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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 2)

NLUG 
NACH 
BRASILIEN 
Von SIEGFRIED FREIBERG 
tsam, wie lang es doch dauert und wie kurz war es gewesen, 
man in Ibura, dem Flughafen von Recifc wieder Land betrat. 
: Zeit, die während des Flugs nicht verging, ist nun im Flug 
gangen. Eine Strecke von 10000 Kilometern, wozu das Schiff 
ei Wochen braucht. Man hat ein wenig gebangt, aber man 
nun viel gewonnen. 
lleicht war der genaue Beobachter der Flugstrecke auch einer, 
' sich ablenken wollte. Beginnen wir noch einmal mit dem 
fang der Reise. Die Swissair hat für dcn neugierigen Flug- 
.t eine auf schmalem Karton aufgezogene Landkarte zur 
rfügung, auf der er die Flugstrecke genau verfolgen kann. 
ist reizvoll, die bekannten Orte der Wachau, und Melk, Linz, 
aun- und Chiemsee aus der Schau des Vogels wiederzuerken- 
i. Zum Lustgefühl des Bergsteigers, der schönen Aussicht, tritt 
r noch die Freude an der raschen Fortbewegung. Es ist gewiß, 
l sich der interessierte Fluggast, der sich in genügend Be- 
zmlichkeit, unter dem Lächeln einer hübschen Hosteß, abge- 
kt von einer delikaten Speisenfolge, die auf stehsicheren Ta- 
tts serviert wird, wohlfühlt und vergißt. Kaum hat man den 
tten Rest Wermuth ausgetrunken, wird Kloten, der Flughafen 
richs, erkennbar. Er ist einer der modernsten und schönsten 
ighäfen der ganzen Strecke. 
: Panair do Brasil, die nun meine Passage übernimmt, schraubt 
1 über einen doppelten Regenbogen hoch, es hat leicht ge- 
ynet, - in 6000 Meter Höhe, die es gestattet, ohne Gefahr 
:r die Alpengipfel hinwegzuschwebcn. Eine neue Variante der 
insucht nach dem Süden wird in uns wach. Wieder wollen 
- genaue Einzelheiten erkennen, aber die Panair hat leider 
' die angenehme Belehrung durch die Landkarte verzichtet. 
r befinden uns in einer stolzen viermotorigen Maschine. Die 
asagiere weiter Reise scheinen um einen Grad vornehmer, man 
iß nicht, ob nicht Belehrung oder Ablenkung sie belästigt. Ein 
achenkundiger Steward gibt in großen Intervallen in vier 
-achen die Position bekannt. Über die Gietscherwelt der Alpen, 
ren etwas rostige Spiegelflächen und Sehncelappen in abend- 
iem Rot aufglühen, möchte man genauere Auskunft haben. 
er man traut nicht recht den Angaben des Kündigen, der die 
ute angeblich schon hundert Male geflogen ist. Ist das wirk- 
1 der Gornergrat, hier das Matterhorn, die jungfrau, dieser 
imutzig graue Gipfel? Etwas schaudert einen, vor den so nied- 
und bescheiden gewordenen Riesen, und gelegentlich helfen 
belfetzen tröstlich mit, die Nahe des Abgrunds zu verschleiern. 
:lche Stille ahnen wir da draußen. An das gleichmäßige Brum- 
n der Motoren haben wir uns gewöhnt und hören es kaum. 
sich die Wolkendecke wieder zerteilt, wird Piacenza gemel- 
:, als nächstes Civitavecchia. Die Sonne ist untergegangen. Als 
rauf Roms Flughafen Ciampino landen wollen, beleuchten in 
r Tiefe bereits in geordneten Abständen die vielen Lampen die 
te und die Lichtkegel der Scheinwerfer weisen uns den Weg. 
Ich eine Spirale. Rom präsentiert sich im Lichterglanz, die 
bigen Leuchtreklamen verlebendigen das Bild. Nun die Via 
ipia und wieder der Flugplatz. In allen Sprachen ersucht das 
:gaphon wieder das Rauchen einzustellen und sich anzugürten. 
eich wird auch ein Danke hinzugefügt, thank you, obrigado. 
in fühlt sich dem Sprecher verbunden und vernimmt nun das 
osseln des Gases. Das Flugzeug sinkt merklich. Die Flügel, 
nen man bisher kaum eine Bewegung angesehen, an ihren 
den sind die farbigen Lichter aufgeblinkt, neigen sich, wir 
ngen für Augenblicke etwas schief, die Flaps (Bremsflügel) 
terhalb werden nun herausgedreht, das Fahrgestell herab- 
lassen, die Bewegung des Steuers und das Reversieren der 
Propeller, alles in allem erzeugt ein Ächzen und sirrende Töne, 
wie sie jeder Landung vorausgehen. Ein Funkenregen sprüht 
noch aus den Auspuffrohren unter den Flügeln. Das Stahlherz 
der Maschine beruhigt sich. Fast dankbar empfinden wir noch 
die kleine Erschütterung des Aufpralls der gewaltigen Pneus 
auf dem Betonboden. Schon laufen wir langhin auf der Piste 
aus und in Kurven kehren wir zum Flughafengebäude zurück. 
