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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

die Konstruktion hinaus nicht reicht, gibt man den Dekoratcuren 
wieder freie Hand, schon weil zweitens das sogenannte Publikum, 
das Weichheits-Kollektiv schlechthin, danach verlangt. 
Nicht nur die ausgestellten Porzellanmuster, sondern auch 
Punkt 2 und 3 der Diskussionseinleitung können als Bestätigung 
bezeichnet werden. Da nämlich war von „Schmuck" und schließ- 
lich sogar von „Kompromiß" die Rede, was jeden Zweifel daran 
ausschließt, daß es sich nicht etwa um eine bildnerische Anrei- 
cherung der mit der Konstruktion, dem Zweck und der Funk- 
tion bezogenen klaren Grundposition handelt, sondern vielmehr 
eben um weiche Stellen und damit letztlich auch hinsichtlich der 
„Gemütlichkeit" um eine sentimentale und geschmackige Ent- 
gleisung. Schmuck ist immer ein zusätzliches Element, dem die 
Schönheit der guten Form als eine in Form und Farbe geschlos- 
sene Ganzhejt und Einheit gegenübersteht Diese Ganzheit und 
Einheit aber kommen nie durch einen „KompromifW zustande, 
sondern einzig als die Krönung der Konstruktion vom Bildneri- 
sehen her. Wenn also Philip Rosenthal eine „Mischung aus indu- 
strieller Disziplin und künstlerischer Kraft" verlangte, so ist das 
ganz in Ordnung, nur ist es mit der künstlerischen Kraft ver- 
teufelt schlecht bestellt, wenn sie, wie etwa bei den gezeigten 
„Glückszeichen", Monogrammen oder gar den blauen Rosen- 
mustern, „Schmuck" und „Kompromiß" erzeugt. 
Wenn man unter der „Moderne" in der Gebrauchsgutformung 
die Periode verstehen will, in der die Form der Dinge allein aus 
ihrer wie immer gearteten Bestimmung heraus gewonnen, also 
eben ihre wirkliche Gestalt gebildet wird, so dürfte das so eini- 
germaßen ins Schwarze treffen. Von der „GemütlichkeiW wieder, 
beispielsweise eines Hauses oder Raumes, läßt sich sagen, daß 
sie auf deren warmer, beseelter Harmonie beruht, die mit Nip- 
pes, Plüsch, Verzierung und dergleichen genau so wenig zu tun 
hat wie mit geschneckerlter Geziertheit und gestenrcicher Über- 
schwänglichkeit im menschlichen Benehmen. 
Nicht also, daß etwa ein altes Biedermeierzimmer oder selbst 
ein von früheren Zeiten her angeriiumter Salon unter allen Um- 
ständen ungemütlich wären. Wenn die Besitzer Herz genug ha- 
ben, strahlen sie das sogar in einen derartigen Salon aus. Grotesk 
und hoffnungslos wird die Geschichte erst, wenn man heute noch 
entsprechende Gegenstände fabrizieren wollte. Wir nämlich brau- 
chcn nichts, was uns in angeblich bessere Zeiten flüchten, ge- 
schmacklich ästhetisiercn oder sonstwie säuseln hilft, sondern 
genau das, was uns mitten in unsere Zeit hineinstellt, ihre Ro- 
heiten, Kälten oder Rationalismen überwinden und damit eben 
erst die volle, runde Form für sie bilden und gewinnen lehrt. 
Daß das nicht durch Verdrängung des Funktionalismus, sondern 
nur durch ein tieferes und umfassenderes Verständnis der Funk- 
tion, nicht durch Schmuck an den Dingen, sondern durch ihre 
reichere Gestalt, nicht durch einen Kompromiß, sondern nur 
durch eine klarere geistige Entschiedenheit zu erreichen ist, steht 
außer Frage. Statt des „Zweifrontcnkrieges" also kommt nur 
der Kampf an einer Front und auch hier nicht einmal so sehr 
mehr gegen irgendwen und irgend etwas, wie für die Syn- 
these zwischen technischer Fertigung und bildnerischer Gestalt- 
ausreifung in Betracht. 
