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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 9 und 10)

rorbild übertragen, Entfernung vom Motiv, Überwindung des 
tativen. Ihre Grenzen sind fließend: Henry Moore stellte fest, 
seine merkwürdigen I-lohlmenschen nichts anderes seien als 
Produkt der Anwendung der gleichen im Menschen aus 
sch und Blut aktiven statischen und tektonischen Kräfte auf 
Materien „Blei" oder „Erz". Der Sinn der „Vernichtung des 
ischenbildes" bei Picasso ist eine Frage der Absicht: In seinem 
numentalbild „Guerniea", bedeutet sie nichts anderes als die 
stellung von Not und seelischer Angst schlechthin. In einem 
l waren rein formalistische, im anderen rein weltanschauliche 
live primär maßgebend. Was aber die Bestimmung der äußerst 
glichen Entfernung des Umsetzungsproduktes vom Vorbild 
elangt, so stellte Picasso einmal fest, daß man in der Ausein- 
ersetzung mit dem Vorbild beliebig, d. h. nach künstlerischer 
Wendigkeit, weit gehen könne, Hauptsache sei nur, es stünde 
er dem Fertigprodukt tatsächlich ein Vorbild und der Weg 
ienem Produkt sei ein logischer, vernünftiger. 
' kehren zu unserer Feststellung zurück, Kunst schaffen be- 
te, Unanschauliches anschaulich zu machen. Damit ist letzt- 
aber auch gesagt, daß es „abstrakt? Kunst im eigentlichen 
t des Wortes nicht geben kann. NVohl stellt der Künstler ge- 
e in unserer Gegenwart Dinge dar, die andere nicht - oder 
h nicht - sehen können, aber nach einem Wort von Max 
iermann muß das Anschauungsbild zuerst in ihm selbst da- 
'esen sein, ehe er zur Arbeit schreiten konnte. Hier setzt nun 
schöpferische Moment der künstlerischen Phantasie ein. Wir 
wissen ja aus den Erfahrungen unseres Alltagslebens, wie 
haft die Phantasie arbeitet, welche Visionen sie uns produ- 
t. Sie besteht aber nicht im Erfinden und Austüfteln von Mo- 
n, wie gewisse Malsehulen des 19. Jahrhunderts glaubten, 
ntasie ist die Kraft zur inneren Schau. Alles Gesehene, 
r auch alles Erlebte muß sich im Künstler zu innerer Seltau 
zentrieren, um gemalt werden zu können und alles Gese- 
e muß erlebt, alles Erlebte aber auch gesehen werden, um 
Darstellungsreife zu gelangen. Im Widerspiel zwischen Ge- 
znem und Erlebtem liegt das Geheimnis des Schöpferischen, 
in sich ein echtes Mysterium, etwas Apriorisches ist. 
i der inneren erlebten Schau zur formalen Verwirklichung 
führt aber der Weg der durch Können und Logik gebändigten 
Begabung. Der Künstler macht es grundsätzlich nicht anders als 
der Wissenschaftler: Er verwirklicht sein Unterfangen Schritt 
für Schritt (wobei in keinem Fall etwas über das Tempo des 
Schreitens gesagt ist), Stufe um Stufe. Auch die Wissenschaft 
forscht ja nicht ins Blinde hinaus, sondern setzt sich ihre zu ver- 
wirklichenden Ziele sehr klar und eindeutig. Diese „Vcrnunft" 
im Kunstwerk macht ja. erst seine Geschlossenheit und Dichtig- 
keit aus: In einem echten Kunstwerk gibt es weder leere, noch 
oberflächliche oder „zwcitwichtige" Stellen. 
Noch in einem anderen Belang gleichen sich Künstler und Wis- 
senschaftler, nämlich in der Unbedingtheit ihrer Zielsetzung. Die 
Künstler aller Perioden vor der Französischen Revolution ar- 
beiteten sozusagen mit gebundener Marschroute, sie mußtcn ge- 
gebcne Aufträge für einen ganz eindeutig zu definierenden Pub- 
likumskreis ausführen. Sie gleichen etwa den Ingenieuren, die 
ein Hochhaus bauen, dts bestimmten Zwecken dient und be- 
stimmte Aufgaben zu erfüllen hat. In beiden Fällen ist es das 
Moment des „Vcrnünftigen" das als das Wissenschaftsverwztndte 
bezeichnet werden muß. Seit der Französischen Revolution ar- 
beiten Künstler (und auch Wissenschaftler) „frei". d. h. ohne 
Auftrag, ohne von außen herangetragenes Ziel. Die Fragen, mit 
denen sie sich auseinandersetzen, sind nunmehr primär-prinzi- 
pieller Natur und die völlige Rücksichtslosigkeit auf das Publi- 
kum in Hinsicht auf Erfolg und Gefallen ist bei beiden Beweis 
der Reinheit und Größe der Gesinnung wie auch der Bedeutung 
der gestellten Grundprobleme. 
