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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

fträgen zur Gänze mißhandclt worden. Das Ergebnis dieser 
mstaffierung aber war eine öde Leere, die alle Ausdruckswertc 
d alle Details der originalen Schnitzarbeit überzogen und zu 
lligem Schweigen gebracht hat. Den Körper Christi verdeckte 
t leichenfarbiges Inkarnat mit bläulich angelaufenen Stellen 
Händen, Knien und Füßen. Blutstropfen quellen unter der 
)l'l'1Bl'1l(f0flC über Stirn und Gesicht und aus der Brustwunde 
d den Nagellöchern der Hände und Füße rannen Linien des 
Jtes. Das Lendentuch aber zeigte ein stumpfglasiges XVeiß mit 
:iten Goldsäumcn. 
entstellt und entheiligt bot sich das Werk dar, als es in die 
zademic eingeliefert wurde. Angesichts eines solchen Zustan- 
s war es auch für den Fachmann schwer, zu einem Urteil zu 
den. Sollte unter dieser aussagearmen Verkleidung eine Imi- 
ion oder eine Kopie nach einem Vorbilde von Riemenschnei- 
rs Hand liegen oder sollte doch ein Werk des Meisters selbst 
ter allem verborgen sein? Ein Eingriff an dem XWeiß der am 
irper anliegenden l.endentuchpartie konnte da bald Klarheit 
iaffen. Nach Entfernung einer kleinen Stelle dieser neuen 
eißlagen begann Gold aufzuschimmcrn, das in feinen alters- 
;enen Krakelüren über einer dunkelrotbratinen Bolusschichte 
breitet war. Diese liundstelle allein mußte schon mit aller 
therheit ein der Spätgotik zugehöriges XVerk hier offenbar 
tchen. Dieser Einblick aber gab auch Auskunft über einen 
ßergewöhnlich dünnen Auftrag jener originalen Fassung. die 
aprünglich über das Werk gelegt worden war. Gerade dieser 
tsache eines besonders dünnen Schichtenauftrages der alten 
ssung aber verdanken wir den glücklichen Umstand, daß der 
agotische Faßmaler diese ihm bei seinen Arbeiten nicht weiter 
iderlichen alten Fassungstcile unberührt belassen hat. 
i der restaurativen Entfernung der neuen, dicken und in ihrem 
ncdium nur allzufest verharzten Überziehungsschichten aber 
tufen die besonders dünnen Häute der originalen Fassung 
t ihrer großen Empfindlichkeit ein heikles Problem, diese mög- 
wst unbeschädigt hervorzuholcn. Mit starker wirkenden Lö- 
igsmitteln, die die Linoxynvcrharzung der neuen Überlagen, 
1 denen auch die unterste, weißliche Grundierungsschichtc 
farbenkonsistenz besessen hat, wenigstens zu einer Erweichung 
itcn bringen können, durfte deshalb nicht vorgegangen wer- 
1, weil die so leicht verwundbaren Teile der Originalfassung 
rch die nicht berechenbaren Sicker- und Verdampfungscinwir- 
ngen dieser Löse- und Abbeizmittel schweren Schaden hätten 
imen können. So blieb also nur der Ausweg, die neogotischen 
erzüge millimeterweise abzusprengen. Dabei konnte allerdings 
Weg gefunden werden, der die Sprödigkeit und die damit 
'bundene leichtere Absprengbarkeit der Neufassungsschichten 
vergrößern vermochte, was immerhin sowohl arbeitsmiißig 
: auch hinsichtlich der Gefahrcnminderung für die alten Fas- 
igslagen manche Vorteile brachte. Trotzdem verging mehr 
jahresfrist, bis die ganze neogotisehe Verkleidung entfernt 
rdcn war. 
s Ergebnis dieser langwierigen Abdeckungsarbeiten aber kann 
ein unerwartet günstiges gebucht werden. Die noch an dem 
:rk vorhandenen Teile der originalen Fassung samt ihren 
srsgemäßen Oxydationserscheinungen sind dabei wohl wieder 
jenem Zustand zutage getreten, in dem sie sich vor ihrem 
rschwinden unter den Decklagen der neuen Fassung befunden 
)cn. Vom wirkungsmäfiig Optischen her tragen sie jedenfalls 
: schöne Alterslüster und das ästhetisch bereichernde Netz 
t unberührt gebliebenen gotischen Fassungen an sich. Der Um- 
g der hervorgekommenen alten Fassungsteile aber hat sich 
ler nur als fragmentarisch erwiesen. Wohl ist von diesen an 
pf und Körper noch vieles, ja Ausschlaggebendes erhalten ge- 
zben. An den Armen aber, die bei allen größeren Schnitz- 
rken dieser Art in der Achsellinie mit Zapfen an den Körper 
gefügt sind, sowie an dem links aufwärtsflatternden Teil des 
identuches, das in der Randgegend der rechten Hüfte ansatz- 
i Aufplattungsmerkmale erkennen liißt, ist mit der Entfer- 
nung der Neufassung nur das bloße llolz ohne irgendwelche alte 
liassungsspuren sichtbar geworden. Es kann hier jedoch kein 
gesichertes Urteil darüber abgegeben werden, ob an diesen Teilen 
die volle Zerstörung der alten Fassung infolge besonders ungün- 
stiger Milieueinwirkungen - etwa durch starke Feuchtigkeits- 
cinflüsse mit Schimmelbildungcn und einem daraus sich ergeben- 
den Ahbröckeln und Abstäuben - erfolgt ist, oder ob hier doch 
auch noch mechanische Eingriffe das Ergebnis einer so vollkom- 
mencn Bloßlegung des Holzes vollendet haben. An den Armen 
mit ihrer auch heute noch bis in das kleinste Detail erhaltenen 
Schnitzoberfläche konnte jedenfalls eine beginnende Verwitte- 
rung und Vermorschung der obersten Holzschichte festgestellt 
werden. Diese Verfallserschcinungcn an den Armen müssen die 
 
