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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 6)

der Harrachsehen Fabrik in Neuwelt und auch der genannte 
Becher ist aus diesem Neuweltmaterial geschaffen. Er entstand 
im gleichen Jahre (1831), in dem Bimann das Glas mit dem Bild- 
nis Herzog Ernst I. von Coburg-Gotha schnitt." Es ist inter- 
essant, diese beiden Becher miteinander zu vergleichen. Hier 
der jugendliche Herzog mit lockigem vollen Haar und glattem, 
faltenlosem Gesicht, und dort das Porträt des alten verstorbenen 
Generals mit seinen tief eingcgrabenen Zügen. 
Es besteht die Möglichkeit, dziß der Carl Kinsky-Beeher erst 
einige Zeit nach dem Tode des Grafen von Bimzinn angefertigt 
wurde und daß eine unbekannte Zeichnung oder Medaille ihm 
als Vorlage diente. 
Karl GrzilKinsky von Wel-iinitz und Tettau wurde zu Chlumecz 
am 28. Juli 1766 geboren und starb nach Angabe von Wurzhach 4 
am 4. September 1831.!) 
Er war österreichischer Feldmarschall-Leutnant und Ritter des 
Maria Theresien-Ordens. Im März 1828 trat er in den Ruhestand 
und ging nach Bürgstein bei Prag, wo er auch starb. 
Als Besitzer der Herrschaft Bürgstein (seit 1710) hat das Ge- 
schlecht der Kinsky, als Grundherren von Haida, Steinschönau 
und anderen Glaserzeugungsstätten, nicht zu unterschätzenden 
Einfluß auf die Erzeugung und Veredelung des böhmischen Gla- 
ses gehabt. 
Philipp Kinsky (1741-1827), der Onkel Carls, ist uns auch in 
einem geschnittenen Glase (Sammlung Rath, Wien)6 bekannt. 
das aber den Arbeiten Bimanns stilkritisch nicht zugezählt wer- 
den kann; abgesehen davon, daß Bimann noch im Kindesalter 
stand, als ein anderer tüchtiger Glasschneider den Philipp 
Kinsky-Beeher schnitt. Das Entstchungsjahr 1820, das Pazatirek 
angibt] ist zweifellos unrichtig und das Glas ungefähr zehn 
Jahre älter. Wahrscheinlich wurde es zum 70. Geburtstag Phi- 
lipps geschnitten und wäre somit 1711 entstanden. 
l Abgebildet bei Pnzuurek „Gläser der Emplre - Bledermelelzell", Seite 100. 
4 Biographisches Lexikon von Ualenelth. Von m. Cousluut von Wurzbnch. 
am: xx, Seite m 
i Au! dem Gluhecher m das um". .110. graviert, während cm Karl latsich- 
1m. am 4.19. mm. 
I Abgebildet bel Pazuurek „cum u" Emplre - Bledermelerzelt", sm. 4. 
1 Siehe ebenda, Sehe 4. 
ÖSTERREICHISCHE EXPRESSIONISTEN 
OHNE WERBETROMMEL 
ZUR GROSSEN EXPRESSIONISTEN-AUSSTELLUNG IN SALZBURG 
Von ERNST KOL 
LER 
Im Februar dieses Jahres faßte das Direktorium der Salzburger 
Rcsidenzgalcrie den Bcschluß, eine Ausstellung expressionisti- 
seher Maler aus Österreich und Deutschland zu veranstalten. 