Um zum Schluß zu kommen: Das Gegenständliche in der Kunst 
ist kein wesentliches Kriterium der Qualitätsbcstimmung. Der 
Gegenstand der Kunst ist Geschautes, Erlebtes im breitesten 
Sinn des Wortes. Der von außen dem Künstler auferlegte Ge- 
genstand („das Bestellcrthema") ist aber auch nicht kunstfeind- 
lieh, sondern Basis einer Auseinandersetzung. Das Kunstwerk 
ist Ergebnis jcner Auseinandersetzung, die mit den von außen 
oder von innen her gegebenen Gegenständlichkciten stattfindet. 
In diesem Sinne gibt es aber auch keine unterschiedlichen Kri- 
terien in der Beurteilung von „alter" und „neuer" oder von vge- 
genstiindlicher" und „ungegenständlicheW Kunst. 
WIE MODERNE KUNST IM ALLTAG 
VON ALFRED WEIKERT 
ist ja nicht nur heute, sondern wahrscheinlich zu allen Zeiten 
daß die jeweilig gerade in Schwung befindliche Kunst, d. h. 
Kunst der Zeitgenossen, von der großen Menge nicht ver- 
tden wird. Dies ist nichts Außergewöhnliches und mull 
irscheinlich so sein, sonst bestünde die Gefahr, daß der le- 
de Künstler genau dem Durchsehnittsmenschen nach dem 
nde, nach dessen Geschmack, nach dessen Auge arbeitet. 
hts wäre schlechter als das. Der Künstler muß seiner Zeit 
aus sein, cr muß mit seinen Ideen, seinen Gedanken genauer 
inneren Erlebnisse fühlen und das, was in der Zeit steckt, 
lge, die vielleicht dem normalen Menschen noch gar nicht so 
itig zum Bewußtsein gekommen sind, die er nur spürt, die 
aber nicht konkret gestalten, nicht definieren kann. Das ist 
Aufgabe des Künstlers, daß er jene seelischen Erlebnisse, daß 
ene geheimnisvollen Kräfte, die sich bereits zu gruppieren be- 
ginnen, die ihre Wirkungen zeigen. aber noch nicht in ihren 
lachen klarliegen, daß er diese zusammenfaßt und in einer 
isch oder akustisch für den übrigen Menschen faßbaren Art 
stellt. 
ist nun aber leicht möglich, daß diese Darstellungsweise in 
einer Form vor sich geht, die nicht immer das Wohlgefallen und 
ein positives Urteil der Mitmenschen erhält. Daran ist bestimmt 
nichts Schlechtes und dies muß eben so sein. Es sollte aber doch 
auch von seilen des Künstlers versucht werden, dieses Finden _zu 
seinem Kunstwerk, dieses Bestreben der Mitmenschen, das sicher- 
lich in einem Gutteil von ihnen vorhanden ist, zu erleichtern, 
zu helfen und zu unterstützen. Es wird nun für die verschiedenen 
Kunstarten verschieden leicht bzw. schwer sein, hier mitzuhelfen. 
Am schwierigsten haben es sicherlich diejenigen Sparten, die voll- 
kommen fern vom täglichen Leben des Menschen sind und die 
einer besonderen Liebe bedürfen, damit man sich mit ihnen aus- 
einandersetzt, daß man ihnen niiherkommt. Hierher gehören 
sicherlich die Werke der bildenden Kunst. Näher, wenn man sich 
so ausdrücken kann, stehen dem Menschen jene Kunsterzeug- 
nisse, mit denen er im Alltag immer wieder zu tun hat, um die er 
sozusagen nicht herurnkommt, für die es daher keiner besonderen 
Liebe bedarf, dcretwegen er keine besondere Ausstellung besu- 
chen oder sich in ein Buch vertiefen muß, Dinge, die ihm also 
auf Schritt und Tritt begegnen. 
Hierher gehört also z. B. die Architektur. Wohnen mull jeder 
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