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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 4 und 5)

Abb. 4. Vögel xus gchlascncm 
Glas und mit auf glßn Milchglas- 
fiiden. die dcn rcizvollcn Eindruck 
von weißem Gcfiedcr vermitteln. 
   
das die Auseinandersetzung mit den neuen künstlerischen Mög- 
lichkeiten nicht aufnehmen wollte und konnte, blieb konservativ 
und beschränkte sich immer mehr auf das Kopieren der alten 
Formen. Dies führte schließlich zu der Produktion von „Glas- 
kunstwerken", die ausschließlich als Reiseandcnken für die 
Fremden bestimmt waren. In ihrer Sterilität und Geschmack- 
losigkeit hatten sie nichts mehr mit dem alten Geiste der vene- 
zianischen Glasmacherkunst zu tun. 
Dieses Stadium völliger Degeneration versuchte PilUlO Venini, 
der am Comer See geboren wurde und aus einer alten Glas- 
macherfamilie stammt, mit der Gründung seiner Manufaktur im 
Jahre 1921 auf der Insel Murano zu überwinden. Anknüpfend 
an die alte Tradition, war er eigenwillig genug, seinen eigenen 
Weg zu gehen. Der Anfang war schwierig. Galt es doch den 
handwerklich ausgezeichneten Glasbläsern, die am Alten hingen, 
seine neuen Ideen verständlich zu machen und sie dafür zu ge- 
winnen. Dies ist dort, wo die schöpferische Gestaltung unmittel- 
bar während des Herstellungsprozesses, in freier Weise sich voll- 
ziehen mufl, eine schwierige Aufgabe. 
Was aber dabei als Ergebnis herauskam, spricht die eindeutige 
künstlerische Sprache der Gegenwart. Paolo Venini scheut nicht 
die Tradition, die Anknüpfung an die Formen der Vergangen- 
heit. In verschiedenen Richtungen jedoch wird diese Ausein- 
andersetzung mit den Formen, der Technik und dem Geiste der 
gläsernen Schmuckgerätc der Vergangenheit geführt. Nur solche 
Formen werden gewählt, die in ihrer schlichten Linienführung 
und in ihren ausgewogenen Maßverhältnissen dem gegenwärtigen 
Formemplinden entsprechen. Neben diesen zeitlosen Formen be- 
dient er sich aber auch der köstlichen Dekortechniken, die ein- 
stens den Ruhm des venezianischen Glases ausmachten, wie 
Faden-, Nctz- und Milleiioriglas. Diese Dekore auf neue Formen 
angewendet, erhöhen nur noch deren spielerischen Reiz und kul- 
tivierte Eleganz. 
Aber neben diesen zartwandigen und hauchdünnen Wunderge- 
bilden, zeigt Venini Gestaltungen, die in ihrer Farbigkeit und 
Formprägung völlig dem neuen Formgefühl entsprechen. So 
liegen bei den Mosaikgläsern nur wenige aber leuchtende 
Farbtöne wie kräftige Pinselstriche konstrastierend neben- 
einander. Dickwandige und nahezu kristallhaltc Gebilde von 
kühner Formgebung zeigen eine einheitliche und gedämpfte 
Farbigkeit. Sie wird durch die geschliffene und mattglänzende 
Oberfläche bewirkt und durch die verschiedene Dicke des Glases 
nuanciert, sodaß der Eindruck entsteht, als 0b sich das Licht im 
Medium des Glases ständig zu farbigen Schatten verwandelte. 
Paolo Venini hat seine Arbeiten auf zahlreichen Ausstellungen 
gezeigt. Viele Museen und Sammlungen besitzen sie, weil sie den 
hohen Anforderungen, die die Gegenwart an moderne kunst- 
handwerkliche Erzcugnisse stellen muß, in vollem Ausmaße 
gerecht werden. Was sich daher als das Oeuvre dieser modernen 
Glashüttc präsentiert, läßt erkennen. daß auch für die Gegen- 
wart die künstlerischen Möglichkeiten auf dem Gebiete eines 
jahrtausendealten Werkstoffes schier unerschöpflich sind, wenn 
Wagemut und Ideenfülle sich in liebevoller Sachkenntnis seiner 
bedienen. 
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