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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 6)

durchgebildeten Waffenrüstung. Sockel und Deckel aus rotem 
Marmor, in ihren Seitenflächen sind schwarze Marmorplatten 
eingelassen und weißmarmorne Engelmasken und Wappcnkar- 
tuschcn aufgesetzt. Der leicht vorgewölbte Körper des Kcno- 
taphs selbst besteht aus rotmarmornen flachen Pilctstern, zwi- 
schen denen neun Basreliefs mit Szenen aus der Lcidensgcschichtc 
jesu eingelassen sind; die vier Ecken betonen Halbkaryathiden 
aus weißem Marmor, auf deren Nacken der Deckel aufzuliegen 
scheint. Am Kopf- und Fußende des Herrscherpaarcs halten je 
zwei Putten, Porträts der Kinder, das Habsburger- und XVittcls- 
bacherwappcn in reichen Kartuschen. Die Sockclplattc ist nahe- 
zu unsichtbar. Dadurch scheinen die an den vier Ecken kniccnden 
Engelsgestalten - die schönsten Plastiken des Mausoleums - 
das imposante Werk, das Carlonc 1591 vollendete, wirklich zu 
tragen. 
Symbolhaft erscheint die Gesamtidec des Grabdenkmales in den 
vier knicenden Engeln, die bewegt aufhorchen, die Posaunen- 
stöße des Letzten Gerichtes erwartend, um die Grabplattcn zur 
Auferstehung zu heben, deren Karl II. mit sechs seiner Kinder 
und zwei seiner Enkelkinder, Kinder Kaiser Ferdinand Il., in der 
Gruft harren. Dem Besucher wird durch einen Blick durch das 
Mausoleum zurück in dcn Dom ein seltenes Kunstcrlcbnis ge- 
schenkt: wohl das Schönste, was an Gegensatz der Dom im Gc- 
birge aufweist: Schwelle über der Zeit nach allem Gleichmaß der 
Dinge, Schwelle über den Tod, der das Geheimnis cntband. 
Im Vergleich zur übrigen Pormcnfülle ist der Altar, signiert 
1598, schlicht. Um so reicher ist die breite Stukkatur, die das 
Altarbild umrahmt - im oberen Bogcnfcld musizierende Engel, 
seitlich die Apostclftlrsten Petrus und Paulus. Der Mantuaner 
Theodoro Ghisi (1536-1601), den der Erzherzog Karl von seiner 
Schwester Eleonora Gonzaga, Markgriifin von Mantua, erbat, 
gab der Kapelle in zahlreichen Gemälden eine effektvolle, bunte 
Gesamtwirkung. Das Altarbild zeigt Christus in seiner Verklä- 
"rung auf Tabor mit den Licblingsapostcln: Petrus, jakobus und 
Johannes, neben Christus erscheinen Moses und Elias. An den 
vier schmalen Pfeilern sind in Lehcnsgröße die vier Evangelisten 
in Öl dargestellt, sie gelten als die besten Arbeiten des Künstlers 
in Steiermark, prächtige Gestalten voll Leben und Bewegung, 
elegant in den „sprcchenden" Händen; in ihrem Ernste erinnern 
sie an die Apostelbilder von Dürer, während das Altarbild nicht 
ohne Anklänge an Raffaels Transfiguration ist. 
An der breiten Wand zwischen den beiden Fenstern über dem 
Kenotaph hielt der Künstler ein großes, figurenreiches Familien- 
gcmälde fest mit dem Thema: „Lassct die Kleinen zu mir kom- 
men", wohl in Anspielung an den frühen Tod der meisten Kinder 
Karls II. Der Maler porträtierte sämtliche liamilienmitglieder auf 
diesem Bilde, ja, auch andere Zeitgenossen wie Kaiser Rudolf Il. 
