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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

„Orientalisches" aus dem gleichen Jahr, ferner die schiefe „Kir- 
che", die „Kuh" und der den späteren Nolde und noch späteren 
Nay vorwegnehmende „Garten" von 1910 auf, Bilder, die gleich- 
sam aus der Farbe das Gesammeltsein und die Entfaltung des 
Ganzen offenbaren. Das ist, wenigstens unserer Meinung nach, 
große bleibende Kunst, und zwar im Stil der „Fauves". 
In den Jahren des „Blauen Reiters" aber wird es dann schon 
wieder anders. Wer von Kandinsky redet, meint eigentlich immer 
diese und dann die späteren Jahre am Bauhaus und in Paris. 
Aber bei aller Anerkennung für das sozusagen theoretisch Gül- 
tige an Kandinskys Schritten auf die „Abstraktion" und damit 
auf die „Absoluthcit", d. h. auf die Abgelösthcit der Malerei von 
der Erschcinungswelt zu, bei aller (bedingten) Anerkennung für 
seine Schriften und seine später am Bauhaus aufgestellten 
„Regeln" fängt ab 1911 eigentlich die Willkür an. Kandinsky 
sprengt die Welt - gewiß -, und das bringt nicht jeder fertig. 
Doch sieht man vor diesen Bildern aus den Jahren 1911 bis 1914 
einmal vom Brand der Farben, von der Dynamik der formalen 
Rhythmen ab, die zunächst natürlich ihre Gewalt auf den Be- 
sehauer auszuüben wissen, dann stellt sich unfehlbar heraus, 
daß auf diesen Bildern eigentlich nicht viel Wirkliches geschieht, 
daß sie irgendwie „gemacht" sind, wenn sicher auch in einer Art 
von Rausch, und daß der kleinste und stillste Klee mehr wesent- 
liche Inwendigkeit sichtbar macht als diese Turbulenz, die sich 
nach dem ersten Weltkrieg zu Tabellen und Formeln, zu regel- 
rechten Skalen organisiert, in die nur gelegentlich einmal noch 
ein bißehen russische Folklore und Reminiszcnz einen Abglanz 
vom eehten Leben wirft. 
Wahrscheinlich kann man das auch anders sehen, aber dieses 
Sprengen statt Erschließen, dieses Berauschlscin durch abstrakte 
 
Abb. 2. Kandinsky: D:r Brnutzug, 
um 1902-1903. 
groß- oder kleinformatige Arabesken (das sich von der nicht 
gezeigten Bauhaus-Zcit ab systematisiert), gibt im Hinblick auf 
die kunstgewerblich auigczogcnen Ritter und Ritterlräuleixi am 
Anfang dieser Laufbahn mancherlei zu denken. Die gleichzeitige 
Ausstellung von rund 60 Arbeiten von Gabriele Münter aus allen 
ihren Schaliensperioden reg! hierzu noch entschiedener an, auch 
wenn die Bilderauswahl nicht als die günstigste erscheint. Einige 
Stücke aber wie etwa „Kandinsky am Teetisch" (19lO[11) und 
verschiedene Stillcben, teils aus der gleichen Zeit, teils aus den 
 
Abb. 3. Kandinsky: Garten, 
1910. 
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