Rahmen, Umfang und Dauer dieser Ausstellung sollten den bis- 
herigen ähnlichen Unterfangen (1953:W-.1ldmüller, 1954: Makart, 
1955: Galerie Czernin, 1956: Mozart) gleichen. Ein internatio- 
nales, aber auch das einheimische Publikum wird somit Gelegen- 
heit haben, vom 22. juni an eine Schau von weit über hundert 
Gemälden und Graphiken der Künstlergeneration Marc - Ko- 
koschk.t-- Schiele in den schönen Räumen der Residenzgalerie 
zu studieren. Bei der Zusammenstellung der Ausstellung wurde 
Rücksicht auf die Tatsache genommen, daß jede neue Strömung 
eine Erfüllung gewisser Tendenzen der unmittelbaren Vergan- 
genheit darstellt. In diesem Sinne zeigt die Ausstellung in einem 
ersten Teil den Weg vom deutschen Impressionismus eines Lie- 
bermanr. zu den unmittelbaren V0r- und Frühcxpressionistcn 
Österreichs und Deutschlands; in dieser Abteilung sind Namen 
wie Klimt, Egger-Lienz, Slevogt, Corinth vertreten. Eine interes- 
sante „Neuentdeckung" ist die 1862 in Westprcußcn geborene 
Malerin Clara Siewert, deren außerordentlich verinnerlichte, 
sehr vergeistigte Kunst in einem prächtigen Bild (Leihgabe der 
„Neuen Galerie", Linz) vertreten ist. 
Die weitere Abfolge der Ausstellung beruft sich im wesentlichen 
auf die von Haftmann in seiner Arbeit: Malerei des 20. jahrhun- 
derts, erstellte Teilung: Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde 
und Christian Rohlfs vertreten den norddeutschen Frühexpressio- 
nismus in schönen Beispielen, die Maler der „Briieke", der älte- 
sten, 1904 in Dresden gegründeten expressionistischen Künstler- 
vereinigung, sind vollzählig repräsentiert, während die Künstler 
des „Blauen Reiter" (München 191 U12) in ausgewählten Arbei- 
ten von Franz Marc, August Macke, Paul Klee, A. v. jawlensky 
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und Alfred Kubin aufscheinen. Leider gelang es bisher nicht, 
Kandinskys Werk durch eine Hauptarbeit vorzuführen - eine 
Tatsache, die umso bedauerlicher ist, als die Städtische Galerie 
München durch eine Schenkung Gabriele Münters seit Anfang 
des heurigen Jahres über fast einhundert wichtige Arbeiten die- 
ses Künstlers verfügt. 
Die großen Einzelgänger des deutschen Expressionismus, Beck- 
mann, Hofer, Hölzel, beschließen jenen Zyklus, der dem Ex- 
pressionismus in seiner deutschen Variante gewidmet ist. Mit 
Absicht wurde darauf verzichtet, die Künstler des „Bauhauses" 
sowie die rein Abstrakten oder die Surrealisten zu zeigen; die 
feste Kontur der Ausstellung sollte gewahrt bleiben. Aus dem 
gleichen Grund blieben auch die Sozialkritikcr Grosz und Dix 
ausgeschlossen. 
Von besonderer Wichtigkeit erscheint der Versuch, Künstler aus 
Österreich mit ihren deutschen Generationsgenossen zu konfron- 
tieren. Es ist wohl von allen Freunden der neueren Kunst in 
Österreich als befremdlich empfunden worden, daß ein so her- 
vorragender Fachmann wie Haflmann in seinem oben zitierten 
Werk wichtige österreichische Künstler, wie Schiele, Kolig, 
Faistauer nicht mit einem Wort erwähnte, während Kokoschka 
einfach der deutschen Entwicklung eingeordnet wird. In Knaurs 
„Lexikon der modernen Kunst" sind die Auslassungen hinsicht- 
lich der jüngeren österreichischen Entwicklung womöglich noch 
auffallender. Es kann nicht unsere Absicht sein, hier Polemiken 
im Sinne eines ressentimcntgetragenen Chauvinismus zu führen, 
aber Aufgabe der Salzburger Ausstellung muß es sein, durch 
Konfrontation herauszuarbeiten, ob das Verschweigen österrei- 
chischer Künstler (bei Einbeziehung so mancher drittrangiger 
Größen Deutschlands bei Haftmann) aus wertmäßigen Gründen 
berechtigt ist oder nicht.
	        

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