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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

MODERNE UND 
GEMÜTLICHKEIT 
ZWEIFRONTENKRIEG ODER BILDNERISCHE KONSEQUENZ? 
Das Verhältnis der „tNlodcrnc" zur „(iernütlichkeif ist zweifel- 
los ein Problem, dem man schon einmal einige Gedanken und 
vielleicht auch einige Diskussionen widmen kann, vorausgesetzt 
natürlich, daß man sieh über die Worte „Äloderne" und „(ic- 
mütlichkeit" entsprechend klar ist. lnsofern stellt ein kürzlich 
durch den General-Manager der Roscnthttl-Porzellan A. (E. 
Philip Rosenthal veranstalteter Empfang für die Wiener Archi- 
tekten und Entwerfer eine ebenso wiederholungs- wie verbesse- 
rungsbedürftigc Sache dar. Für die Wiederholung spricht erstens, 
daß man gerade hier in Wien die Fragen der liormgebung nicht 
gründlich genug erörtern und sie zweitens nicht oft genug mit 
den einschlägigen Produzenten zusammen behandeln kann; für 
die Verbesserung hingegen, daß es vielleicht doch in manchem 
bei dieser ersten Begegnung, allerdings mit einem ausländischen 
Produzenten, an der oben Zitierten und für eine fruchtbare l)is- 
kussion vorausgesetzten Klarheit mangelte. 
Philip Roscntital ist gleichzeitig Mitglied des leitenden Komitees 
für liormgcbung im Bundesverbttnd der deutschen Industrie, so 
daß seinen die von ihm gewünschte allgemeine Diskussion ein- 
leitenden Worten zum Thema des Abends eine gewisse pro- 
grammatische Bedeutung zukommt. Man wird nicht ohne weite- 
res behaupten können, daß sie dieser Bedeutung voll entspra- 
chen. Gewiß, ein (jcschäftsmxtnn ist ein Geschäftsmann und hat 
eine andere Diktion als Menschen, die sich mehr grundsätzlich 
 
Abb. 1. Kaff-e Service „Foi-titna" von Elsa Fischet-Ifreyden tkosen- 
thal). Hier wird die „zweite Front" in einem typisch antifunktionellen 
Dekor und obendrein noch dadurch wirksam. daß man sich auf die 
Deekelknöpfe entweder sein Monogramnx oder fünf Glüekszeielten 
..Fortuna"!} gießen lassen kann. S0 aber dtirtte kaum das Konventio- 
nell-Fade, besonders der beiden Kannenfurvnen. überwunden werden 
können. sondern weit eher e Bestätigung erhalten. 
 
 
 
mit den Formfragen unserer Zeit bef en. Aber weil} bleibt 
schließlich in jeder Diktion weiß und schwarz schwarz. Da gibt 
es nichts zu deuteln, 
50 aber vttar auch die Tendenz von Philip Rosenthals Ausführun- 
gen um so unmißvcrstiindlicher, als sie genau mit den bei dieser 
Gelegenheit vorgewiesenen Porzellanbeispiclen seiner Firma zu- 
sammcnpaßtc. Greifen wir die drei Hauptpunkte seiner Diskus- 
sionseinleitung heraus und setzen wir das „Gcsagte'" mit dem 
„(ictnachten", also Wort und Porzellan in Vergleich, so wird 
dieser Zusammenhang noch deutlicher Da hieß es also erstens: 
der Kampf urn die „gute Form" sei cin Zwcifrontenkrieg sowohl 
gegen die Imitation vergangener Stile als auch gegen die allzu 
technische und funktionelle Älaßbestintntung. Das klingt beste- 
chend, aber nur so lange, als man sich von der heroischen Vor- 
stellung eines Kämpfers nach zwei Seiten blenden läßt. Bei nähe- 
rcr Betrachtung niimlich wird ersichtlich, daß auf der Seite, 
wo das Tcehniseh-Funktionelle sein angebliches „Allzu" demon- 
striert, gar kein echter Feind steht. 
Wie liegen denn die Dinge wirklich? Um die Stil-Imitation aus- 
zuschalten. war cine Reinigung und Reduktion der Form auf 
 
Abb. 2. Kaffee-Service. Form Finnlanclia. von Tapio Wirkkala {Rosen- 
thal}. Hier ist die Form. besonders die der Kanne, gut zu nennen. 
Heinz Helgerths Dekor jedoch mit dem poetisch-nordischen Namen 
"Mittsommcrnaeht". der wahrscheinlich den finnischen Forrnentwcrfei- 
ehren soll, scheint at F" ande, dieser Form einen höheren ("restaltwert 
zu verleihen. Wer s hon ist. braucht sich nicht herauszuputzen. Vogerln 
und Roserln sind ein kaufmännisches und kein auf die Gestalt der 
Dinge bezogenes Argument. Als .,Waffen" an der "zweiten Front" sollen 
sie einer gesehi tliehen Berechnung den Anstrich eines idealistischen 
Iintschlusses geben. 
 
eine Grundform hin geboten, die wieder im Zeitalter der fort- 
schreitenden Technik nur die aus der Konstruktion des Gegen- 
s indes hervorgegangene und auf seine funktionelle Zweck- 
crfüllting gerichtete Form sein konnte. (legen Konstruktion, 
Funktion und Zweck aber gibt es nichts zu kämpfen. Hier kommt 
es vielmehr eindeutig nur auf eine allmähliche Ausweitung und 
Vertiefung der iviaßstabe, auf ihre Ausrcifung ins Selbstverständ- 
lich-Humane an. Mit anderen Worten: die Konstruktion als eine 
Art Strukturgcrüst mufi vom Bildnerischen her das Fleisch der 
„Gestalt" ansetzen, der Zweck von der bloß sachlichen Verrich- 
tung auf die glcicl am freundschaftliche L mgangsweisc des Nlcn- 
sehen mit dem Gegenstande ausgedehnt und ebenso die Funktion 
im Sinne einer lebendigen, auch die Sinne und das Gemüt be- 
friedigenden (jebrauchsform durchgcbildct und verwirklicht 
werden. 
Die zweite Front Herrn Rosenthals demnach scheint nur eine 
weiche Stelle, eine Ausrede und ßankcrotterk 'ung, wenn nicht 
gar eine Tarnung zu sein, hinter der zwar keine Stilimitationen 
mehr, aber dafür die verspielten „Da-kore" ihren geschwätzigcn 
Wiedereinzug halten. Weil es erstens zur Formgcstttltung über 
 
 
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