und Erzherzog Matthias, in „Christus" soll sich Ghisi selbst ver- 
ewigt haben. Außer diesen großen Olbildern, die 1939 restauriert 
wurden, sind in runden Medaillons zwischen reichem Stuck 
schwebende Engel festgehalten, die verschiedene Leidenswerk- 
zeuge, die „arma Christi", tragen. Einer rcieht die Glorienkrone 
herab, den Grundgedanken des Mausoleums andcutend: Per as- 
pera ad astra - durch Leiden zur Verklärung! den Abschluß 
der malerischen Dekoration nach oben bilden die acht Flächen 
der beiden Kreuzgewölbe, die von vier bzw. sechs Engeln in den 
Ecken getragen werden - die Gotik versucht hier noch einmal 
durchzubrechcn, sie muß aber der meisterhaften Hand des Künst- 
lers in reichen liestons, liarbe, Stuck und Plastik weichen. Auf 
feinem Kreidegrund, aufgetragen auf eine Stuckoschicht, hat 
laut Inschrift im Gewölbe des östlichen joches die Deckcnbilder 
Theodoro Ghisi 1588 vollendet. Im Mittelfeld schwebt Gott- 
Vatcr, in den vier Kappen musizierende und jubilierende Engel 
in lebhaften Bewegungen, während im Gewölbe des westlichen 
Joches die Himmelfahrt Mariens gefeiert wird und in den vier 
auslaufenden Seitenfeldern die Apostel, je drei liigurcn zusam- 
men, die Glorie Mariens bewundern. Bringen die kleinen Seiten- 
medaillons, beginnend an der rechten Seitenwand, Szcncn aus 
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Abb. 4. Blick auf die reich mit Stukkatur versehene Decke von 
Theodor Ghisi. 
dem Leben Mariens, so entsprechen auf der anderen Seitenwand 
solche aus dem Lebcn des Heilandcs. ln der Bildkomposition, ins- 
besondere in den Vcrkürzungen, Überschneidungen und Darun- 
tersichten, sowie in der Maltcchnik der Engeltypen erinnert Ghisi 
stark an Correggio: Manierismus im Kolorit. 
Der reiche und prunkvolle Eindruck des Raumes entstand aber 
erst durch Carlones Schrankcnztrchitektur, die in einzelnen Zü- 
gen nicht mehr der damaligen streng italienischen Tradition ent- 
spricht und barocke Erscheinungen aufweist. Der Künstler er- 
richtete in der Sockclzone eine durchhrochene Mamorschrankc, 
deren Pfosten einer Ordnung korinthisicrender Pilaster darüber 
entsprechen, die ein dreifaches Gebälk tragen. Zwischen den 23 
weißen Marmorpilastcrn, reich geziert mit zarten Reliefs alle- 
gorischer und religiöser Darstellungen und lnkrustationcn aus 
einheimischem schwarzem und farbigem Marmor (Berg Otu- 
ehowa und Latschach in der Gegend des Faakersces, Kärnten), 
sind je drei kandelaberartige Balustcr aus vergoldeter Bronze (in 
Radmcr gegossen!) angeordnet. Der Frics des Gebälkcs ist mit 
gleichfalls vergoldetcm, sehmiedceisernem Rankcnwcrk ausge- 
setzt. jede der beiden Schrankenwiinde findet in einer gleich- 
falls durchbrochenem Attika aus Stuck ihren Abschluß. Der freie 
Raum unter dem Bogen ist durch einen abwechslungsreichen 
Aufbau von musizierenden Engeln ausgefüllt, wenngleich un- 
regelmäßig behandelt. Auf der rechten Seite ist das obere Bronze- 
gitter niedriger, die Engelsfiguren dafür bedeutend größer. Zu- 
dem ist ein Doppelporträt angebracht: das Karl lI. nach der 
Chorseite, nach innen das seiner Gemahlin Maria v. Bayern. 
Die Gesamtwirkung der Außenseite der Mausolcumswand kommt 
leider heute durch das im romanischen Stil gehaltene Chorge- 
stühl mit hoher Rückwand von fast 31,5 Meter Höhe nicht voll 
zur Geltung. Der Wandschmuck wirkt stark theatralisch-barock. 
Auf den drei Kapitellcn der Säulen stehen rechts und links die
	        

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