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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 1 und 2)

Ein ltlaskenbzillbcsucher, nach Art eines Harlekins kostümicrt, ist im 
Begriff, in den Laden eines Maskenhiintllers einzutreten, (Titelblatt des 
..Entdecktcn Carneval", Wien, 1709.) 
 
Groteske Faschingsfiguren; in der Mitte ein Capitann, die bekannte 
Figur aus der italienischen Commcdia delVitI-tc. Entwurf von Lodovico 
Ottavio Burnacini (geb. 1636, gest. 1707 in Wien). Die hier gezeigten 
Aquarelle Burnacinis entstanden in der Zeit zwischen 1670 und 1707 
als Kostümentwürle für die Faschingsfeste des Wiener Hofes. 
burger, für den die nach dem Zeremoniell in ihrer Dauer je n 
dem Grade der Verwandtschaft zum Kaiser genau abgestufte I 
der „Klage" gehalten werden mußte, in der jede öffentliche l 
terhaltung „eingcstellef blieb. In den letzten Jahrzehnten 
17. Jahrhunderts hielt man dann meist sogenannte „Akademic 
Strcitgespräche nach kirchlichem Muster, nur mit durchaus w 
liehen Stoffen. Vielfach stand die Liebe im Mittelpunkt der A 
einandersetzungen: Ob ein Kavalier cntschuldhar ist, der, 
seiner Dame zu gehorchen, eine andere beleidigt? Ob sich im 
hcn Anlage oder Erziehung besser bewährt? (1685). Es gal' 
diesem Fasching durch 6 YVnchen hindurch an jedem Sam: 
ein solches „Divertimento Academico" wobei die Kavaliere : 
bemühten. vor dem Kaiserpaar, vielen Adeligen und Damen „l 
e spiritosi diseorsi sopra bizarri problemi molto curiosi e viv. 
zu halten. 
Der liaschingdienstag, dem nach soviel irdischer Lust die Fast 
zeit mit ihrer Einkehr und Besinnung auf das Jenseits fol, 
brachte das größte Fest, Höhepunkt und Abschluß zugleich: 
„Wirtschaff odcr „BauernhochzciW. Es waren dics Maskenfi 
ungefähr gleichen Charakters, wie sie schon in der ersten Hä 
des 17. Jahrhunderts am Kaiserlichen Hof gehalten wurden, 
Leopold I. aber den Fasching so regelmäßig beschlossen, , 
man nur mehr von der „gewöhnlichen" (d. h. gewohnten) „W 
schaft" sprach. Andere Formen großer Maskenfeste sind se 
bezeugt; das originellstc- war wohl das „Königrcich", das I 
pold l. nach seiner ersten Verheirzttung hielt (1669); in eit 
fingierten Königreich waren Rang und Stand, allerdings nur 
eine Faschingsnacht, vollkommen verändert: ein Kavalier ' 
König und der Kaiser „ein Silberdicner", die Kaiserin „ein Cai 
liriiule so zugleich schenkht". 
Für die „Wirtschaftcn" bildete sich dann mit der Zeit ein 
stimmtcr Ablauf heraus. Der ruhende Pol in der lirscheinun 
Flucht waren Kaiser und Kaiserin, die als Wirt und Wirtin „7 
schwarzen Adler" als Gastgeber fungierten und nun bei 
'„Bauernhochzeit" die Hochzeitsgäste hcwirteten oder bei 
„WirtschafW Gäste aller Herren Länder empfingen: immer ' 
es freilich der enge Kreis der „Kaiserlichen Hof-Statt", der 
ihnen teilnehmen durfte. Im ersten Teil des Festes wurden 
Kostüme bcschaut, wohl auch ein wenig getanzt und ein „l 
gang" in folgender Ordnung gehalten: Den Zug eröffneten 
einer „Baucrnhochzeif der Naehtwächter und als ledige Knet 
die höchsten Hofämter, Übcrsthofmeister, Ohcrstkiimme 
Obcrstküchenmeister vom Hofstaat des Kaisers, der Kaisi 
und der lirzherzoge; es folgten Wirt und Wirtin (Kaiser undl 
scrin) und paarweise, immer Mann und Frau derselben Berufs 
ihr Personal: Kellner und Beschließerin, Koch und Köc 
Knechte und „Dierncn"; Spielmann, Marktschreier, Schult 
ster und Kaplan bildeten eine Zwischcngruppe, auf die die Br: 
leute mit Vater, Mutter und ihren Verwandten, sowie Brautl 
rer und Kranzljungfrauen folgten. Dann kam wieder eine Vic 
gruppc, Herrschaftspflegcr, Dorfrichtcr, Soldat und Dorf-Jud 
zum Abschlull Bauernpaarc aus ganz Europa: spanische, „en_ 
lischc", „wälsche", schwedische, dänische, hannakische, sch 
hische, tirolisehe usw. sogar türkische. Anders kostümiert wa 
die Teilnehmer an einer „Wirtschaff, die mehr städtisches 
präge hatte: statt des Nachtwächters eröffnet-e der „Thorwä 
den Zug, Gewerhsleutc, wie Glaser und „Fleischhacker" ft 
tcn. An die Stelle von Spielmann, Marktschreier und Schulr 
stcr bei der „Bauernhochzeif trat der „Musicus" und statt Hc 
zeitszug und Dorfgemeinschaft erschienen Vertreter aller n' 
liehen Nationen aus ganz Europa: „Alt-Teutsche", Venezia 
Moscoviter, Griechen, Pcrsianer, Mohren und nur vercin 
Bauern; Capellan und Jud waren hier wie dort. 
Die „Wirtschaften" fanden stets zur Faschingszeit statt; au 
dieser nur, wenn man einen besonderen Gast besonders eh 
wollte, wie Peter den Großen, der im Jahr 1698 Leopold I. 
Wien besuchte. Ihm zu Ehren wurde am 21. Juli in der „Kay 
liehen Favorita" (dem heutigen Theresianum in der Favorit
	        

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