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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 9 und 10)

korrumpieren lassen, um nur endlich auch einmal „Erf0lg" zu 
haben, so muß das in Kauf genommen werden. 
Bei wem es zur heute der Kunst auferlegten Sinn-Bild-Leistung, 
oder wie immer man ihre anschauliche Erkenntnis-, Deutungs- 
und Beschwörungsaufgabe nennen will, nicht reicht, gerät ins 
Schlingern. Wer diese Aufgabe weder sieht noch anerkennt, 
fällt vornherein aus dem internen Kunstbereich heraus. .tuch 
wenn er noch so „begabf wäre, und wer sich umgekehrt in 
Pflicht genommen fühlt, doch des erforderlichen Gestaltvar- 
mögens crmangeln sollte, bleibt zwar ebenfalls zurück, aber we- 
nigstens innerlich vollzugsteilhaltig. 
Erst dann jedoch, wenn sich die Sicht des Ewigen im Prisma 
unserer Zeit zu zwingender Gültigkeit ihrer mannigfachen Bil- 
der ausformt, wenn zweitens statt der bis jetzt noch vorherr- 
schenden „Interessen"- und „Vcrsorgungs"-Ansprüehe aus den 
produktiven Leistungszusammenhaltcn der Allgemeinheit eine 
neue Gesellschaftsordnung aufkeimt und drittens eben die Form- 
bereinigung in der gesamten Dingwelt deren Durchgeistigung 
herbeiführt, können sich auch Kunst und Publikum in einem neu- 
en Existenz-Ritus zusammenfinden. Denn dann erst, wenn der 
Mensch sich gleichsam auf allen Ebenen seines Daseins tätig 
und immer wieder auf eine andere Weise selbst begegnet, wenn 
er dies Dasein also als ein ganzheitliches Gleichnis zu erfüllen 
und darzuleben lernt, werden auch alle Formfelder seiner Exi- 
stenz durchscheinend und so von ihrem einheitlichen Grunde er- 
leuchtet und aufeinander abgestimmt. 
KOMMENTAR ZU EINER GEFÄHRDETEN WELT 
DIE GRAPHIK KUR? 
MOLDOVANS 
Von CLAUS PACK 
Das Werk Kurt Moldovans, das bis heute schon den Bereich einer 
gültigen Aussage erreicht hat, ist in jenem Bezirk der Graphik 
angesiedelt, die die Zeichnung als Deutung und Kommentar der 
Welt ansieht. In ihm wird das graphische Blatt nicht als Stasis, 
sondern als Kinesis betrachtet, als dynamischer Vorgang, der 
die Persönlichkeit des Künstlers in stärkstem Maß in die Inter- 
pretation einschaltet. Es wird nicht Welt-Sein, sondern Weltschau 
als Anlaß genommen und in die Gestaltung einbezogen. So sind 
die Themenkreise Moldovans selbst schon in ihrer Auswahl, so 
sehr sie auch Folie und Anregung darstellen, ein Ausdruck für 
die Sicht des Künstlers auf die Welt und grenzen bestimmte Be- 
zirke ab, innerhalb deren sich das Erlebnis (das bei ihm eng mit 
der Realität verknüpft erscheint) abzeichnet. Es sind dies: Der 
Krieg und der Kampf, in ihren verschiedensten Formen, als ah- 
straktes Kampfgeschehen, als Kampf der Geschlechter und als 
Kampf des einzelnen mit dämonischen Formen, die aus dem 
Unterbewuliten heraufgespült erscheinen, Fleischbanke und 
Schlachthäuser, die Welt der Insekten und Crustacäen, die Land- 
schaft (aber in ihrem Sonderfall der Stadtlandschaft), das Gleich- 
nis der danse macabre und des Ticrkreises und die dascinsgefähr- 
dete Welt des Bürgertums. 
Die Welt, die Moldovan darstellt, ist eine gefährdete, voll Ein- 
brüche und Aufbrüche, erschüttert und in ihren rationalen Zu- 
sammenhängen zerrissen, eine Welt der Illogizität und des Akau- 
salen, kurz ein Bild der Welt von heute, wie sie einem analytischen 
Blick, der Moldovan im hohen Maß zu eigen ist, erscheint. 
Die angewendeten graphischen Mittel - die bevorzugte Rohr- 
feder und die Lithographie - tragen in ihrem Duktus und in 
ihrer Formgestaltung dazu bei, die Wahl der Themen zu jener 
Aussage zu gestalten, die es hier zu untersuchen gilt. Sie werden 
in einer schleifenden, hackendcn impetuosen Handschrift, der 
man den übcrwundenen Widerstand ansieht, nicht dazu verwen- 
det, eine Form genau zu beschreiben, sondern sie vielmehr zu 
imaginieren, zu verwandeln und in eine Deutung überzuführen, 
die aus der manchmal literarischen Betrachtung ihres Wesens 
stammt. S0 zum Beispiel in jenem Blatt des „Flammenwerfer- 
trupps" aus dem Jahre 1950, in dem die Form der Soldaten mit 
Stahlhelm und Gasmaske in den Formbegriff des Tierischen, des 
Schweinshaften verwandelt wird und in dessen taumelnden Li- 
nienbezügen die namenlose Bedrohung und das Gespenstische des 
modernen Krieges einen beredtcn Ausdruck erhält. Schon in 
diesem frühen Blatt zeigt sich eine Komponente der Gestaltung, 
die Moldovan auszeichnet: das durch Picasso vor 30 Jahren in 
den Formbcgriff der Modernen Kunst eingeführte Element der 
Metamorphose. Ein aus der Erfahrung geschöpftes Formelcmcnt 
wird in seiner Dichte so erweitert, daß es geistige Bezüge in 
andere Bereiche der Erfahrung nimmt, Assoziationen hervorruft 
und damit den Erlebnisbereich vergrößert. Durch dieses Ver- 
fahren, wenn man so sagen kann, da es von der psychischen 
Erlebnisbreitc des Künstlers abhängt, wird ein mythisches und 
 
Kurt Moldovan, „KarlskircheT 1957. 
mythologisches Element in die künstlerische Formung getragen 
und die rechts stürzende Figur des Soldaten vollzieht auf dem 
Moldovanschen Blatt vollends die Gestik der von einer politi- 
schen Circe in Schweine verwandelten Gefährten des Odysseus. 
Im „Fleischträger" des jahres 1955 schichtet sich der Schurz des 
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