet seinen großen Gegner Descartes und Spinoza, 
mit dem er noch persönlich zusammenkommt, und dessen Nach- 
laß ihm zum Teil angeboten wird: es ist aber wohl kein Zufall, 
daß Leibniz hier, obwohl er in Ludwig XIV. den großen Feind 
des Hauses Österreich und des Reiches zeitlebens bekämpft, hier 
die letzten Zusammenhänge nicht ganz durchschaut: zu tief ist 
er der prekären Welt des Barocks verbunden. 
Das, was er selbst den Engländern, und Newton vor allem, leise 
vorwirft, nämlich, die neu-alte Einigung von Gott und Welt, 
Geist und Glauben, Herz und Verstand, zu verfehlen, wurde ihm 
selbst bald vorgeworfen: die Generation, die nach ihm kam, 
wollte ihm die prästabilierte Harmonie und seine Theodizee nicht 
mehr glauben: Wie? gibt es das denn wirklich? Dieses Zu- 
sammenspiel des Reiches der Geister und des Reiches der Natur, 
der Materie, der Mechanik. Wie ist denn das möglich? 
Leibnizens Weltentwurf - und damit bereits der geistige und 
geistespolitische Hintergrund der Welt Fischers von Erlach - 
beruht auf seinem unerschütterlichen Glauben an die Heilsmacht 
des Gottesreichcs. Dieser Glaube ist ein politischer, wissenschaft- 
licher, „vernünftigcr" und religiöser Glaube; und ist, in dieser 
Vielfalt, immer ein tektonischer Glaube: bauwillig, dienst- 
willig, ordnungslicbend, offen allen Anforderungen und "gerech- 
ten" Ansprüchen aller Herren, die im Dienste dieses Reiches 
arbeiten. 
Fischer und Leibniz spüren, in allen Poren, und tiefer als es der 
Tagesverstand vermittelt, die „europäische Ordnungskrise", das 
Auscinandertreten der Staaten, der politischen, wissenschaft- 
lichen, religiösen und kulturellen Elemente. Schon ist Deutsch- 
land zerklüftet in einen protestantischen Norden, der sich absetzt 
vom katholischen Süden. Frankreich, England, Spanien (Hispani 
civiliter mortui - mit diesem kurzen Verdikt sagt Leibniz den 
Zerfall des spanischen Weltwcsens an) zerfallen bereits in zwei 
Völker (die „Beiden Frankreich", die zwei England und zwci 
Spanien sind im 17. Jahrhundert erstmalig politische und geistige 
Wirklichkeit geworden). Da gilt es, soll das Reich nicht ganz 
zerfallen - das eine Reich des Glaubens, der Geistigkeit, Kultur, 
der Weltordnung Gottes -, sorgsam alle Elemente zu kom- 
ponieren, wörtlich und geistig zusammenzusetzen, aneinander- 
zufügen, die konstruktiv notwendig sind. Fischer weilt 1682 bis 
1686 in Italien (Leibniz weilt 1697-1700 in Süddeutschland, Ita- 
lien, dann 16 Monate in Wien, 1712-1714, und bis zu seinem 
Tode währt die Freundschaft mit Prinz Eugen), 1704fO5 in Berlin 
bei Schlüter, der zwei Jahre vor Leibniz stirbt; er trägt aus dem 
ganzen antiken und barocken Raum Alteuropas Bauelemente zu- 
sammen, verarbeitet sie in seinem Stichwcrk „Entwurf einer 
Historischen Architektur" 1721, so wie Leibniz alle seine natur- 
wissenschaftlichen, philosophischen, mathematischen, logischen, 
politischen und historischen Arbeiten (nicht nur in seiner „Reichs- 
geschichte", in den Annales Imperii Brunsvicenscs) versteht als 
eine Komposition. Kompositio als Aufzeigung des Kosmosbaues 
dcs „Gottesstaates", der, im Himmel und auf Erden, im Reich der 
Natur und der Gnade, beherrscht, geführt, geordnet ist von der 
Majestät Gottes. Gott ist im Reich der Natur der Herr der Ma- 
schinen. „Masch ine" ist, bei Leibniz, durchaus im Sinne des 
Barocks, ein natürliches Wunder, ein herrliches Kunstwerk des 
Künstlers Gott und des Künstlers Mensch: ein Werk, zur Feier, 
Ehre, Lob, zum Ruhm Gottes, des Kaisers und der schönsten 
Monaden, edler Herren und Frauen, erdacht: Maschine des ba- 
rocken Theaters und Welttheaters. Wie das vom Barock und von 
Leibniz verehrte Alt-China neigte diese höfische Barockwelt noch 
dazu, die Maschine primär als Wunderwerk im Dienste ihrcr 
Feierwelt zu verwenden, nicht zu schnödem, niedrigem Geld- 
erwerb, zu sklavischem Dienst an materiellem Gewinn, wie in 
dcr calvinisch-sakularisierten Welt Westeuropas... Diese Wa- 
schinen (und alle natürlichen Dinge sind „Maschinen") sind spiel- 
mäßig, vom höchsten Künstler und Weltbaumeister abgestimmt 
auf den Dienst im Gottesstaat, im Reich der Freiheit und Gnade: 
hier herrscht Gott als Monarch, als kaiserliche Majestät über 
die Monaden, die freien Geister, die ihm in Freiheit und Freude, 
in schöner Ordnung dienen. Die Architektur des Kosmos fußt 
also auf diesen beiden Säulen, auf diesen beiden Kraftfeldern. 