Abb. 2. 
Kruzifixus von Tilman Riemensclineidcr. Detail. 
Vermutung nahelegen, daß diese - früher einmal vom Körper 
abgetrennt - durch längere Zeit eine besonders ungünstige 
Unterbringung durchgemacht haben mögen. Nur spärliche Reste 
von alten, aber reichlichen, jungen Leimsubstanzen, die bei einer 
neuerlich notwendig gewordenen Befestigung der Arme an den 
Körper nachweisbar waren, scheinen dies ebenfalls zu bestätigen. 
Die Holzoberfläche des linken, nach aufiviirts bewegten Lenden- 
tuchzipfels dagegen ist vollkommen fest und gesund geblieben, 
ein Umstand, der wieder chcr damit zu begründen wäre, daß hier 
doch künstliche Nachhilfe mit am Werke war. Sollte da vielleicht 
der neogotische Faßmaler eingegriffen haben, um hier vorhanden 
gewesene größere Unebenheiten. die von Inseln einer sehr beschä- 
digten alten Fassung gebildet wurden, für seine glättenden und 
verschlcifenden Neustaffierungsarbeiten zu entfernen? 
Wenn es auch als tief bedauerlich empfunden werden muß, daß 
die ehemalige farbige Originalfassung des Kruzifixus derart emp- 
findliclic Verluste attfweist, so muß doch andererseits die bei 
alten Schnitzwerken seltene Tatsache ins Gewicht fallen, daß 
vom gesamten Holzkörper der Figur - und da selbst an den 
fcingliedcrigen Fingern der Hände - auch nicht das kleinste 
Teilchen abgebrochen oder später ersetzt worden ist. Lediglich 
ganz wenige der spitzen Stacheln der Dornenkrone sind mehr 
oder weniger abgesplittert. 
Die alten Fassungsteile des Inkarnatcs, die wohl an den (jrat- 
höhen des Brustkorbes sowie an der Außenseite des rechten Ober- 
schenkels größere Unterbrechungen zeigen, umschließen trotz 
dieser und anderer überall verstrcuter, kleiner Fehlstellen wir- 
kungsmiißig den ganzen Torso so entscheidend, daß das sand- 
farben gelbliche Leuchten seiner Hautfarbe in nur wenig gemin-
	        

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