MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

USFLÜGE INS HINTERGRÜNDIGE 
Von JORG LAMPE 
die jungen Menschen heute anders reagieren als noch vor 
Iahren, weiß nachgerade jedes Kind. Aber nicht jeder be- 
htet diese andere Reaktion in gleicher Weise. Die einen 
in von einer „verwahrlosten", eine zweite Gruppe, die wenig- 
s eine gewisse Verantwortung erkennen läßl, von einer „ver- 
ncn" Jugend, während ihr von dritter und vierter Seite wieder 
:re düstere Beiwörter verliehen werden. Manchmal wird, 
n auch selbstverständlich nicht ausdrücklich, sogar der Ruf 
1 dem Stock erhoben und manchmal einfach nur die Hilf- 
gkeil gegenüber einem rätselhaft erscheinenden Phänomen 
:htlich. 
solcherart apostrophierte Jugend scheint sich jedoch nicht 
daraus zu machen. Sie geht ihren Weg oder doch das, was 
dafür hält. und auch sie selbst ist keineswegs der Meinung, 
doch bloß in den Abgrund oder wenigstens sehr nahe an ihn 
hcmn geführt hat, gehen sie aul ihre Weise den Dingen auf den 
Grund. Und wie die Kinder ihrc Puppen zerlegen, um zu schauen, 
was drinnen steckt, so verfährt auch die „reifere Jugend" nicht 
gerade sehonungsvoll mit ihren Untersuchungsgegenständen. Da 
ist vielmehr eine Art lächelnder Grausamkeit am Werke, die 
der Untersuchcr übrigens auch ebenso bedenkenlos gegen sich 
selber richtet. Viele meinen daher, diese Jugend „habe kein 
Herz", aber sie trägt es wohl nur nicht so weit vorne auf der 
Zunge. 
Auch das gelegentliche Kokenieren mit dem „Nichts" ist nicht 
so ernst, sondern eher von der komischen Seite her zu nehmen. 
Man schaut nur überall hinein, auch in die „Büchse der Pandora", 
soweit diese nicht schon als Bonbonniere gilt, und geht dann, 
 
HANS NEUFFER 
(Selbstporträt) 
Im Mai 1935 in Wien geboren. Beruf: Student an der Akademie für 
angewandte Kunst. Fach: Filmarchitektur. Ohne besondere Kennzeichen. 
Mit einem Hang zum Unauffälligen: weder Borstenfrisur nach Künstler- 
mähne, weder saloppe Kleidung noch nachlässige Haltung, außerdem 
Nichtraucher und dem Alkohol nur zu seltenen Anlässen zugetan. Als 
lllittelscbülcr liest er Karl May und haßt Mathematik. Später schwärmt 
er von Paris und arbeitet dort als Kellner in einem Canzcafe in 
St. Germaiu des Pres; in seiner Freizeit malt er im Hotel auf zu- 
sammengeklcbte Zeilungsseiten. Er verdient 1000 Franc: pro Ccg. Crink- 
geld nicht eingerechnet, Essen gratis. Noch später packt ihn die Reise- 
lust und er fährt nach Skandinavien. per Schiff-stop. In Stockholm 
sammelt er Kupf-erabfälle, aus denen er Schmuck bastelt und in den 
Kaffeehäusern feilbietet. Das Geschäft geht nicht gerade brillant. [Veuffer 
schläft in den an den Straßcnrändern aufgestellten Sandkisten, immerhin 
in eine eigene Decke gehüllt. Als er auch nichts mehr zu essen hat, 
läßt er sich auf einem [iberischen Schiff anheuern, für 20 Pfund im 
Monat, Richtung Polarkreis. Mit den: immer gleichen Refrain: in seiner 
Freizeit malt er. Vorausgesetzt. daß er mit niemanden: gestritten hat, da 
ist er abergläubisch. ]ames Joyce und Dostojewski, Breughel und Soutine 
haben ihn am tiefsten beeindruckt. Van abstrakter Kunst behauptet er, 
nichts zu verstehen. 
er unbedingt nach „Rom" führt. Soll er auch gar nicht. 
ll1 man hat es satt, auf sogenannte Ziele angesetzt zu werden, 
nso wie man die ganzen großen Worte und pathetischeh 
welle zum Teufel wünscht, in dessen Tarnungsmittel-Magazin 
wahrscheinlich auch gehören. 
sächlich, viele dieser jungen Menschen, und zweifelsohne 
it die schlechtesten, leben wörtlich „in den Tag hinein" und 
eigene Faust. Von der älteren Generation allein gelassen 
s sich nicht nur darauf bezieht, daß die Eltern in Arbeit 
ien) und dem ganzen öffentlichen Betriebstheatcr abhold, das 
zwar oft vom Grauen angerührt, aber auch leicht belustigt, 
weiter. Die Maske freilich hält diesem Blick nicht stand. Er 
nimmt auch die best kaschicrlcn „Würmer" wahr und lut dann, 
wenn er seinen Eindruck beispielsweise malerisch realisiert, noch 
ein bißchen was dazu, schon als Hieb gegen Heuchelei und 
Prüderie. I 
Als konkrelcr Fall kann ein junger Wiener Maler namens Hans 
Neuffcr gelten. Er ist jetzt 20, aber schon vor 5 Jahren waren 
erste Arbeiten von ihm in einer Ausstellung des „Kreise? zu 
sehen. Damals war er noch Mittelschüler. jetzt hat er sich zur 
17
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.