Wie sicher geschieht alles! Wer wird jetzt noch annehmen, daß 
Ähnliches geschehen könnte, wie man es gelegentlich in schauri- 
gen Zeitungsberichten liest. Schon werden wir in das Neonlicht 
der Empfangshallen geführt. Eine Stunde ist Aufenthalt. So lange 
dauert das Auftanken und Überprüfen der Motoren. Das Ver- 
weilen in den Kabinen ist während dieser Zeit verboten. 
Bald geht es wieder von dem lauten Treiben auf dem Bahnhof 
in die vertraute Stille des „Eroberers" („Bandeirante" heißt der 
Flugzeugtyp der Panair do Brasil). Noch einmal paradiert Rom 
im Lichterglanz. Das Abendessen wird serviert. Der Passagiere 
sind weniger geworden. Dann reicht man uns die kleinen, so 
leicht verrutschbaren Polster für eventuellen Schlaf, aber die 
meisten dösen nur, wenn auch die kleinen Lampen ausgeknipst 
werden. Hinter den Vorhängen lugt man noch in die sternhelle 
Nacht-Die letzten Lichter an der tyrrhenischen Küste bleiben 
zurück. Da noch ein hell erleuchteter Ozeandampfer, winzige 
Fischerboote, im Dunkel das unbekannte Meer, Korsika und 
Sardinien sind zu erkennen, die Meeresstraße zwischen den In- 
seln weiter als man sichs vorgestellt hätte. Und nun dauert es 
lange, bis die Lichter von den Balearen heraufwinken und das 
Liehtgeschmeide Barcelonas. Der Fremde kann kaum noch Un- 
terschiede festhalten. Die Anlage der einzelnen Flughäfen, die 
erkennbar sind, wird ihm vielleicht als einziges deutlich. Auf 
dem mitternächtigen Aeroport von Madrid ist noch Leben. Wir 
verweilen nur kurz. Um ein Uhr starten wir nach Lissabon. Es 
folgt die kürzeste Strecke und der längste Aufenthalt, der letzte 
auf europäischem Boden. Es ist zwei Uhr früh. Wir wenigen 
wollen schlafen, aber wir werden in das Restaurant auf dem 
menschenleeren Flughafen geführt. Die Büffetdame scheint über- 
nächtig, der Kellner nicht gerade temperamentvoll. Auch das 
Flugpersonal sitzt an einem Tisch, bei ihnen herrscht noch am 
meisten Unterhaltung, der Gesprächsstoff scheint ihnen nicht 
auszugehen. Ich besehe in den Vitrinen die ausgestellten Er- 
innerungsartikel des portugiesischen Kunstgewerbes, die vielen 
süßen Puppen lächeln in die gespenstische Leere des großen 
Saals. Warten. Um Vier erst sinkt man wieder in die Polster 
seines Kabinensessels und kann die Augen schließen. Das gleich- 
mäßige Brummen der vier Motoren ertönt einem schon wie die 
Melodie der Geborgenheit, angenehm umfangen von der ge- 
wohnten Umgebung folgt man gern der Leuchtschrift: „Nac- 
fume - Use cintosl" und schnallt den Gürtel fest. 
Sechseinhalb Stunden dauert der Flug nach Dakar. Er führt der 
portugiesischen Küste entlang. In ein bis zwei Stunden wird der 
Morgen grauen. Man kann ruhig etwas schlafen. Vielen gelingt 
es bis zum Vormittag, da die andern schon frisch rasiert aus dem 
Waschraum kommen. Auch der eine oder andere vom Personal 
findet sich hier zur Verschönerung ein. Aber man hat Zeit und 
Geduld bis man an die Reihe kommt. Die Schläfer kümmert 
wenig der Sonnenaufgang um sechs Uhr iiber dem Wolkenhori- 
zont, das Schauspiel der blitzenden Lichtstrahlen und Goldstrei- 
fcn, und wenn die Wolken die Sicht freigeben, der Blick auf das 
feingerillte Meer. Die Südspitze Portugals, das Cap Vincente, sieht 
verlassen aus, wir schweben zu hoch, um ein Leben in der Tiefe 
oder die Bewegung des Meeres feststellen zu können. Als braune, 
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