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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 12)

KEIN ANDERER AUSWEG ALS DIE SPITZHACKE? 
ABRISS EINE_S BAROCKSCHLÖSSLS ZU GUNSTEN EINER FRAGWÜRDIGEN VERKEHRSLÖSUNG 
Der Fttllnärhloß ttut der Weiden" In Harla Enzerstloxlbel 
Wien in so bedeutsulu, (m: „uu- und ltlutlerne Kunst" 
"um darüber hlnweggrhen kann. Es gehört zur Aut- 
gabe einer Kunstzeltsehrlir, steh auch des Schicksals alter 
Kuustdenkmäler nnzunrlttucu mm alle jene Fälle anzu- 
krclden, kill: eine llngtntttu Ulitrtretung litt! Denkmal- 
sehutzgust-tzes darstellen. 
Dl l-I REDAKTION 
Wieder einmal wurde ein altes Barockschlöill das Opfer der 
Spitzhacke. Und wieder einmal wurde das Denkmalamt vor voll- 
endete Tatsachen gestellt. Der Fall ist so eklatant, daß er der nä- 
heren Untersuchung wert erscheint, wie es eigentlich dazu kom- 
men konnte. „Um eine Straße zu begradigcn und eine Enge zu 
beseitigen" - wie die Begründung der Stadtgemeinde lautete - 
wurde die Mauer und der Straßcnflügel des Barockseltlößchens 
„Auf dcr Weiden" in Maria-Enzcrsdorf abgerissen. lis handelt 
sich um einen der wenigen in ihrem ursprünglichen Zustand cr- 
haltenen schloßähnlichen Landsitzc, wie sie in barocker Zcit in 
der Umgebung Wiens angelegt wurden. 1714 bis 1716 erbaut, 
stellt es einen künstlerisch überaus qualitätvollen architektoni- 
schen Bestand dar, auch wenn die Zuschreibung von Johann 
Bernhard Fischer von Erlach nicht zutrifft. Besonders der Haupt- 
saal mit rosa und grauer Kunstmarmorverkleidung, reichem 
Stuckzicrztt und einem Deckenfresko von johann Georg Schmidt 
aus dem Jahr 1730 ist von hervorragender künstlerischer Bedeu- 
tung; Supraporten und Blumenmalercien, die Werner Tamm zu- 
geschrieben werdcn, zieren den Raum. Die beiden Scitentraktc 
gaben dcm Bau dic harmonische Gestaltung. Nun bleibt nach 
Abriß des zur Straße gelegenen 'l'raktcs ein Torso zurück, der 
jenen, die ihn verschuldet haben, wahrlich nicht zur Ehre ge- 
reicht. 
Die unrühmliche Geschichte beginnt damit, daß der frühere Be- 
sitzer des Schlosses das Denkmalamt über Rcstaurierungsttr- 
bciten in Kenntnis setzt, die von der USlA-Vcrtvaltung (l) ein- 
geleitet wurden, und sie endet damit, daß der nunmehrige Besit- 
Das Barockschlößl „auf der Weiden" in Maria Enzersdorl" vor der teil- 
weisen Zerstörung. 
zer, das Land Niederösterreich, das Schloli teilweise demolieren 
l . Dazwischen liegt ein hartnäckiger, freilich vergeblicher 
Kampf von seiten der Denkmalpflege und zahlreicher Kunst- 
freundc um die Erhaltung dicsts unter staatlichem Denkmal- 
schutz stehenden Gebäudes. 
Ein jahr nachdem die Netideckung des Schlolidaches begon- 
nen wurde, erfährt irtan, dafl das Land Niederösterreich den 
Kauf beabsichtigt, da dem Besitzer die Erhaltung des Objektes 
große Schwierigkeiten bereitet. Der Konservator dieser Stelle 
stellt bei einer Besichtigung fest, daß der Bauzustand, abgesehen 
von Zcitschäden, nicht besonders schlecht ist. Dennoch werden 
bereits die Verbreiterung der Stralle und damit der Abbruch des 
einen Traktcs erwogen, obwohl das Bundesdcnkmztlamt darauf 
hinweist, dali eine Umfahrung für alle Teile sinnvoller und 
zweckmäßiger wäre. 
Zahlreiche Kunstfreunde schalten siclr nun ein, bestürmen das 
Denkmalamt, das nun seinerseits zahlreiche Schreiben an die 
nicderösterrcichische Landesregierung um Aufklärung richtet. 
Diese Schreiben bleiben unbeantwortet. lmmer wieder wird dar- 
auf verwiesen, daß mit dcm Projekt keine Verkehrslösung er- 
zielt werden kann, daß eine Passage für Fußgänger, wie sie in 
XVien bei dcr Stallburg oder der Wipplingerstrallc angelegt 
wurde, zweckmaßiger sei; dall das Ortsbild zerstort zu wer- 
den droht, da von vier Häusern, die demoliert werden sollen, 
bereits zwei abgerissen sind. Unsinnige Vorschläge, wie die At- 
trappe einer bzilkonartigen Ausgestaltung der Schmalseite des 
Saalbaus, zu der kein Zugang führen würde, oder die Begrün- 
dung, dall das Kernstück von hiilSlichen Aufbauten späterer Zeit 
befreit werden würde (l), werden zurückgewiesen. 
Von der sich als „aufstrebende Gemeinde" bezeichnenden Stadt- 
verwaltung ist wenig Hilfe zu erwarten. Wlorte wie „altes Ge- 
rümpel" fallen. Aber der Fremdenverkehr soll in diesen XVall- 
fahrtsort gelenkt werden! Dort werden sich dann die Ausländer 
an einer neuen Likörfttbrik und dürftigen modernen Zweck- 
bauten erfreuen. Das Bundesdenkmalamt stellt in einem, eben- 
falls unbeantworteten Schreiben eindeutig fest, daß es eine Zu- 
 
Um einer fragwürdigen Vcrkehrslösung willen hat hier die Spitzhacke 
ihr barbarisches Werk getan. Vergeblich war der Einspruch des Bun- 
desdenkmalamtes. 

	        

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