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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

werden da Entscheidendes mitzusprechen haben. Der Wiener aus 
Lindenholz geschaffene Kruzifix mißt in der Höhe 140 cm und 
die Spannweite der Arme beträgt 119 cm. Das Weichholzkreuz, 
an dem die Plastik heute befestigt ist, stammt sicherlich aus jener 
Zeit, als die Neufassung vorgenommen wurde. Von der gleichen 
Herkunft sind offensichtlich auch die eisernen Nägel, die in 
Schraubengewinde auslaufen, und das Gewicht des auf der Rück" 
seite des Oberkörpers tief ausgehöhlten Holzbildwerkes tragen. 
In der bildnerischen Grundform dieser Kruzifixusdarstellung 
lebt die Zeit Schongauerlscher Figürlichkeit. Der schlanke, zart- 
gliederige Körperbau zeigt die meisterlich reduzierende Flächen- 
Schichtung, mit der Riemenschnciders Gestalten zu ihrer plasti- 
schen Wesenheit wachsen. Als ein dynamisches System, das in 
ornamentaler Gleichnishafligkeit spricht, sind die Adern an den 
Armen und die Furchen geformt, die sich vom Zuge der Körper- 
last in die Haut und das Fleisch der Handflächen graben und an 
den Nagelwunden der Füße sich bilden. In mitreißender Form- 
symbolik ist der Körper gestaltet: Unter der Schwere der letzten 
Atemzüge wölbt sich die Brust hoch und in flacher Rundung 
sinkt darunter der Unterleib ein. Unter der eng anliegenden Hülle 
des Lendentuches formen sich die Schenkel, und in den Linien 
der Beine liegt willenloses Erleiden, bei dem die Sehnen im letz- 
ten Krampfe sich straffen, um dann zum vollen Gestrecktsein im 
Tod zu erstarren. Über der aus tiefer Andacht und Versenkung 
gestalteten Schau vom leiblichen Martyrium Christi neigt sich 
der Kopf des Heilands wie zu einem letzten Bekenntnis der Liebe. 
Ein Bekenntnis, das er in der erfüllten Not seines körperlichen 
Scheidens der irdischen Welt übergibt. 
Da der Kruzifixus in der renovierten St. Antonskirche im Fünf- 
hauser Wiener Gemeindebezirk wiederum als Andachtsbild Auf- 
stellung finden soll, wurde die Forderung gestellt, daß neben 
der rein konservierungstechnischen Behandlung desselben auch 
dafür Sorge getragen werden müsse, daß das Werk im vollen 
Licht der linken Querschiffwand der Kirche, wo es nunmehr 
seinen Platz finden soll, auch in seiner äußeren Erscheinung als 
Kultobjekt den Gläubigen übergeben werden kann. Damit muß- 
ten die allzu störenden Altersbeschädigungen an den Armen und 
am links aufflatternden Lendentuch soweit beseitigt werden, daß 
dadurch das Werk wiederum eine gewisse Geschlossenheit der 
Wirkung vermitteln kann. Über die neuen Wege, die dabei be- 
schritten wurden, kann in diesem Bericht nichts Näheres aus- 
geführt werden. Nur soviel sei hier angedeutet, daß die Findung 
derselben von dem musealen Grundsatze her erfolgt ist, daß 
keine restaurative Zutat den nunmehr aufgefundenen Alters- 
zustand angreifen oder irgendwie dauernd beeinträchtigen darf 
und daß die Wiederentfernung von allem, was einer äußerlichen 
Ästhetik gemäß dazugegeben werden mußte, jederzeit in leich- 
Ler Form durchführbar bleibt. 
YDER 
ZEITLOS EK 
ZUR KUBIN-AUSSTELLUNG IN DER ALBERTINA 
Von JÖRG MAUTHE 
Natürlich wird man in der Albertina angesichts der Kubin- 
Kollektion versuchen, an diesen Blättern aus den letzten zehn 
Jahren irgendeine Besonderheit festzustellen, irgend etwas, was 
dafür spräche, daß die Kunst des Achtzigjährigen nunmehr in 
eine neue, letztgültige Phase, sozusagen in einen Ur-Altersstil 
eingetreten ist. Man wird es versuchen, aber es wird nicht sehr 
viel dabei herausschauen. Kubins Zeichenkunst ändert sich nicht 
mehr. 
