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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 11)

  
jÜNCvLiNG VOM MAGDALENSBERG 
Die Inschrift, nach dem Schrifttypus um 70-60 v. Chr. anzusetzen. nennt die Namen von 
ztvei Kaufleuten aus Aquiieja, welche die Statue dem Heiligtum des Mars Latobius auf 
dem Gipfel des heutigen Mitgdaleitshergcs als Wcihegabe stiftcten. - Durch Erz '('l'tOf 
Matthäus Lang v. Wellrnbttrg (1468-1540), Ratgeber Maximilians I, und früher Bischof 
von Gurk, kam die Statue in der 1, I ilfte des 16. jh. nach Sa burg. Aufstellung auf der 
Festung llohensalzburg. Wahrend des 17. jh. verschollen, wurde die Plastik im 18. _]h. von 
einem Humanisten in einem Pfarrgiirteii in der Stadt gefunden, wo sie als Brunnenfigur 
verwendet und mit einer Eisenstange an einer Mauer befestigt war. Das Loch in der 
rechten Schulter rührt von dieser Art der Anbringung her. Die Statue kam dann in die 
Salzburger Residenz, wurde 1806 vor Nnpoleon nach Wicn gerettet, kam in das Münz- 
und Antikcnkabinett und später in das Kunsthistorische Museum, wo sie sieh hcutc befindet. 
 
 
Ringstcin mit Nercidc. 
einem Secpfcrd erscheint, so mischt sich hier zweierlei. Ein- 
mal ist cs eine Gestalt der griechischen Sage, eine Schwester 
der Thetis, die deren Sohn ACl1lll'V()D Hephaist ein Waffenstück, 
nämlich den Schild, bringt. Dann aber erscheint hier ein überir- 
disches Wesen, das auf einem liabclrcittier über die XVcllcn des 
Ozean nach dem Wcstcn zieht. Im Westen aber, jenseits des gro- 
iicn Meeres wohnen in den (Jefildcn der Glückseligcn die Toten. 
S0 wird die Nercidc zum Auferstchungssymbol und als solches 
vom Einheimischen weit besser verstanden worden sein als in 
Gestalt der griechischen Mythologie, 
Aus dem Osten wie aus dcm Westen gleiten auf diese Wcisc ähn- 
liche Geistcsströmc nach Rom, um hier in der Transzendenz der 
Spätantike sich zu verbinden. Der klassische Süden wird so 
grundlegend gewandelt, doch auch der europäische Westen ver- 
liert scin urtümlichcs, düsteres Gesicht. Eine Gegenüberstellung 
möge dies illustrieren: Am Fuße des Magdalensbergcs, in der 
Kirche St. Donat am Zollfeld, ist Österreichs ältestes Steindcnk- 
mal cingemauert, ein altkeltischct" Kopf, dessen Züge aus einem 
großen Schlcifcnornament gebildet werden, etwa aus dem 2. jhdt. 
v. Chr. Der Kopf krönte cinst einen 2m hohen Stcinpfahl und 
stellte so dic Spitze eines (irahpfeilcrs dar. Was hier gezeigt wcr- 
den soll, ist Wucht und auch Schrecken des Todes, denn das 
Haupt mit seinen geschlossenen Augen, mit den hetutbgezogencti 
Mundwinkeln ist das eines Toten. Die Vorstellung vom Mcrt- 
schcn, die hier zugrunde liegt, ist dic des großen Toten, der zu 
einem gefährlichen numen wurde, das man f" ehtcn mulS, das 
man aber auch versöhnen kann. 1000m über dem Zollfeld, in 
dem keltischen Heiligtum auf der Spitze des Magdalensbcrges 
stand seit der 1. Hälfte des i. jhdts. v. Chr. die schöne Bronze- 
statue eines jünglings, die nun das Glanzstück der Antikcnabtci- 
lung des Wiener Kunsthistorischen Museums bildet. Wohl war 
er nicht für diese Stelle geschaffen worden. Die ursprüngliche 
Statue eines griechischen Knabensiegers hatte man durch dic 
ßcigabc cincs Schildes und wahr" hcinlich eines Hclmes zu je- 
nem Gott umgewandelt, den die inhcirnischen auf der Spitze des 
Berges vcrchrten und die Römer mit ihrem Kricgsgntt Mai" ver- 
glichen. Abcr scinc schöne, ausgewogene Natürlichkeit, scinc har- 
monischen Proportionen, seine rythmische Bewegung waren ge- 
blieben. l-licr erschien vor dem Vcrehrcr nicht das erschreckende 
Numen eines Toten, sondern die liebenswürdige Gestalt eines Le- 
benden, nicht ein Popanz, sondern ein schöner Mensch. Wie viel 
Lösung von dunklem Aberglauben, wie viel Versühnliehes, wie 
viel menschliche Güte mufS allein von dem Anblick dieses Werkes 
auf seine schlichten Bcschauer ausgestrahlt haben. Furcht wan- 
delte sich zu Liebe, abergläubische Bindung zu Vertrauen. 
Der Magdalensbcrg, jetzt wicdcr geschwisterlich eingebettet in 
die umgebenden Waldhügcl, licldcr und Wiesen, muß einst Mit- 
telpunkt von geistigen Auseinandersetzungen und Ausgangsort 
einer helleren Kultur für unsere Heimat gewesen sein. 
 
  
 
 

	        

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