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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

„ES LIEGT EIN SCHLOSS 
IN ÖSTERREICH" 
Von FELIX IIALMER 
Niederösterreich ist reich an Natur- und Kunstschönheitcn. Eine 
ideale Verbindung zwischen Landschaft und Architektonik stel- 
lcn die Burgen und festen Schlösser dar, die es in reicher Zahl 
(rund 550 Burgen und Ruinen, sowie über 500 verschwundene 
Objekte) in diesem Bundesland gibt. Die Verteilung ist keines- 
wegs gleichmäßig, so liegen weitaus die meisten Burgen im Wald- 
viertel und im Viertel unter dem Wienerwald, das Viertel ober 
dem XVienerwald besitzt sehr wenige Burgen. l)ie starke Auf- 
gliederung des Landes in die einzelnen Hoheitsgcbietc im Zuge 
einer gesicherten Landnahme bedingt den Bau von Burgen, 
der im 12. und 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht, aber 
zur Zeit Ottokars von Böhmen eine starke Einschränkung cr- 
iährt, die erst nach dessen Tod teilweise aufgehoben wird. Im 
späten 13. und 1-}. Jahrhundert ist es mit dem klassischen Burgen- 
bau vorbei. 
Die verschiedensten Bcrgiormcn, auf denen sich Burgen erheben, 
bedingen vielgestaltige Bcringformen. Das (icliindc wird nach 
bestem Wissen und Können für die Verteidigung ausgenützt. 
Merkwürdigerweise kommt bei uns die älteste Burgenlorm, der 
Rundling, nicht vor, Vielleicht hängt dies damit zusammen, daß 
eben die Bodengestaltung für die Grundrißbildung ausschlag- 
gebend war. Auch das Fehlen jeder Prunkarchitektur kann fest- 
gestcllt werden, obwohl doch die alte Hohcnstztuier-Burg Eger, 
die Lieblingsresidenz Rudulis von Habsburg, nicht so weit ent- 
fernt war. S0 begegnet man immer wieder den gleichen Bau- 
teilen: Berchirit, Palas, Kapelle, Ringmaucr und häufig, aber 
nicht immer, dem Torbau. Der Bau muilte Schutz bieten, diese 
Aufgabe mußte er auf jeden Fall erfüllen. Er brauchte nicht 
repräsentativ zu sein wie die alten Kaiscrpialzen. Der Ernst 
ihrer Aufgabe zeigt sich auch in ihren Umrissen. Äirotzig erhebt 
sieh der Berehirit, Schutz und meistens letzte Zuflucht seinen 
Bewohnern bietend, schlicht und einfach der Palas; die hohen 
 
Eine der interessantesten Anlagen ist O h e r r a n na. Ihre Errichtung 
kann zu Beginn des 12. Jahrhundert: oder noch etwas früher angesetzt 
werden. Bis in das 16. Jahrhundert war sie Sitz der Neidegger. Von 
kriegerischen Ereignissen war hier nichts zu künden. Sie war das Ver- 
waltungszentrum des Gebietes „Grie" in kirchlicher und weltlicher 
Beziehung. Jene Funktion dürfte auch mit der für damalige Verhältnisse 
großartigen Burgkapelle zu begründen sein. Diese Kirche war Pfarr- 
kirchc für die nächste Umgebung. sie war aber auch der einzige sakrale 
Raum der Burg. di: selbst kein: Kapelle besaß und imre beiden Türme 
waren die Berchfrite für die Ves e. Der Kern der Anlage gehört dem 
12. und 13. Jahrhundert an, die Ncideggcr schufen im 1G. Jahrhundert 
den Renaissancebau, sein Schwerpunkt liegt im Wehrhaften und nicht 
im Wohnliehen, es ist daher zu verstehen, daß das romanische sakrale 
Kunstwerk erhalten geblieben ist. S0 spiegelt diese Kirche die Welt- 
anschauung des Iliachmlttelalters: „La chcvalerie c'est 1a farm ehretienne 
de la eondition militaire." 
 
Im nördlichen Waldviertel nahe der heutigen Staatsgrenze liegt die 
gmßartigste Wasserburg Niederösterreichs, Heidenreichstein. 
Der Erschließung und Besiedlung dieses Gebietes, welche von Raabs 
aus erfolgten, verdankt die Burg ihre Errichtung. Ein Heidenreid-i dürfte 
der Bauherr gewesen sein. In der mittelalterlichen Grafschaft Litschau 
gelegen, erscheint sie bereits um 1200 im Lichte der Geschichte. Die- 
ses Hoheitsgebiet Litschau bildete mit der Grafschaft Raabs den Inhalt 
der Königssch-enkungen des 11. Jahrhunderts an die Babcnberger. Be- 
deutende Geschlechter saßen hier, so die Herren von Wasserbvurg, Klin- 
genberg, Puchheim, Pollheim, Volkra und Pnlffy. Der ältesten Bauzeit 
(13. Jahrhundert) gehört der mächtige Berehfrit an, der sich schützend 
vor die im Osten anschließende Anlage stellt, in deren Außenmauer 
auch heute noch der alte Baukern steckt. Des Turmes gewaltige Bau- 
masse besitzt keine Fensteröffnung, sondern nur sich nach außen ver- 
jüngende Schlitzc; trutzige Wehrhaftigkeit und Sicherheit bietend, das 
will sein Charakter sein. Das späte Mittelalter schafft die heutige An- 
lage der Burg. Damals wird im Norden der zwingerartige Vorbau er- 
richtet und durch bauliche Um- oder Neugestaltung der äußere Burg- 
hof mit seiner turmbewehrten Ringmauer geschaffen worden sein. Wie- 
der liegt der Schwerpunkt des ganzes Baues in der Abwehr: fast kein 
Fenster, um die Mauern nicht zu schwächen. runde Türme mit ihren 
Wehrgängen flankieren die Mauerzüge. Die Renaissancezeit bringt das 
Umbauen zum wehrhaften Prunkbau. Hier hat diese neue Formenwelt 
nur wenig verändert. Ein zweiter Torbau wird geschaffen, die Nord- 
und Westscite der Vorburg zum Teil neugestaltet. Die grüßte Ver- 
änderung haben der Nord- und Osttrakt des inneren Burghofes er- 
fahren. Gewaltig entströmen diesem Bau die Klänge des späten Mittel- 
alters, die der Renaissance verklingen zart... 
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