Sie ändert sich nicht mehr, weil sie sich im Grunde nie verändert 
hat. Nach wenigen - übrigens ausreichend bekannten _ Ver- 
suchen und Experimenten war sie im Jahre 1908 eines Tages 
da. Und so, wie sie plötzlich da war, blieb sie. Von den zahl- 
reichen und faszinierenden Aspekten, die Kubins Lebenswerk 
bietet, ist dieser einer der verwirrendsten: da ist ein Oeuvre, 
das in fünf Jahrzehnten entstanden ist und doch weder in sich 
weiterentwickelt wurde, noch irgendeine Entwicklung außerhalb 
des eigenen Bereichs zur Kenntnis genommen hat. Gewiß gibt 
es in diesem so umfangreichen Lebenswerk allerlei Schwankun- 
gen: der Strich ist manchmal zart und spinnwebartig, manchmal 
robuster, löst sich hie und da wieder flockig auf, um bei Ge- 
legenheit zu verworrener Zartheit zurückzukehren; es gibt Jahre, 
in denen die Wasserfarbe etwas häufiger mitspielt, gewisse 
Themenkreise treten auf und verschwinden, um nach vielen 
Jahren wiederzukehren - aber doch, wie geringfügig sind diese 
Variationen im Vergleich zu den Stilschwankungen im Oeuvre 
fast aller anderen bedeutenderen Zeitgenossen! 
Die Stilkritik wird es mit dieser Kunst immer schwer haben, 
denn des Meisters Stil hat so wenig einen Lehrer gehabt, wie 
er - bis jetzt - einen begabten Schüler gefunden hat. Jedes 
zweite Kubin-Blatt beschäftigt sich mit den Wirkungen der Zeit, 
mit den Schäden, die sie verursacht, mit ihrer Unerbittlichkeit, 
ihren Gespenstern. Aber die Kubin-Blätter selbst sind zeitlos. 
Heute entstanden oder vor zwanzig Jahren, könnten sie ebenso- 
gut im neunzehnten Jahrhundert oder im siebzehnten oder zur 
Zeit der Donauschule entstanden sein, spräche nicht das Motiv- 
Inventarium hier und da gegen eine solche Annahme. Aber auch 
Kubins Motivik ist trügerisch. Es gibt da ein noch nicht altes 
koloriertes Blatt in der Albertina, das einen Pflug zeigt, der 
durch den Acker gezogen wird; über diesem friedfertigen Idyll 
aber taucht eine Vision höhnischer Bedrohung auf -- ein russi- 
scher Soldat offenbar. Es ist dies also eines von den seltenen 
Blättern, in denen man ein aktuelles Motiv erkennen kann, die 
russische Besetzung etwa des benachbarten Mühlviertels. Aber 
wie undeutlich ist gerade das Aktuelle daran: der Russe trägt 
eine Kosakcnmütze von 1917, er sieht überhaupt nicht sehr 
russisch aus, es könnte sich ebensogut um einen Pandur handeln 
- wie er aus anderen Blättern bekannt ist - und wenn es den- 
noch ein ru. ischer Offizier ist, wofür allerdings die Achsel- 
stücke zeugen, warum halten seine Zähne ausgerechnet eine 
österreichische Virginia? Man sieht, es stellt sich sofort Un- 
sicherheit ein, wenn man zwischen Kubin und der Kalendcrzeit 
einen Berührungspunkt sucht. 
Man gestatte zur Illustration einen etwas persönlicheren Bericht. 
Vor etwa zwei Jahren besuchte ich Kubin in seinem Bauern- 
schlößcheti Zwickledt. Er empfing meine Freunde und mich mit 
bezaubernder Höflichkeit, erkundigte sich nicht einmal nach un- 
seren Namen und hat uns zweifellos sofort nach unserer Ver- 
abschiedung wieder vergessen. Er gab uns zahlreiche Beweise 
geistiger und körperlicher Rüstigkeit, während er uns durch sein 
ganzes Haus und durch dessen Umgebung führte - unter ande- 
rem auch an jenem berühmten Zwickledter Tümpel vorbei, aus 
dem er so viele Drachen, Riesenfische, Saurier und andere 
Schrecknisse gezaubert hat, was uns in Anbetracht der paar 
Quadratmeter Wasserflfiche als besonders großartige Leistung
	        

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