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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

Abb. 6. Das Schlafzimmer des 
Hausherrn. Über dem Bett das 1,90 
zu 1,63 Meter große Ölgemälde „Die 
Braut" von Gustav Klimt. Diesem 
Bild ist Ucicky fünfzehn Jahre lang 
nachgegangen, bis er endlich die Ge- 
legenheit bekam, es zu kaufen. Es 
ist das letzte, unvollendete Bild 
Klimts. Der Tod hat ihn aus dieser 
Arbeit gerissen. Rechts unten sieht 
man mit Kohle skizzierze Striche auf 
der nur grundierten Leinwand. Das 
Bett ist wieder eine Spezialanferti- 
gung nach einem Entwurf des Ar- 
chitekten Arthur Berger. Ein Bieder- 
meier-Nähtischchen dient als Nacht- 
tisch. 
Einfluß wäre der Ruhm der Wiener Werkstätte nicht denkbar 
gewesen. Und man kann mit Sicherheit darauf warten, daß die 
internationalen Kunstkenner eines nicht fernen Tages (Justav 
Klim: neu entdecken. 
Kein Wunder, daß man zwischen diesem Reichtum in der Woh- 
nung des Filmregisseurs im ersten Augenblick vieles übersieht, 
das wohl wert ist, beachtet zu werden: zahlreiche antike Holz- 
skulpturen, russische Ikonen. Putten. alte Wiener Stiche und eine 
kleine Olskizze einer Landschaft von Renoir. 
Gustav Ucieky ist ein Fanatiker des Stilvollen. Der abendliche 
Gast trinkt aus bezaubernden Barockgläsern, speist aus altem 
Geschirr an einem Tisch aus dem 17._]ahrhundert beim Kerzen- 
schein von zwei Alt-Wiener Leuehtern. Und zum Schlull hat 
dann der Hausherr noch eine Überraschung für ihn bereit: er 
führt ihn durch eine der beiden großen Flügeltüren des Wohn- 
zimmers hinaus auf einen neun Meter langen Südbalkon. Dort 
grüßt ihn Wien - die Dächer von Wien, die Türme der Votiv- 
kirche, der Stephansdom, das alte Wahrzeichen Wiens, und seine 
neueren, heißumstritlenen Wahrzeichen, die Hochhäuser. In der 
Ferne verdämmern Reichsbrücke und Riesenrad. Ein letzter 
rosiger Hauch fährt liebkosend über die Stadt. Und wenn man 
an einem jener unvergleichlichen lauen Wiener Frühlingsabende 
buchstäblich über den Kerzen der blühenden Kastanienbäume 
sitzt, die ihre Zweige bis an den Balkon strecken, wenn man von 
oben herab auf das Berehtold-Palais blickt, das vornehme, in 
dämmriger Schlaltrunkenheit liegende Vis-il-vis, wenn die Vögel 
in einem immer wieder letzten Zwitschern die Nacht nicht wahr 
haben wollen, bis endlich die Konturen der Votivtürme immer 
lauer werden und in der Dämmerung verlöschen _ dann meint 
man plötzlich, ein letztes Mal, einen Hauch jener Atmosphäre 
zu spüren, die, unvergänglich, in den Werken des großen Künst- 
lers weht. U. K. 
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