Unschwer vermögen wir von hier das Bemühen Fischers um die 
Verschmelzung von Langbau und Zentralbau einzusehen, sein 
Ideal der Ellipse: hinter ihm steht, genau so wie hinter den 
kaiserlichen Stiften und Abteien des Barocks die Kaiserpfalzen 
und Dome der ottonischen und salischen Epoche stehen (deren 
Doppelchörigkeit in Ostwerk und Westwerk entsprechen die 
Kaisersiilc und Kirchen dieser benediktinisehcn barocken Stifte), 
die alte Reichsidee von der gemeinsamen Weltregierung durch 
Kaiser und Papst. Fischers Karlskirche entspricht Leibnizens 
Verherrlichung der gemeinsamen Weltregierung durch Kaiser 
und Papst in seiner Reichsgeschichte des Mittelalters, wo er die 
karolingische und ottonische Einheit mit glühenden Worten 
preist, entspricht seine Arbeit für die „Reunion" der Katholiken 
und Protestanten gemeinsam mit Bischof Rojas de Spinola von 
Wiener Neustadt und dessen Nachfolger Graf Buchhaim, Abt 
Molanus von Loccum, Kaiser Leopold I., Innozenz XI. und seinen 
hannoveranischen Fürsten. Die außerordentlichen Anstrengungen 
Leibnizens sind bekanntlich gescheitert. Das außerordentliche 
Werk Fischers aber bezeugt auch heute noch, in seiner Einung 
gegensätzlicher Elemente, in der Kraft der Zusammenhallung 
konträrcr Kraftfelder (erinnern wir uns daran, daß Leibniz den 
Raum als eine „Ordnung von Koexistenzen" und 
die Zeit als „eine Ordnung von Sukzessionen" de- 
finiert hat - gerade im Briefwechsel mit Clarke, gegen Newton, 
1715,46), wie gewaltig die Anstrengung der schöpferischen Ver- 
nunft auf dem Höhepunkt unseres Barocks war: Wille, die aus- 
cinanderklaffenden Gegner und Gegensätze noch einmal zusam- 
menzuführen; das Alte Reich und die neuen Ordnungen, wie sie 
Wissenschaft, Mathematik und politische Raison sichtbar werden 
lassen. 
Wer nur das Theater, die Feierwelt, die Illuminationcn, die 
Schaugerüste und Malereien unseres Barocks besieht, vermag 
nicht allzuschwer dem Eindruck zu erliegen, daß es sich hier 
um eine großartige, dramatische, aber welt- und wirklichkeits- 
fremde Phantasmagorie handle. Nicht unfcrn ihren späten Erben, 
um Grillparzers und Raimunds Zauberwelt der Dichtung und des 
Traums. Wer Fischer von Erlach und Leibniz geistig crfaßt, sieht, 
wie stark der politische Wille dieser Zeit war: ein Wille, mitten 
in den disparaten Phänomenen der Zeit und angesichts einer stei- 
genden „Desparation", einer tiefen geheimen Verzweiflung der 
Seelen am guten Sinn des Seins und der Welt, diese Erde und die 
Gesellschaft der Menschen zu gestalten als ein Abbild des Kos- 
mosbaues, des Weltenbaues des allerhöchsten Monarchen, Ar- 
chitekten, Künstlers, der göttlichen Majestät. Das Hcrrschcrliclte
	        

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