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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 12)

Die Hirten. Krippcnfiguren von Benjamin 
Heinz. 
 
mit, die immer eine Rundzahl verlangt, meist drei Hirten, die 
auch gern namhaft gemacht werden. Erst in der Barockzeit gibt 
man zu den dreien eine vierte Gestalt dazu, und zwar eben mit- 
unter eine Hirtin. Von unseren Figuren nun gehören drei sicher- 
lich zur Verkündigung. Die zierlichen Gestalten (etwa 12cm im 
Durchschnitt groß) entsprechen dem Verkündigungscngel von 
gleicher Größe. Der geflügelte Himmelsbote steht, hat die Flü- 
gel ausgebreitet, und hebt den rechten Arm zum Verkündigungs- 
grüß: „Fürchtet euch nicht -". Er trägt ein weißes Leibkleid 
und einen schmalen rosa Überwurf, die Beine sind bloß. Von den 
Hirten schläft der eine noch, das ist so Tradition. Die Hirten- 
spiele und Weihnachtslieder wissen allenthalben davon: „Steffel 
du Schlafhauben!" Auch in den schlesischen Weihnachtsspielen 
ist es meist der „Staffa", der noch schlaft, wogegen die anderen 
schon aufgesprungen sind 3. Auch hier ist einer schon unterwegs, 
er hat sich die Stiefel über die bloßen Beine angezogen, hat den 
Stock in die Hand genommen und sich nach Bethlehem aufge- 
macht. Er ruft noch den anderen zu, den Kopf nach rückwärts 
gedreht, schreitet aber schon vorwärts. Die Hirtentasche hat er 
am langeltRiemen umgehängt, wie alle seine Berufsgefährtemund 
den krempenschlappen Hut hat er auf, den haben sie ja alle 
auf, nicht einmal der Schläfer ist ohne ihn zu sehen. Sie tragen 
alle nocll Trachten des späten 18. Jahrhunderts. Die Lederhose 
geht übers Knie hinunter, ist aber offen, kein Strumpf deckt das 
bloße Bein. Der dritte dieser Gruppe ist am erregtesten, er ruft 
die Botschaft nach, mit erhobener Hand, die Linke staunend weit 
von sich gestreckt. Die bloßen Füße und der schlappe Hut über 
dem gar nicht mehr jungen Gesicht bilden einen prächtigen Ge- 
gensatz. Auch im Detail gibt die Figur viel: Der offene gelbe 
Rock über der hellblauen Weste, die ziemlich hoch am Leib 
endet, wogegen die Hose in ihrer altertümlichen Art erst weit 
unten ansetzt. Dazwischen plodert das Hemd. Das ist Absicht, 
bei mehreren Hirtenfiguren wiederholt sich die Darstellung, die 
also eine Trachtengewohnheit widerspiegelti Die gleiche Klei- 
dung trägt eine Figur, die sich wie die anderen Hirten gibt, aber 
ß Vgl. Frleilrleh v o gt, Die Hcllleäläcllcll Welhnuehtssplele. Lelpzlg 190i. 
Bes. s. m li. - Unsere Krippe Bilmllll aus einer Landschaft, aus der Ort mr Ort 
Welhnachtilaplelo beknnntgewordvn sind, wie Mahrlilvh-Altatadt, Engeltiberg, rrrlrt- 
Stadt, Greelendorf. Jaucmlg. Johnnneslhal, Lllltltllllll, Ohergrunil, olmair, Pik- 
kau, Selberadorl, Spiltclgruntl, Stin-henwuld, Ftuhlaelfen. Mihrlaeh-Trübau, Wal. 
tersiiori bel rullirlr, wrlntrrn bel Jigerndurl. Wermsdorf, Zucknlantel. Zwit- 
tau. Diese Orte waren einstmals alle auch Krlppenorle, von denen sich manches 
gute Stück auch In den Museen befindet. 
sie um mehr als Haupteslänge überragt. Sie ist auch dicker be- 
malt als die anderen Figuren, so daß man meinen könnte, sie 
wäre nicht von dieser Krippe. Wohl aber ist sie nach der Art der 
Schnitzerei und auch nach der Tracht von Heinz, von dem wir 
ja wohl annehmen müssen, daß er nicht nur eine Krippe gestal- 
tct hat. Die prächtige Bewegung der Körperdrehung, das köst- 
liche Abziehen des schwarzen Krcmpenhutes mit der Rechten, 
machen die Figur zu einem wertvollen Stück. 
Die Hirten an der Krippe sind bewegter und reicher mit Attribu- 
ten versehen als die auf dem Felde. Der erste kniet bereits, den 
Hut, den er auch hier nicht tntbchren mag, hat er unter den rech- 
ten Arnl geklemmt. Er hat schwarze Halbschuhe über die nack- 
ten Füße gezogen. Hinter ihm stand wohl der musikalische Hirt, 
der in der Krippe ebenso wenig wie in Weihnachtslied und -spicl 
fehlen darf. Hier ist es ein Dudelsackpfeifer, ein lieber Bub, der 
die Backen dick aufbläst, um den Windsack, der unter seinem 
linken Arm steckt, richtig füllen zu können. Dcn schwarzen 
Schlapphut hat er geradezu genial schief aufgesetzt. Man vermag 
es nur schwer zu entscheiden, wie die Anregungen der Weih- 
nachtskunst gerade bei diesen Dingen hin- und hergegangen sind. 
Schon die mittelalterlichen Darstellungen kennen den Dudelsack 
als Musikinstrument der Hirten, und er hat sich in Gebieten mit 
stärkerer Hirtenkuliur auch tatsächlich bis ins 19. Jahrhundert 
erhalten 5. Besonders die Gebirgsanteile der Sudcten- und Kar- 
patlienländer innerhalb der Osterreichisch-Ungarischen Monar- 
chie sind geradezu Reservate der Dudelsack-Musik geblieben. 
Anderseits ist aber die ganze Weihnachtskunst, insbesondere auch 
die Krippe, von der italienischen Hirtenmusik angeregt worden, 
in der der Dudelsack ebenfalls eine Hauptrolle spielte. Noch jo- 
sef von Führich ist durch seinen römischen Aufenthalt dazu an- 
geregt worden, in seine Krippcndarstcllung den Dudelsaekbliiser 
aufzunehmen f. 
So wird man es also wohl dahingestellt sein lassen, woher Heinz 
die genauere Anregung zu dieser Gestalt empfing. Heimatliche, 
miihrisch-schlesische, Anregung ist jedenfalls durchaus möglich. 
f Arthur Haherlnnd i. Die Volkstrlichten de! Alpen (In: Hans Leltnleler. 
Die österreichischen Alpen. Lelpzlg unrl Wien 192i}. S. 2931!.) 
t Karl n. Klier, hilkiilümliehe Musikinstrumente ln den Alpen. Kassel was, 
s, 311i. 
lllllnbruck 1929. 
ß Jonel Alm. tlil. 
rerhtll. 
lliuglcr, Deutsche Wt-lhnilrhtakrlppt-ll.
	        

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