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Full text: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 9 und 10)

bildnerischcn Effekte herauszupräparieren gilt. Diese sind damit 
das einzige anerkannte Ziel. Das Ganze aber wird als sentimen- 
tales Vorurteil derer abgetan, die sich noch immer eine Stütze 
und Rechtfertigung, also die „lirlaubnis" einer Art weltansehttu- 
lieber Gouvernannte beschaffen zu müssen glauben, um es zu 
wagen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. 
Das macht auch klar, daß es für die Experimentatoren keine 
Entwicklung gibt, weil diese letztlich nur aus einem geschlosse- 
nen Kern entstehen und auf ein ebenso geschlossenes Ziel ge- 
richtet sein kann. [Zxpcrimentierprobleme hingegen werden so 
lange untersucht und attsgeschrotet, bis sie nichts mehr herge- 
ben, und dann weggeworfen, worauf man sich nach einem neuen 
"Rätsel" umschaut und mit ihm ebenso verfährt. Wenn man 
daher zum Beispiel von Picasso behauptete, dal} er keine Ent- 
wicklung habe und lediglich ein Gefangener seiner bildnerischcn 
Möglichkeiten sei, statt sie zu lenken, so liegt das auf einer ähn- 
lichen Linie. Doch welch ein Unterschied zwischen der experi- 
mentfreien und universalen Hingegebcnheit an das Bildnerische 
bei Picasso und den Knill-Schnüffeleien heutigen Kalibers! 
Unter diesen gibt es übrigens auch noch eine besonders explosive 
Richtung, die sich angeblich in das Abenteuer einer elementaren 
Erfassung und Sichtbarmachung der Kraftfelder im Kosmos 
stürzt. Man spricht da von „Automatismuf, „psychosomatischer 
Motorik" und dergleichen, und Namen wie der des sehr sub- 
tilen Wols, wie Pollock, Sonderborg, Thieler, (Jötz, Fietz, V"- 
dova, Moreni und andere weisen auf ein sehr ungleichartiges 
Zeugnis hin. Die entbundene atomare Energie, und was sonst 
noch im Weltbild der neuen Physik als einschlägig zu gelten hat, 
wird als Parallele zu dieser bildncrischcn Vorstellungwelt her- 
angezogen, die vor allem bei Vertretern der jüngeren Generation 
von Malern aus Europa und USA anzutreffen ist, nachdem Mon- 
drian, Kandinsky und die von ihnen ableitharen liormungswei- 
sen vor allem konstruktiver Art jegliche Bindekraft für sie ver- 
loren haben. 
Wie weit hier von einem besonderen Blickwinkel her ehrliche 
Aspekte des Ganzen und damit neue Schauerkcnntnissc gesucht 
und gewonnen werden bleibe dahingestellt. In vielen Füllen kann 
mit Sicherheit nur von neuen Emotionen, die sich bis zur aktiven 
Sprengungsatbsichtcn steigern, gesprochen werden, wofür schon 
das ein Beweis ist, daß man hiiufig die stattgefundenen Explosio- 
nen und das durch sie hervorgerufene „Trümmerfeld" ohne wei- 
teres in ihrem Zustand beliillt, anstatt sich noch um irgendeine 
Bildausformung zu bemühen. Während es daher 1918 _um das 
„Epater le ßourgeois" ging, hat man jetzt anscheinend gleich 
das „c'patei' le monde" im Auge, was ja im Zeitalter der Televi- 
sion und der Atombombe auch viel aktueller ist. 
Die Fragen nach Gestalt und Kunst werden als Bedenken von 
Schwiichlingen abgetan, während man selber gew. maßen mit 
seinen „Muskeln" protzt und dabei nur leider übersieht, daß sich 
so nie die Kraft, sondern lediglich die Brutalität, also die ka- 
scbierte Schwäche zu gebiirden pflegt. Nur wer kein wirkliches 
Argument mehr hat, schlagt mit der liaust auf den Tisch, um 
durch (iewalt über den Zustand der inneren Ohnmacht hinweg- 
ztttiitischen. Insofern steht die Explosions-Auftrumpferei in di- 
rekter Parallele zu der heute gleichfalls hier und da auftauchen- 
den Methode, eine Art bildnerischet" Gehschulen zu errichten, um 
so zu neuen Anfängen und Ausgangspunktcn zu gelangen. Da 
werden die Farben, Linien, liläelten, die Kontraste und Harnw- 
nien samt ihrer vokabularischen und grammatikalischen Be- 
deutung sozusagen in abstracto neu entdeckt und buchstabier- 
übungen wie bei ABC-Schützen vorgenommen, nur daß sie lei- 
der deren unschuldige Einfalt vermissen lassen. Wie die Explo- 
sionen vielmehr sind auch diese "Gehübungen" typische End- 
produkte, nur Zeichen eines Endzustandes, wenn man nicht 
überhaupt von Ausdrücken einer selbstverständlich uneingestan- 
denen Verzweiflung sprechen will. Sie machen jedenfalls einen 
durchaus müden und spiitlinghaften Eindruck, woran auch alle 
eventuellen Tbeologisierungen nichts ändern können. 
 
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Wenn aber nun solche Kräfte (oder besser Schwächen) als 
Ende ihres modernen Lateins angekommen scheinen, so l' 
das keineswegs, daß etwa die Moderne selber, wie vicll -icht 
Gegner frohlockend konstatieren möchten, an ihrem Ende s 
de. Dieses bezieht sich vielmehr lediglich auf das Experimet 
und Effcktthcater, so weit es sich selbst genügt. Wo es je: 
um eine echte Schauerkenntnis, um eine der gegenwärtigen 
tuationen und Existenz des Menschen gemäße Deutung der Vl 
um die Veranschaulichung des Uberzeitlichcn im stvezifist 
 w. 
1930), _,Gestrüpp auf Felsen". 
illailizl tllnreni (geb. 
Ol, 1936. 
Obgleich das Bild noch Anklange an einen zerklüfteten 
Felsen und die an ihm hochkriechendcn gestrüpjntrtigcn 
Gewächse erkennen fallt, ist doch deutlich das Wilde. 
Chaotische und Explosive das eigentliche Thema. Die 
F ben des Bildes sind tveili, grau, schwarz und ein bran- 
tliges Gelb, die die auf ein Bersten und Brechen, also aul 
eine Katastrophe zielertden (JUSCfIfChÜ-FOFITICH erst rt-clit 
zum Flackern bringen. 
 
	        

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