Wohl den Ländern, die in dieser Hinsieht bereits die nötige Er- 
fahrung, die entsprechende Sichcrheit und den Mut der Selbst- 
verständlichkeit besitzen. Sie können durch ihr Beispiel anderen 
den Weg erleichtern. Wo aber diese Beispiele in der Alltags- 
realität zu dünn gesät sind, da sollten wenigstens entsprechende 
Sammlungen einwandfreien Gebrauchsgutes nicht nur gegründet 
werden und im Dornröschcnschlummer vegetieren, sondern auch 
als Energiezentrcn funktionieren und durch Diskussionen, Preis- 
ausschreiben und dergleichen die produktionstechnischen, die 
bildnerischen Elemente und schließlich auch das Publikum in 
einen Kontakt und damit ins Gespräch bringen helfen. 
].L. 
ZWEI WVIENER GOLDSCHMIEDEARBEITEN VON 1760 
NEUERWERBUNG DES ÖSTERREICHISCHEN MUSLZUMS FÜR ANGEWANDTE KUNST 
Von IGNAZ SCHLOSSER 
Die Kriege, die Ludwig XIV. geführt hat, haben die großen Sil- 
berschätze des französischen Hofes und der Adelshäuser aufge- 
zehrt. Die Kriege, die Napoleon den Ländern Europas aufzwang, 
haben den Bestand an Goldschmiedearbeiten gewaltig rcduzieri. 
Die österreichische Repunzierungsvorschrift von 1806 mit ihrer 
gewaltigen Verteuerung der Punzierungsgebühr, die noch dazu 
in klingender Münze bezahlt werden mußte, war schon ein sehr 
empfindlicher Aderlaß; am 1. April 1809 folgte eine freiwillige 
Gold- und Silberanleihe, die allerdings nicht den gewünschten 
Erfolg zeiligte. Am 19. Dezember 1809 wurde das Silbereinliefe- 
rungspatent erlassen, demzufolge mit ganz geringen Ausnahmen 
sämtliche Silbergeräte bei den Einlösungsämtern abzuliefern wa- 
ren. Bci den kirchlichen Geräten wurden von der Ablieferungs- 
pflicht nur die Kuppa der Kelche oder Ziborien, die Lunula in 
den Munstranzen, die Patenen und die Gefäße zur Aufbewahrung 
des geweihten Öles ausgenommen. Vor dem Einschmelzen konn- 
ten nur jene Eigentümer ihre Silbergegenstände retten, die im- 
stande waren den Metallwert in Conventionsmünze, d. h. in 
Hartgeld, zu erlegen. Das Einschlagen einer Punze, der soge- 
nannten Befreiungspunze, war die Bestätigung für das Freikaufen 
des Gegenstandes. 
Allerdings gab es noch eine zweite Möglichkeit, Kostbarkeiten 
aus Silber vor dem Zugriff der öffentlichen Hand zu retten - 
nämlich das Verstecken; diese Methode mag bei der Monstranz 
und dem Zihorium, von denen hier die Rede sein soll, angewendet 
worden sein; denn sie tragen keine Befreiungspunzc. Vor dem 
Einschmelzen waren die beiden Stücke bewahrt worden, wohl 
aber in der schweren Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sind 
sie ihrer künstlerischen Heimat verlorengegangen; dem Zusam- 
mentreffen glücklicher Umstände ist es zu verdanken, daß sie 
durch Kauf wieder heimgekehrt sind. 
Die künstlerische Wirkung von Monstranz und Ziborium ist ganz 
und gar auf edelste Treibarbeit gestellt, auf den Prunk der Ver- 
wendung von Edelsteinen und Emails wurde verzichtet. Die 
Hostie umgibt ein innerer Rahmen mit den symbolischen Ähren 
und Trauben und ein weitgespannter äußerer Rahmen mit Gott 
Vater, anbetenden Engeln und dem Hi. Geist. 
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