MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

Der Gösser Ornat bringt hier die früheste bekannte Darstellung 
des Einhorns in dieser speziellen Bedeutung als Inkarnations- 
symbol. Dies gibt den besten Beweis für die Annahme einer sym- 
bolischen Bedeutung auch bei den anderen Tierbildern, unter 
denen das Einhorn mehrfach wiederkehrt. 
Eine ähnlich konkrete Ausdeutung scheint auch für das eigen- 
artige Motiv des kleinen Bäumchcns mit dem darauf sitzenden 
Vogel neben dem Thron der Madonna im Mittelbild des Ante- 
pendiums möglich, das ebenso wie die anderen behandelten Mo- 
tive des Ornates bisher entweder als dekoratives Beiwerk oder 
an Hand des Physiologus als Paradicsesbaum „Peridexion" gedeu- 
tet wurde. Näherliegend scheint nun eine Verbindung zu den 
zeitgenössischen religiösen Schriften, den Legenden zum Leben 
Mariens zu sein. Bei Wernher von Tegernsee im Anfang des 
13. jh. und anderen Legenden über die Vermählung Mariens 
heißt es immer wieder, daß der Stab, den Abiathar Joseph über- 
gab, grünte und eine Taube von ihm emporstieg, die eine Weile 
über den Häuptern der Menge schwebte. Das reichhaltige maria- 
nische Programm, das wie bei der Verkündigung durch Taube 
und Einhorn oder durch die hohen Lilien zu Seiten des Thrones 
Mariens auf dem Pluviale immer wieder gerade durch Symbole 
der Reinheit und jungfräulichkeit Mariens bereichert wird, er- 
scheint damit hier noch einmal im gleichen Sinn erweitert. 
So unmöglich es heute erscheint, eine bis ins einzelne gehende 
Erklärung des ganzen durch Symbole dargestellten Programmes 
des Gösser Ornates zu geben, so gibt das noch Deutbare schon 
einen Einblick in cin großes Gedankengebäude typisch spät- 
romanischer Prägung. Aus der Verwendung vieler alter Quellen 
und zeitgenössischer theologischer Spekulationen entstand die- 
ses bedeutende Werk, das die klare und strenge Fassung eines 
einheitlichen Themas zu Gunsten einer Reichhaltigkeit durch 
Verbindung verschiedener Vorstellungen ersetzt. In großartiger 
Weise führt dieser Ornat in Bildern und Symbolen ein großes 
Programm christlicher Heilslehre vor Augen. 
NIEDERÖSTERREICHS SCHLÖSSER IN GEFAHR 
Der rcizvolle Dornröschenschlaf vieler Burgen und Schlösser 
sollte nicht darüber hinwegtäusehen, daß diese Bauten einst po- 
litische und kulturelle Zentren waren, von denen aus dms Land 
organisatorisch durchgliedert wurde. Die verschiedenen Funk- 
tionen, die - militärischer Schulz, Hochgerichtsbarkeit, Maut- 
und Zollrecht - von den Burginhabern erfüllt werden mußten, 
prägten das Aussehen und die Gestalt der Burgen. Die Ritter- 
sitze waren der Ausdruck der Tatkraft ihrer Herren. Dörfer, 
Märkte und Kleinstädte zählten zur Grundherrschaft. Die Herr- 
schaft über Städte, Straßen und Bergwerke bildete mit den Er- 
trägnissen aus den Ländereien die finanzielle Grundlage der lan- 
deshirstlichcn Burgen und Schlösser und war gleichzeitig ein 
wichtiger politischer Faktor. 
Die Stellung der Burgen und Schlösser als Kraftzentren des po- 
litisch-sozialen Gefüges der damaligen Zeit ermöglichte es, daß 
sie sich zu so großen und prächtigen Anlagen entwickelten, wie 
sie sich heute unserem Auge noch darbieten oder aus spärlichen 
Mauerresten erkennen lassen. An manchen Schlössern haben 
jahrhunderte gebaut. Im Laufe der Zeit änderte sich die Zweck- 
bestimmung immer mehr. Zu den trutzigen, mit Wehranlagen 
 
Abb. l. Schloß Marchegg in Niederösterreich. 
Marchegg, das aus dem 13. jahrhundert stammt und 
später barock umgebaut wurde, war nach dem 
letzten Krieg dem Verfall bereits preis ben, als 
die kleine Gemeinde Marchegg das durc Kriegsein- 
wirkung schwer geschädigte Schloß erwarb und 
damit - vorläufig wcnigsbens - rettete.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.