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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

MODERNE KUNST IN DEUTSCHEN GALERIEN 
KANDINSKY, BONNABD, MAX ERNST UND NEUE GRAPHIK AUS PARIS 
Von JORC LAMPE 
Als vor einiger Zeit die Nachricht durch die Presse ging, daß 
die Malerin und einstige Lebensgefährtin von Wassilij Kandinsky 
anläßlieh ihres 80. Geburtstages am 19. Februar das in ihrem 
Besitz befindliche Frühwerk Kandinskys aus der Zeit zwischen 
1900 und 1914 der Stadt München stiften, und daß eben Mün- 
chen diese Stiftung in seiner städtischen Galerie im Lenbaehltaus. 
zeigen werde, versprach man sich mit Recht ein Ausstellungs- 
ereignis von Bedeutung. Neben 23 Hintcrglasbildern, 15 Aqua- 
rellen und Zeichnungen und 19 Farbholzschnitten, enthält die 
Ausstellung in den völlig neu hergerichteten Räumen des Len- 
bachhauses 177 Katalognummern, wobei auf die ganz frühe Zeit 
vom Beginn der Münchner Zeit an 58 Ol- und Temperabilder, 
auf die Murnatter Epoche 41 Olbildet" und auf die „Blaue Reiter"- 
Zeit 21 Arbeiten allein in Öl entfallen. Große Teile des druck- 
grapbisehen Werkes müssen erst gesichtet werden, ehe man sie 
ausstellt. Die meisten der jetzt im Lcnbachhaus zur Schau ge- 
stellten Bilder waren bisher entweder überhaupt noch nicht oder 
doch seit mindestens 40 Jahren nicht mehr zu sehen, sodafl die 
ganze Veranstaltung als eine Premiere, wenn nicht gar als „Ur- 
auffübrung" bezeichnet werden kann. 
Ein flüchtiger, wenn auch mehrstündiger Besuch der Ausstellung 
allein ist kaum imstande, die gewonnenen Eindrücke im Sinne 
eines Urteils abzurunden, doch kommt es wohl auf ein solches 
auch gar nicht an. Kandinskys Stellung und Rolle in der euro- 
päischen Kunst unseres Jahrhunderts sind ziemlich klar um- 
rissen. Man schreibt ihm sozusagen allgemein weniger die „Er- 
findung" als die „Durehsetzung" der sogenannten absoluten Ma- 
lerei zu, wobei man allerdings hinsichtlich dieses Begriffes seine 
Vorbehalte machen könnte. Die Ausstellung in München aber 
ist trotzdem nicht Liberraschungsfrei, was besonders hinsichtlich 
der ganz frühen Zeit und dann auch für die „Blaue Reiter"- 
Epoche gilt. In jener wird dem Bcschaucr einiges zugemutet, 
was er bei einer anderen Persönlichkeit als Kandinsky kurz und 
schlicht mit „Kitsrh" bezeichnen würde. 
Das gilt jedoch nicht für die Landschaftsmalerei. In ihr bemüht 
sich vielmehr Kandinsky deutlich um den Durchbruch einer rein 
aus der Farbe geformten Bildgestaltung, wobei es manchmal 
wild und pastos und dann auch wieder fast transparent zugeht. 
Erschreckend sind jedoch die figürlichen Kompositionen im Stile 
von Bilderziihlungcn, die von Rittern und Ritterfräulein gar 
Minnigliches mitzuteilen wissen. Der „reisige Ritter", der "Braut- 
zug", die „Russische Schöne in der Landschaft", das „Reitcnde 
Paar" und „Die Nacht" seien hier als Beispiel angeführt, doch 
wäre auch manches der l-linterglasbildct" sowie der eine oder 
andere Entwurf für den Umschlag zum „Blauen Reiter" ent- 
sprechend zeugniswürdig. 
Kandinsky (1866-1944), der ja bekanntlich als Nationalökonom 
und Jurist begonnen und sogar eine Dozentur an der Dorpater 
Universität bekleidet hatte, ehe er sieh der Malerei zuwandte, 
studierte in München zunächst bei Azbe und dann bei Stuck. 
Doch Stuck allein kann diese Mischung aus Kunstgcwerbe, aus 
„KlimW-schen Zügen, aus byzantinisehem Mosaik, Pointillismus, 
schlechtem Vllorpswede und süßlicher Poetik nicht hervorgerufen 
haben. Wenn ferner auch die Zeit um 1900 herum an Vcr- 
stiegenheit, an (jemütsflitter und -ornamentik nichts zu wünschen 
übrig ließ und Tugend und Laster in Spitzenrüschen oder 
„Schlangen"-Hiiute hüllte, so mufS doch schließlich auch etwas 
aus Kandinsky selbst hinzugekommen sein, um eine derartige 
Bildwelt entstehen zu lassen. 
Abb. 1. 
Gabriele Müntt-r: Kandinsky am "Feeusch, um 1910-1911. 
Die Murnauer Zeit, die Jahre 1908 bis 1910, und das Leben mit 
Gabriele Münter, dieser klaren, gesunden und einfach-selbst- 
verständlichen Natur, bringen dann, wenn wir es richtig sehen, 
die stärkste malerische Leistung in Kandinskys Kunst hervor. 
Hier bricht tatsächlich Natur durch; das Geschraubtc, und auch 
der Wille zur Methode und zum Dozieren und Demonstrieren 
wird vom Sturm des Durchbruchs mitgerissen. Da wird Kan- 
dinsky gleiehsam überwältigt. Da tattchen die ersten „Improvi- 
sationen" und vor allem Landschaften wie die mit den Traum- 
„Pferden" von 1909, die farbig ungeheuer intensive Komposition 
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